Die Benedikt-Option – Teil 3: Das Licht der Welt

Karl Friedrich Schinkel - Mittelalterliche Stadt am Fluss (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

In seinem Buch „Die Benedikt-Option“ entwirft der Autor Rod Dreher eine Strategie für christliches Leben in dem schwierigen Umfeld, das westliche Gesellschaften künftig darstellen könnten. Der dritte und abschließende Teil unserer Serie über das Buch behandelt praktische Aspekte dieser Strategie. Dreher setzt sich in diesem Zusammenhang vor allem mit Gemeinschaftsbildung, dem Aufbau von Netzwerken und der Ausbildung jener auseinander, die unter den künftigen Krisenbedingungen im Sinne ihrer christlichen Berufung als „Licht der Welt“1 die Erneuerung und den Wiederaufbau westlicher Gesellschaften leisten sollen.

  • Der erste Teil unserer Serie beschrieb Drehers Analyse der Krise westlicher Gesellschaften sowie des Versagens der Kirche und des christlichen Konservatismus bei der Abwendung dieser Krise.
  • Der zweite Teil unserer Serie behandelte die Gedanken Drehers darüber, wie das Christentum gestützt auf Netzwerke resilienter kleiner Gemeinschaften die unabwendbar gewordene Krise westlicher Gesellschaften überdauern soll, um diese Gesellschaften anschließend wieder aufbauen zu können.

Sammlung und Gemeinschaftsbildung

Die Grundlage der von Dreher vorgeschlagenen Strategie stellt die Sammlung der Kräfte dar, die dazu bereit seien „Gemeinschaften zu bilden […] in denen eine gelebte Tugend das lange Dunkle Zeitalter, das uns bevorsteht, überleben kann“. Diese Sammlung solle um religiöse Kerne herum erfolgen, in denen die christliche Tradition und Lehre sowie Liturgie noch intakt und lebendig seien. Man erkenne diese Kerne daran, dass sie am Ziel festhalten, den Menschen nach dem Vorbild Christi zu formen. Um solche Kerne herum könne der Glaube gepflegt werden, wachsen und in schwierigen Umfeldern überdauern.

Dreher, der als Journalist an der Aufdeckung der bis auf höchste Ebenen der kirchlichen Hierarchie in den USA und möglicherweise auch darüber hinaus reichenden Missbrauchsnetzwerken in der katholischen Kirche beteiligt war, geht davon aus, dass aufgrund der Verfallserscheinungen in der Kirche eine wesentliche Herausforderung bestehen wird, solche intakten Kerne zu identifizieren:

„Wenn wir heutigen Christen nicht fest auf dem Felsen der geheiligten Ordnung stehen, wie unsere heilige Tradition sie offenbart – eine Ordnung des Denkens, Redens und Handelns, die das Christliche in der Kultur verkörpert und von Generation zu Generation weiterträgt -, dann haben wir überhaupt keinen Boden mehr unter den Füßen. Wenn wir nicht Praktiken in unser tägliches Leben einbeziehen, die sicherstellen, dass diese geheiligte Ordnung uns, unseren Familien und Gemeinschaften stets präsent bleibt, werden wir sie verlieren. Und wenn wir sie verlieren, laufen wir Gefahr, Ihn aus den Augen zu verlieren, auf den alles in dieser geheiligten Ordnung hinweist wie eine göttliche Schatzkarte.“2

Es sei erforderlich, im ersten Schritt Grenzen zwischen entsprechenden Gemeinschaften und der umgebenden Welt zu ziehen, um diese Gemeinschaften vor der Korrumpierung zu schützen, die verweltlichte Teile der Kirche ergriffen habe. Einer der von Dreher befragten Benediktinermönche sprach davon, dass eine gute christliche Gemeinschaft als „Insel der Heiligkeit und Beständigkeit“ in der sie umgebenden Welt existieren müsse. Hinter schützenden Grenzen sei es leichter, das eigene Leben mit den Anforderungen heiliger Ordnung in Übereinstimmung zu bringen.

