Die Benedikt-Option – Teil 1: Archen für die dunklen Jahrhunderte

Francis Danby - The Deluge (gemeinfrei)

In seinem kürzlich in deutscher Übersetzung erschienenen Buch „Die Benedikt-Option“ entwirft der Autor Rod Dreher eine Strategie für christliches Leben in postchristlichen Gesellschaften. Wir stellen Drehers Gedanken in einer dreiteiligen Rezension vor. Der erste Teil der Serie fasst zusammen, was Dreher unter der Benedikt-Option versteht und behandelt seine Gedanken über die Ursachen der Krise der westlichen Welt, seine Annahmen über ihren weiteren Verlauf und die möglichen Folgen für das Christentum.

Was ist die Benedikt-Option?

Die Benedikt-Option ist ein strategischer Ansatz, der die kulturelle Kontinuität des Christentums in westlichen Gesellschaften unter Krisenbedingungen ermöglichen soll.

  • Dreher geht davon aus, dass der westlichen Welt eine Zeit gravierender Verwerfungen bevorstehe, die auch das Christentum treffen würden. Es brauche in dieser Lage „jemanden der Archen baut, die sie und den lebendigen Glauben durch das Meer der Krise tragen können – durch ein Dunkles Zeitalter, das Jahrhunderte andauern könnte“.
  • Die Strategie Drehers konzentriert sich auf die Bildung von Netzwerken aus kleinen Gemeinschaften und sie unterstützender Institutionen. Diese sollten wie die durch den hl. Benedikt von Nursia gegründeten Klöster im Chaos des Spätantike unter den künftig zu erwartenden Bedingungen den Kern einer christlichen Gegenkultur bilden und eine spätere kulturelle Erneuerung ermöglichen.
  • Dreher spricht in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit einer Hinwendung zur Tradition. In einem Text, der die Aussagen seines Buches präzisiert, fordert er eine „antimoderne Rückkehr zu den Wurzeln“ alsZeichen des Widerspruchs gegen die moderne Welt“ und der „Zurückweisung eines wurzellosen Zeitalters“.

Dreher erklärt, er wolle Christen mit seinem Buch aufwecken und sie „ermutigen, aktiv zu werden, um sich zu kräftigen, solange noch Zeit dazu ist“. Er stützt sich dabei vor allem auch auf Gedanken Joseph Ratzingers (Benedikts XVI.), den er neben dem hl. Benedikt als „den zweiten Benedikt der Benedikt-Option“ bezeichnet, sowie auf Gedanken des katholischen Philosophen Alasdair MacIntyre.

Die Krise der westlichen Welt und ihre Ursachen

Dreher zufolge befände sich der westliche Kulturraum gegenwärtig am Vorabend einer existenziellen Krise, deren geistige Wurzeln mehrere Jahrhunderte zurückreichen würden. Bereits im späten Mittelalter seien die Grundlagen materialistischer Ideologien entstanden, welche die transzendente Aspekte der Wirklichkeit leugnen oder ausblenden würden. Diese Ideologien hätten sich seit der Renaissance durchgesetzt und naturwissenschaftlich, technisch und materiell äußerst erfolgreiche Gesellschaften hervorgebracht. Gleichzeitig hätten sie durch ihre Ablehnung und Bekämpfung der religiösen Grundlagen und Bezüge von Kultur und Gesellschaft die Grundlage der Kultur als solcher schrittweise zerstört.

Der jetzt erreichte „Endpunkt der Moderne“ sei von zunehmender Leugnung nicht nur der metaphysischen, sondern auch der physischen Wirklichkeit und der Vorstellung der Existenz einer objektiven Wirklichkeit überhaupt geprägt. Die gegenwärtig übernehmenden postmodernen Ideologien würden dabei noch weniger dazu in der Lage sein, die versprochenen utopischen Zustände zu verwirklichen, als es ihre modernen Vorgänger waren, welche die totalitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts hervorbrachten.

Das Scheitern des politischen Konservatismus

Der kulturelle Kampf christlich-konservativer Akteure gegen diese Ideologien sei vollständig gescheitert. Ein christlicher Konservatismus existiere zudem nicht mehr in nennenswertem Umfang, weil der real existierende Konservatismus von liberaler Ideologie überformt worden sei und dazu beitrage, die Krise der westlichen Welt weiter zu verschärfen.

Die verbliebenen authentischen Konservativen würden überwiegend Illusionen anhängen und die Dimensionen der Krise unterschätzen. Mit ihrer unrealistischen Vorstellung, dass diese Krise mit politischen Mitteln überwindbar sei, ähnelten sie russischen Aristokraten, die nach der kommunistischen Revolution im Exil Pläne für die Restauration der Monarchie diskutierten. Die Probleme einer defekten Kultur seien jedoch nicht mit politischen Mitteln lösbar. Auch ein Konservatismus, der die Lage zutreffend bewerte, wäre jedoch kurz- und mittelfristig machtlos gegen die überlegenen Kräfte, denen er gegenüberstehe.

