Charles Péguy: Das Christentum als Festung im Meer des Chaos

Carl Blechen - Stürmische See mit Leuchtturm (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der französische Schriftsteller Charles Péguy (1873-1914) veröffentlichte kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs einen weitsichtigen Aufsatz, in dem er „bisher ungekannte Prüfungen“ für das Christentum ankündigte. Angesichts der bevorstehenden Verwerfungen gleiche das Christentum einer „Festung im Meer“. Es werde künftig kein unverbindliches Christentum mehr geben können. Jeder Christ werde an der Grenze des Königreiches stehen und Soldat im Kampf gegen die Mächte des Bösen sein.

Péguy diente als französischer Infanterieoffizier im Ersten Weltkrieg und fiel in den ersten Wochen des Krieges. Sein 1911 entstandener Aufsatz ist Teil einer von Hans Urs von Balthasar ausgewählten und übersetzten Sammlung von Texten Péguys, die 1953 unter dem Titel „Wir stehen alle an der Front“ erschien.

Die Krise der Moderne und ihre Folgen für das Christentum

Das „Zeitalter des Glaubens“, das von der Herrschaft des durch Jesus Christus offenbarten „Liebesgesetzes“ geprägt worden sei, neige sich seinem Ende zu. Das Christentum gleiche „seit bald drei Jahrhunderten“ einem „Leuchtturm“, der „vergeblich von einem ganzen Meer berannt“ werde und dem „Abgrund von Unglauben und Untreue“, der die moderne Welt sei, standhalte.

Das Christentum werde „von allen Seiten angegriffen, bedrängt, aber in keiner Weise erschüttert“ und sei „vereinsamt in dieser modernen Welt, im Wellenschlag einer ganzen Welt, unerschöpflich von Wogen und Sturm gepeitscht, immer aufrecht, allein in einer ganzen Welt, aufrecht in einem unerschöpflich entfesselten Meer, einsam im Ozean“.

Der ununterbrochene Konflikt zwischen dem Christentum und den ihm entgegenwirkenden Kräften „steht heute vor unserer Schwelle, er schlägt an unsere Tore.“

Die bevorstehenden Verwerfungen und das Christentum als „Festung im Meer“

„Bisher unbekannte Prüfungen“ für das Christentum seien das Kennzeichen dieser Zeit. Das Christentum müsse in dieser Lage mehr denn je ein Glaube sein, „der durchhält“:

„Jeder Christ ist heute Soldat. Kämpfer Christi. Es gibt keine ruhigen Christen mehr. Diese Kreuzzüge, die unsere Väter in den Ländern der Ungläubigen suchten, sie kommen heute von selbst auf uns zu, wir haben sie bei uns zu Hause. Unsere Glaubenstreue ist ein Kastell. Jene Kreuzzüge, die ganze Völker versetzten, die einen Erdteil auf den anderen warfen, sind zurückgeflutet auf uns, bis in unsere Häuser. […] Der Geringste von uns ist ein Soldat. Der Geringste von uns ist buchstäblich ein Kreuzfahrer. Alle unsere Häuser […] sind vom Meer bedroht. […] Wir alle sind Inseln, gepeitscht von einem unaufhörlichen Sturm, und alle unsere Häuser sind Festungen im Meer.“

In den bevorstehenden Zeiten werde es kein unverbindliches Christentum mehr geben können:

„Und das heißt, daß die Tugenden, die einst von einer bestimmten Fraktion der Christen verlangt waren, heute von der gesamten Christenheit eingefordert werden. Ein Kampf, eine Tugend, die einst freiwillig waren, da sie den Gegenstand eines Gelübdes bildeten, sind heute benötigt, gefordert, gebieterisch auferlegt, ohne daß und bevor wir noch dazu Stellung nehmen könnten. Ohne daß wir befragt würden. Ohne daß wir unsere Ansicht dazu äußern müßten. Hier gilt die Redensart: Jeder ist Soldat trotz seiner Einwilligung. Welcher Vertrauensbeweis an die Truppe! […]

Was Sache des Gelübdes war und infolgedessen der Freiheit des Einzelnen überlassen blieb, ist Gesetz für alle geworden. Man hat so sehr auf uns gezählt, daß, wo die andern frei waren, wir gezwungen sind. Was den andern angeboten war, ist uns auferlegt. Was für die anderen außergewöhnlich war, ist für uns gewöhnlich, macht uns selbst aus. Aus diesem Stoff ist unser ganzes Leben gemacht, aus diesem Stoff ist unser Mut gemacht.

