Die Benedikt-Option – Teil 2: Krisenfeste christliche Gemeinschaften

Domenico Cetto - Ansicht der Stadt Wien zur Zeit des Osmanensturms (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

In seinem Buch „Die Benedikt-Option“ entwirft der Autor Rod Dreher eine Strategie für christliches Leben in dem schwierigen Umfeld, das westliche Gesellschaften künftig in immer größerem Maße darstellen könnten.

Der erste Teil unserer Serie über das Buch beschrieb Drehers Analyse der Krise westlicher Gesellschaften sowie des Versagens der Kirche und des christlichen Konservatismus bei der Abwendung dieser Krise.

Der zweite Teil unserer Serie behandelt die Gedanken Drehers darüber, wie das Christentum gestützt auf Netzwerke resilienter kleiner Gemeinschaften die unabwendbar gewordene Krise westlicher Gesellschaften überdauern soll, um diese Gesellschaften anschließend wieder aufzubauen zu können.

Der heilige Benedikt und das Problem der Bewahrung des Guten in scheiternden Kulturen

Dreher stützt sich auf Überlegungen des Philosophen Alasdair MacIntyre, der in den 1980er Jahren in seinem Werk „Der Verlust der Tugend“ die kulturelle Krise des Westens aus moralphilosophischer Sicht analysiert und das Scheitern moderner und postmoderner Ideologien und der darauf beruhenden Gesellschaften prognostiziert hatte. MacIntyre sprach in diesem Zusammenhang vor einer „heraufziehenden Zeit der Barbarei“, in der jene, die das Gute bewahren wollten, dies nur als Akteure einer Gegenkultur tun könnten, die sich in einem schwierigen Umfeld behaupten werden müsse:

„Es ist immer gefährlich, zu enge Parallelen zwischen einer historischen Periode und einer anderen zu ziehen; und zu den irreführendsten dieser Parallelen gehören jene, die zwischen unserer eigenen Zeit in Europa und Nordamerika und der Epoche vom Niedergang des Römischen Reichs bis ins frühe Mittelalter gezogen worden sind. Dennoch gibt es gewisse Parallelen. Es stellte einen entscheidenden Wendepunkt in der älteren Geschichte dar, als Männer und Frauen mit guten Absichten Abstand davon nahmen, das Römische Imperium zu stützen und aufhörten, den Fortbestand der Zivilisation und der moralischen Gemeinschaft mit dem Fortbestand dieses Imperiums gleichzusetzen.“

MacIntyre formulierte hier den Gedanken, den Dreher zum Kern der Benedikt-Option machte:

„Statt dessen machten sie sich daran, oft ohne genau zu erkennen, was sie taten, neue Formen von Gemeinschaft aufzubauen, in denen das moralische Leben aufrechterhalten werden konnte, so daß Moral und Zivilisation die heraufziehende Zeit der Barbarei und Finsternis überleben konnten. Wenn meine Darstellung unserer moralischen Lage richtig ist, sollten wir ebenfalls zu dem Schluß kommen, daß auch wir nun seit einiger Zeit ebenfalls diesen Wendepunkt erreicht haben. Was in diesem Stadium zählt, ist die Schaffung lokaler Formen von Gemeinschaft, in denen die Zivilisation und das intellektuelle und moralische Leben über das neue finstere Zeitalter hinaus aufrechterhalten werden können, das bereits über uns gekommen ist. Und da die Tradition der Tugenden die Schrecken der letzten Finsternis überstanden hat, sind wir nicht ganz ohne Grund zur Hoffnung. Diesmal warten die Barbaren allerdings nicht jenseits der Grenzen; sie beherrschen uns schon seit einer ganzen Weile. Und gerade das mangelnde Bewußtsein dessen macht einen Teil unserer mißlichen Lage aus. Wir warten nicht auf einen Godot, sondern auf einen anderen, zweifelsohne völlig anderen Benedikt.“

MacIntyre geht in seinem Buch nicht weiter auf den hl. Benedikt ein, den er hier nur als Symbol für die von ihm beschriebene Antwort auf die Krise westlicher Gesellschaft erwähnt. Dreher stützte sich bei seiner Benennung der Benedikt-Option vor allem auf die entsprechenden Gedanken MacIntyres, bezog in seine im nächsten Teil unserer Serie über die Benedikt-Option beschriebenen praktischen Überlegungen jedoch auch benediktinische Ansätze mit ein.

Die Krise überdauern: Aufbau christlicher Gemeinschaften und Netzwerke

Da die Krise westlicher Gesellschaften nicht mehr abzuwenden sei, müssten Christen laut Dreher nach Ansätzen suchen, die diese Krise überdauern könnten. Die Benedikt-Option sei ein strategischer Ansatz zur Schaffung einer offensiven Gegenkultur, die in Form von Netzwerken kleiner Gemeinschaften kulturelle Kontinuität unter ungünstigen Bedingungen gewährleisten könne. Angesichts der beschriebenen Lage brauche es laut Dreher „kreative, gemeinschaftsorientierte Lösungen […] die uns helfen, an unserem Glauben und unseren Werten festzuhalten in einer Welt, die ihnen immer feindseliger gegenübersteht“:

„Die Flut steigt den Kirchen bis ans Dach. […] Die Welle kann nicht aufgehalten werden, man kann sie nur reiten. […] Könnte es sein, dass der beste Weg, die Flut zu bekämpfen, darin besteht … die Flut nicht zu bekämpfen? Aufzuhören, Sandsäcke aufzutürmen, und stattdessen eine Arche zu bauen, die Schutz bietet, bis das Wasser zurückweicht und wir unsere Füße wieder auf trockenes Land setzen können? Statt unsere Energie und Ressourcen in politischen Kämpfen zu verschwenden, die wir nicht gewinnen können, sollten wir daran arbeiten, Gemeinschaften, Institutionen und Netzwerke des Widerstands aufzubauen, die die feindliche Übermacht überlisten, überdauern und schließlich überwinden können.“1

Entweder gelinge es, eine „gegenkulturelle Weise, das Christentum zu leben“ zu schaffen, oder spätestens die Generation der eigenen Kinder werde dem Assimilationsdruck der postmodernen Kultur und Gesellschaft erliegen, womit das Christentum dort erlöschen werde.

