Cassian Folsom: Europa als Erbe und Auftrag

Karl Friedrich Schinkel - Mittelalterliche Stadt am Fluss (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Benediktinerpater Cassian Folsom ist Gründer und ehemaliger Prior des Klosters San Benedetto im italienischen Norcia, wo eine junge internationale Gemeinschaft katholischer Mönche aktiv ist. In einem kürzlich veröffentlichten Aufsatz mit dem Titel „Erbe und Auftrag“ setzt er sich mit der „entmutigenden, so düsteren Lage“ Europas auseinander und untersucht, was „die innere Identität Europas wieder beleben könnte“. Er entwirft ein Modell von Netzwerken von Gemeinschaften, die um geistliche Kerne herum entstehen und diese Aufgabe leisten könnten.

Gestützt auf Überlegungen Joseph Ratzingers (Benedikt XVI.) definiert Folsom Europa als Versuch, den christlichen Glauben in Form kultureller Werke praktisch zu verwirklichen. Als Amerikaner sei er „erfüllt von Ehrfurcht vor der Schönheit, dem Reichtum, der Tiefe und Kraft dieses europäischen Erbes“.

Die Krise Europas

Mit dem weitgehenden Verschwinden des christlichen Glaubens aus Europa seien von diesem Erbe jedoch häufig nur „Museumsstücke“ übrig geblieben. Diese seien „immer noch sehr schön, aber abgetrennt von der Quelle der geistlichen Lebenskraft und deshalb unfruchtbar“.

  • Mit den Worten Benedikts XVI. erklärt Folsom, dass Europas „Kultur und sein Glaube, das also, was seine Identität ausmacht, am Ende seien“.
  • Zu den Symptomen, die dies belegten, gehöre „ein sonderbarer Mangel an Interesse für die Zukunft“ und „die Ablehnung von Kindern als Bedrohung für gegenwärtige Bequemlichkeit“ sowie „Hass und Leugnung unserer eigenen europäischen Vergangenheit“.
  • Europa sei auch demographisch ein „sterbendes Europa“. Sein Erbe drohe ein „Erbe ohne Erben“ zu werden und es bestehe eine „sehr reale Gefahr des Verlöschens“.

Europa habe seine Seele verloren und werde mittlerweile von einer „post-europäischen Kultur“ geprägt.

Eine Strategie zur Erneuerung Europas

In dieser „entmutigenden, so düsteren Lage“ stelle sich die Frage, was „die innere Identität Europas wieder beleben könnte“. Folsom verweist hier unter anderem auf Gedanken zur Strategie christlichen Lebens in post-christlichen Gesellschaften, die der Autor Rod Dreher in seinem Buch „Die Benedikt-Option“ beschrieben hatte, das kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen ist und hier noch ausführlich vorgestellt werden wird.

Zur Rückgewinnung und Erneuerung Europas sei das Wirken einer „schöpferischen Minderheit“ von Heiligen erforderlich. Diese müssten als Hüter des christlichen Erbes in einer Kultur, die diesem Erbe „gegenüber indifferent oder gar feindselig ist“, zunächst missionarisch tätig werden und den Glauben bezeugen. Wie zur Zeit der Entstehung Europas könnten dann von geistlichen Zentren ausgehend „Wellen christlichen Lebens und Praxis nach außen in konzentrischen Kreisen“ wirken. Um diese Kerne würden sich „gute Leute sammeln“, Familien ansiedeln und Gemeinschaften sowie Familiennetzwerke bilden. Es würden „Oasen der Gesundheit […] die über die Wüste des modernen Europa verstreut sind“ entstehen, welche international durch ein „effektives Netzwerk“ miteinander verbunden werden müssten.

Die Kräfte und Mittel dazu seien vorhanden. Eine Schwierigkeit sieht Folsom allerdings darin, dass gegenwärtig noch „die meisten Katholiken […] sich entweder der Gefahr nicht bewusst“ oder „machtlos zu antworten“ seien.