Unsere Väter mußten selber „das Kreuz nehmen“ und mit ihm fortziehen, in den Kreuzzug. Uns gibt Gott das Kreuz (welcher Vertrauensbeweis!) für einen unaufhörlichen Kreuzzug am Ort. Die schwächsten Frauen, die Kinder in der Wiege sind schon belagert. Der Krieg steht auf der Schwelle und klopft an unsere Pforten. Wir müssen ihn nicht suchen, wir müssen ihn nicht hinaustragen. Er ist es, der uns sucht. Er ist es, der uns findet. Die Tugenden, die einst den Soldaten, den bewaffneten Männern, den Edelleuten in ihren Rüstungen vorbehalten waren, sie werden heute von dieser Frau und von diesem Kind abverlangt.

Von dort erwachsen uns unsere Standhaftigkeit, unsere Treue, unsere Pflicht, von dort empfangen wir diese einzigartige Größe, diese tragische, auf der Welt einzigartige Schönheit der Belagerten, diese Schönheit der Treue in der Einkesselung, der die Größe entspringt, die tragische Schönheit der großen militärischen Belagerungen, der Belagerung von Orléans, der Belagerung von Paris. Wir werfen uns heute alle in die Bresche. Wir stehen heute alle an der Front. Ihre Grenze ist überall. Der Krieg ist überall, in tausend Stücke aufgespalten, zerteilt, zerbröselt. Wir sind heute alle an die Marken des Königreiches gestellt.“

Hintergrund: Das Christentum und sein Kampf auf verlorenem Posten

Alexander Pschera hat hier einen Überblick über das Werk und Denken Péguys veröffentlicht.

Péguys Text beruht auf der allgemeinen Krisenerwartung des christlichen Realismus. Er bezieht sich sowohl auf der christliche Vorstellung eines kosmischen, alle Zeiten umspannenden Kampfes als auch das Motiv des Dienstes auf verlorenem Posten auf, dem aus katholischer Sicht ein besonderer, erhabener Sinn innewohnt.

Die katholische Kirche betont in ihrer Lehre, dass das historische Geschehen Teil eines umfassenden kosmischen Kampfes ist:

„Das ganze Leben des Menschen, das einzelne wie das kollektive, stellt sich als Kampf dar, und zwar als ein dramatischer, zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis. […] Die ganze Geschichte der Menschheit durchzieht ein harter Kampf gegen die Mächte der Finsternis, ein Kampf, der schon am Anfang der Welt begann und nach dem Wort des Herrn bis zum letzten Tag andauern wird. Der einzelne Mensch muss, in diesen Streit hineingezogen, beständig kämpfen um seine Entscheidung für das Gute.“1

Das Christentum befinde sich in einem “unaufhörlichen Kampf zwischen Gut und Böse” sowie zwischen Ordnung und Auflösung, der die ganze Geschichte der Menschheit durchziehe. Jegliches Geschehen sei Teil dieses Kampfes, „der die Geschichte der Menschheit auf Erden und auch die Heilsgeschichte selbst begleitet“ und der bis zum Ende der Zeit dauern wird.

Die Geschichte werde für das Christentum dabei nicht immer größere Siege mit sich bringen, sondern immer größere Verfolgung und Bekämpfung, bis zuletzt nur noch ein bedrängtes „Heerlager der Heiligen“ übrig sein werde. 

Der katholische Schriftsteller J.R.R. Tolkien, der wie Péguy im Ersten Weltkrieg eingesetzt war, beschrieb die Geschichte der Menschheit und des Christentums in diesem Sinne als „langsames Erliegen“ oder als „lange Niederlage“, in der allerdings hin und wieder der Sieg durchscheine, der an ihrem Ende stehe. In seinem Werk „Der Herr der Ringe“ sagt Galadriel, die in der Beschreibung Tolkiens einige Züge Marias trägt, sie habe „die Weltzeitalter hindurch gegen das langsame Erliegen angekämpft“. (FG1)

Quellen

  1. Gaudium et spes 13