Das Versagen der Kirche

Auch die Kirche habe sich „als weitgehend untauglich erwiesen, die Triebkräfte des kulturellen Niedergangs effektiv zu bekämpfen“. Das Christentum habe in westlichen Gesellschaften seinen prägenden Einfluss auf die Kultur bereits vor Jahrzehnten verloren und befände sich auf allen Gebieten in der Defensive. Das Christentum „sollte eigentlich eine mächtige Gegenkraft gegen den radikalen Individualismus und Säkularismus der Moderne sein“. Von einzelnen Themen wie Lebensschutz und dem Schutz von Ehe und Familie abgesehen würden große Teile der Kirche jedoch noch nicht einmal mehr versuchen, eine solche Kraft zu sein:

  • Der Großteil der Christen aller Konfessionen reagiere auf den zunehmend aggressiven Kulturkampf säkularer Ideologien mit Planlosigkeit und würde „nicht begreifen, was um sie herum passiert“. Anzeichen für die bevorstehenden Verwerfungen würden verbreitet „heruntergespielt oder ignoriert“. Dem von Dreher zitierten Benediktiner Cassian Folsom zufolge laufe „die Welt […] Gefahr, über eine Klippe zu rasen, aber wir sind so gefesselt von den Lichtern und dem Tempo des modernen Lebens, dass wir die Gefahr nicht erkennen“.
  • Teilweise wirke die Kirche sogar aktiv an der Zerstörung christlicher Kultur mit. Die Kirche sei häufig nur noch eine „Seelsorgeabteilung für eine dem Konsum verfallene Kultur“, die innerlich von modernen Ideologien „kolonisiert“ worden sei und „nicht mehr Seelen formt, sondern Egos pflegt“.
  • Die geistig durch die Ideologien der Gegenwart überformten Teile der Kirche seien innerlich „durch Egoismus, Hedonismus und Materialismus erkaltet“. Sie verkündeten eine neue Religion, die mit dem Christentum nur noch manche Begriffe und Formen gemeinsam habe.

Diese Teile der Kirche präge ein an die Stelle der ursprünglichen christlichen Lehre getretener „moralistisch-therapeutischer Deismus“, der sich durch seinen Nutzwert für das Individuum legitimiere und in erster Linie dessen Wohlbefinden fördern wolle und nur noch ein Dienstleister für getaufte Heiden sei.

Die bevorstehenden Verwerfungen und die künftige Lage des Christentums

Dreher zitiert eine Warnung Joseph Ratzingers (Benedikts XVI.), dem zufolge für das Christentum in Folge der allgemeinen kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung „sehr schwere Zeiten bevorstehen“ würden und man „mit erheblichen Erschütterungen rechnen“ müsse.

  • Der Kulturkampf sei verloren und die Dämme seien gebrochen. Die westliche Welt befände sich in einem Stadium beschleunigter kultureller Auflösung. Diese Tendenz sei mittelfristig nicht mehr aufzuhalten oder umkehrbar.
  • Die größten Herausforderungen für das Christentum würden „von der liberalen, säkularen Ordnung selbst“ und ihrem destruktiven Wirken ausgehen. Es trete zunehmend ein „feindseliger säkularer Nihilismus“ in Erscheinung, der keinen Verständigungsfrieden mit der traditionellen Kultur und dem Christentum akzeptieren werde.
  • Kulturelle Auflösungstendenzen würden nicht mehr nur von „einer kleinen linksgerichteten Elite“ getragen, sondern vom „Mainstream der Gesellschaft“, der das Christentum als rückständig und intolerant betrachte und in der Auflösung seiner kulturellen Werke eine Voraussetzung für gesellschaftlichen Fortschritt sehe.

Der „stetige Niedergang des Christentums und die stetig zunehmende Feindseligkeit gegenüber traditionellen Werten“ sei prägend für westliche Gesellschaften geworden. Diese Entwicklung werde sich künftig noch beschleunigen, was auch daran erkennbar sei, dass in den USA einige große Konzerne dazu übergegangen seien, den Kampf gegen christliche Kultur, etwa den Kampf gegen den besonderen Schutz von Ehe und Familie, finanziell und ideell zu unterstützen. Christliches Denken und Leben rücke zunehmend in den Bereich des gesellschaftlichen Tabus und des strafrechtlich Verbotenen. Christen in westlichen Gesellschaften müssten künftig mindestens dazu bereit sein, soziale Isolation und berufliche Nachteile als Folge ihres Bekenntnisses in Kauf zu nehmen.

Dies werde immer größeren Assimilationsdruck erzeugen, der dazu führe, dass ungefestigte Christen sich vom Christentum abwenden würden. Dies werde insbesondere junge Menschen betreffen. Es sei möglich, dass die heute lebenden Menschen „vielleicht noch in ihrer Lebenszeit Zeugen des effektiven Todes des Christentums in unserer Zivilisation werden“. Dies werde „nicht das Ende der Welt, aber […] das Ende einer Welt sein“, nämlich unserer eigenen.

In dieser Lage sei die Kirche eine „Arche, die auf stürmischen, zerstörerischen Wassern dahintreibt“. Es könne jedoch ein „verborgener Segen in dieser Krise“ liegen. Im Alten Testament werde die strafende Seite Gottes betont, der sein Volk auf diesem Weg zur Besinnung bringe und zur Umkehr führe.

Der nächste Teil unserer Serie behandelt Drehers Entwurf für den Aufbau von Strukturen, die den erwarteten Herausforderungen Stand halten sollen.