Die entstehenden Gemeinschaften sollten Impulse des monastischen Lebens in das Leben christlicher Laien integrieren, um ein resilienteres christliches Leben zu ermöglichen:

„[W]ir […] folgen unserem Pilgerweg auf den Spuren Benedikts, hinaus aus der in Trümmern liegenden imperialen Stadt […]. Wir finden andere, die so sind wie wir, und bauen Gemeinschaften auf, Schulen für den Dienst des Herrn. Wir tun das nicht, um die Welt zu retten, sondern aus keinem anderem Grund als dem, dass wir Ihn lieben und wissen, dass es eine Gemeinschaft und eine geordnete Lebensweise braucht, um Ihm voll und ganz zu dienen.

Wir leben liturgisch, tragen unsere geheiligte Überlieferung in Anbetung und Gesang weiter. […] Wir heiraten und geben unsere Kinder in die Ehe, und obwohl wir im Exil leben, „suchen wir der Stadt Bestes“. […] Wir lesen die Bibel und erzählen unseren Kindern von den Heiligen. Und wir erzählen ihnen auch – im Obstgarten und am Lagerfeuer – von Odysseus, Achill und Aeneas, von Dante und Don Quixote, von Frodo und Gandalf, und all die Geschichten, die überliefern, was es bedeutet, Männer und Frauen der westlichen Welt zu sein.“3

Eine Herausforderung für solche Gemeinschaften werde darin bestehen, sektenartige Eigenschaften wie übertriebene Kontrolle der Mitglieder zu vermeiden. Die über viele Jahrhunderte hinweg aufgebauten Erfahrungsbestände des christlichen Mönchtums könnten dabei helfen.

Drehers Ansatz wird zum Teil missverstanden, weil die christlichen Gemeinschaften, die er in seinem Buch vorstellt (darunter die benediktinischen Mönche von Norcia und die katholische Laiengemeinschaft Tipi Loschi in Italien) zum Teil räumlich getrennt vom Rest der Gesellschaft leben. Dreher betont jedoch, dass dies daran liege, dass es noch nicht viele Beispiele für solche Gemeinschaften gebe und dass eine räumliche Trennung künftig in den meisten Fällen weder möglich noch wünschenswert sein werde.

Christliche Gemeinschaften als Schulen des Dienstes

Christen könnten der Welt nicht geben, was sie selbst nicht hätten. Der hl. Benedikt habe seine Klöster als „Schulen für den Dienst des Herrn“ und seine Ordensregel als eine praktische Anleitung zu christlicher Lebensgestaltung verstanden, was ein Vorbild für die zu schaffenden Gemeinschaften und die von ihnen zu leistende Formung und Ausbildung von Christen für ihren Dienst darstelle.

Dreher zitiert den Kirchenhistoriker Robert Louis Wilken, demzufolge es in der gegenwärtigen Lage zunächst darum gehen müsse, „die Überreste christlicher Kultur zu verstehen und zu verteidigen“ und sie sich anzueignen. Die kulturellen Bestände des Christentums beinhalteten „eine Weisheit, die einfachen Gläubigen dabei helfen kann, sich inmitten der modernen Welt zum Kampf zu rüsten, das neue Dunkle Zeitalter nicht bloß durchzustehen, sondern sogar in ihm aufzublühen“.

Das Christentum sei mehr als nur eine Weltanschauung. Es äußere sich in der gesamten Lebenshaltung eines Menschen. Die Menschen der sich um religiöse Kerne herum bildenden Gemeinschaften müssten ihrem Leben eine entsprechende Form geben.

Der Aufbau christlicher Netzwerke

Diese Gemeinschaften sollten sich untereinander vernetzen, denn die „zersetzenden Kräfte, die von der populären Kultur ausgehen, sind zu stark als dass Individuen oder einzelne Familien ihnen aus eigener Kraft widerstehen könnten“. Dreher bezieht sich bei seinen Gedanken über christliche Netzwerke vor allem auf das Konzept der „Parallel-Polis“, das von christlichen Dissidenten im Ostblock während der Zeit der kommunistischen Herrschaft entworfen und umgesetzt worden war. Wir hatten dieses Konzept hier näher vorgestellt. Dreher bezieht sich außerdem auf Erfahrungen von Juden, die ähnliche Strukturen in für sie ungünstigen Umfeldern geschaffen haben.