Christlicher Konservatismus in einer scheiternden Kultur: Widerstand statt Verteidigung

Dreher zufolge sei das zentrale Motiv des christlichen Konservatismus (den er nicht parteipolitisch definiert) der auf der christlichen Nächstenliebe beruhende Wille zum Dienst am Nächsten. Darauf beruhe der christlich-konservative Wille zur Bewahrung der Bindung des Gemeinwesens an seine religiöse Grundlage und zur Bewahrung der kulturellen Bestände, die auf dieser Grundlage geschaffen wurden.

  • In den vergangenen Jahrhunderten sei das Christentum die dominierende kulturelle Kraft in westlichen Gesellschaften gewesen, weshalb sich konservative Christen im Rahmen des kulturellen Konsenses dieser Gesellschaften bewegten bzw. diesen definierten.
  • Der Großteil des Handelns christlicher Konservativer habe in der Vergangenheit daher darin bestanden, als Teil politischer und kultureller Eliten die Kultur und Ordnung christlicher Gesellschaften zu schützen und zu verteidigen.
  • Dies habe sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch geändert. Diese Gesellschaften würden nun von anderen Eliten und nicht-christlichen Ideologien geprägt.
  • Liberale Tendenzen in der Kirche seien auch Folge von Versuchen des christlichen Bürgertums, in den sich zunehmend von ihren christlichen Wurzeln entfernenden Gesellschaften Teil des kulturellen Konsenses und dessen zu bleiben, was in Deutschland als „Mitte der Gesellschaft“ bezeichnet wird.

Wer am zeitlos Gültigen festhalte, fände sich zunehmend in einer gesellschaftlichen Randposition wieder. Unter den künftigen Bedingungen werde man als Christ daher bewusst eine Gegenposition einnehmen müssen, weil die Akzeptanz durch die neuen gesellschaftlichen Eliten und den von ihnen definierten kulturellen Konsens nur um den Preis der Aufgabe des eigenen Christseins möglich sein werde.

Für konservative Christen bedeute dies, dass sie stärker als bisher dazu bereit sein müssten, „Zeichen des Widerspruchs gegen die moderne Welt“ zu setzen und die Distanz gegenüber der sie umgebenden Welt zu betonen. Um für die Menschen in zerfallenden Gesellschaften da sein zu können, müssten Christen sich von diesen Gesellschaften und ihrer Kultur deutlich unterscheiden und „denen, die zu uns kommen, eine neue und entschieden andere Lebensweise bieten“.

Die Benedikt-Option: Ein offensiver Ansatz

Dreher betont ausdrücklich, dass die von ihm beschriebene Strategie nicht mit einem „Rückzug ins Ghetto“ verbunden sei. Jesus Christus habe nicht den Rückzug befohlen, sondern die Jünger in Einsätze „mitten unter die Wölfe“ entsandt:

„Angriff ist die beste Verteidigung. Man verteidigt sich, in dem man attackiert […]. Greifen wir an, indem wir Gottes Königreich vergrößern – zuerst in unseren Herzen, dann in unseren Familien, und dann in der Welt. Ja, man benötigt Grenzen, aber es ist unsere Pflicht, diese Grenzen nicht dort zu belassen, wo sie sind. Wir müssen sie ausweiten, Territorium hinzugewinnen, immer weiter.“2

Christen müssten ihren Dienst an den Menschen gerade dann versehen, wenn die Bedingungen schwierig seien. Es gehe darum, „die reale Welt zurückzuerobern“, sie von den Problemen „des modernen Lebens zu befreien“ und die „große Lüge der Moderne“, nämlich ihren den Menschen zerstörenden Materialismus, zu überwinden. Dreher beschreibt somit keinen Rückzug bzw. kein Ausweichen, sondern die Schaffung befestigter Stützpunkte, von denen aus besser in die Welt hinein gewirkt werden kann. Er zitiert einen benediktinischen Mönch, der diese Stützpunkte als „Insel der Heiligkeit und Beständigkeit“ in einer Welt des Chaos beschreibt.

Dreher zufolge seien die durch die christliche Gegenkultur errichteten Grenzen gegenüber der umgebenden Welt nicht dazu da, um sich hinter ihnen zu verstecken. Diese Grenzen sollten vielmehr Räume schaffen, in die die schlechten Kräfte dieser Welt weniger hineinwirken könnten, so dass Christen in ihnen für ihren Dienst stark werden könnten. Auch die Klöster des frühen Mittelalters, die der hl. Benedikt gründete, waren keine Orte der Weltflucht, sondern Schulen des Dienstes, die Männer hervorbrachten, die das sie umgebende Chaos mit der Hilfe Gottes bekämpften.

Im dritten Teil der Serie über die Benedikt-Option wird es um praktische Aspekte der von Dreher beschriebenen Strategie gehen.

Quellen

  1. S. 30-31
  2. S. 124