Diese Netzwerke sollten Christen möglichst unabhängig machen und eine Solidarstruktur bilden, die christliches Leben unter schwierigen Bedingungen unterstützen solle, etwa durch die Vermittlung von Bildung, unabhängig von dysfunktionalen oder ideologisierten öffentlichen Schulsystemen oder durch die Vermittlung von Arbeitsplätzen. Solche Netzwerke sollten unnötige Konflikte mit ihrer Umwelt vermeiden. Wo sie politisch aktiv würden, solle es vor allem darum gehen, Freiräume für Christen aufrechtzuerhalten oder zu schaffen.

Das Licht der Welt

Die Benedikt-Option ist eine offensive Strategie, deren Ziel es ist, Christen dabei zu unterstützen, dass sie auch unter schwierigen Bedingungen ihren Auftrag erfüllen können, „Licht der Welt“ und „Salz der Erde“ zu sein. Die aufzubauenden Gemeinschaften und Netzwerke sollen dazu als Inseln intakten christlichen Lebens in ihrem unmittelbaren Umfeld evangelisierend wirken, so wie es die Klöster Benedikt von Nursias in der Zeit nach dem Untergang des Römischen Reiches taten.

Dreher knüpft hier an Gedanken Joseph Ratzingers (Papst Benedikt XVI.) an, der 1970 beschrieben hatte, wie kleine christliche Gemeinschaften, die sich innerlich von „falschen Progressismen“ befreit hätten, nach dem Scheitern der säkularen utopischen Ideologien den Wiederaufbau der von ihnen zerstörten westlichen Welt beginnen könnten. Die Menschen dieser innerlich und möglicherweise auch äußerlich verwüsteten Welt würden dann „die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken […] als eine Antwort, nach der sie im Verborgenen immer gefragt haben.“ Ratzinger schrieb dazu 1996:

„Vielleicht müssen wir von den volkskirchlichen Ideen Abschied nehmen. Möglicherweise steht uns eine anders geartete, neue Epoche der Kirchengeschichte bevor, in der das Christentum eher wieder im Senfkorn-Zeichen stehen wird, in scheinbar bedeutungslosen, geringen Gruppen, die aber doch intensiv gegen das Böse anleben und das Gute in die Welt hereintragen: die Gott hereinlassen. Ich sehe, daß hier wieder ganz viel Bewegung dieser Art da ist.“4

Dreher zitiert abschließend Marco Sermarini, den Leiter der von ihm vorgestellten Laiengemeinschaft Tipi Loschi, mit dem Aufruf:

„Ich weiß nicht, was in diesem Leben als nächstes passiert, aber in der Zwischenzeit müssen wir für das Gute kämpfen […]. Die Chance, das Gute in der Welt zu bewahren, ist nicht mehr als eben nur eine Chance. Wir müssen die Gelegenheit nutzen, die wir haben, um einen Felsen in die Erde zu pflanzen und dafür zu sorgen, dass dieser Felsen fest an seinem Platz steht. […] Nichts, was wir in diesem Leben tun, wird ewig Bestand haben, und trotzdem müssen wir Dinge so bauen, als wären sie für die Ewigkeit […]. Das ist es, was Gott will.“5

In den zunehmend von kulturellem, spirituellem und sonstigem Verfall gekennzeichneten Umfeldern würden Dreher zufolge sichtbares christliches Leben und christliche Kultur wie Leuchttürme in ihre Umgebung ausstrahlen und so die Erneuerung der Überreste westlicher Gesellschaften bewirken.

Quellen

  1. Joh 8,12
  2. S. 372
  3. S. 380
  4. Joseph Ratzinger: Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende, Stuttgart 1996, S. 12
  5. S. 378