Michel Onfray: Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur

Caspar David Friedrich - Abtei im Eichwald (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der atheistische Philosoph Michel Onfray setzt sich in seinem kürzlich in deutscher Übersetzung erschienenen Werk „Niedergang“ (frz. „Décadence“) mit dem Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur auseinander. Europa habe den religiösen Kern seiner Identität verloren, weshalb seine Kultur sich „im Endstadium ihres Niedergangs“ befinde. Spät- und Postmoderne würden von den Resten christlicher Kultur leben und diese dabei verzehren. Ein Ausweg sei nicht in Sicht: „Das Schiff sinkt. Uns bleibt nur, möglichst elegant unterzugehen.“

Kultur als Kampf gegen die Kräfte der Auflösung

Onfray knüpft vor allem an die Geschichtsphilosophie Oswald Spenglers an. Kultur sei wie das Leben ein ständiger Kampf gegen die Kräfte der Auflösung bzw. der Entropie. Sie beruhe auf „negentropischen Kräften“, die sich der Auflösung entgegen stemmen:

„Eine Zivilisation kämpft […] zunächst gegen das, was sie bedroht. Sie existiert, solange sie sich gegen das behaupten kann, was sie bedroht und ihren Untergang herbeiführen will. […] Die Kultur bekämpft alles, was sie bedroht. Da das Entropieprinzip herrscht, existiert sie nur nach der Logik der Negentropie, welche die Homöostase des Systems ermöglicht. Die Kultur stirbt, wenn das, was sie seit ihrem Bestehen gefährdet, eines Tages die Oberhand gewinnt, weil ihre Kräfte nicht mehr ausreichend vital, gebündelt und wirksam sind. […] So gewinnt am Ende die Entropie die Oberhand: Nachdem sie das Reich belauert, begleitet, bedroht und erschüttert hat, ruiniert und besiegt sie es schließlich vollends. […] Der Niedergang ist eine Zwangsläufigkeit.“

Wenn die negentropischen Kräfte in einer Kultur nachließen, werde sie von inneren und äußeren Herausforderungen zu Fall gebracht. Jede dauerhafte Kultur müsse daher immer wieder eine Antwort auf die Frage finden, wie sie diese Kräfte aufrechterhalten kann.

Religion als Kern von Kultur

Kulturen würden wie Kristalle um einen Kern herum entstehen. Im Fall der abendländischen Kultur sei Jesus Christus dieser Kern. Um ihn herum seien eine Religion und Theologie und um diese herum Kunst, Recht und Vorstellungen sozialer Ordnung entstanden.

Unterschiede zwischen den Kulturen seien die Folge der unterschiedlichen Prinzipien, die sie formen und welche die Dinge, denen sie begegnen, in ihre Form zwingen würden:

„Eine Kultur schöpft ihre Kraft stets aus der Religion, von der sie legitimiert wird. Ist die Religion im Aufstieg begriffen, erblüht auch die Kultur. Ist sie im Niedergang, verfällt auch die Kultur und geht am Ende sogar unter.

Die Krise des Christentums als Ursache der Krise Europas

Die christliche Kultur Europas befinde sich laut Onfray „im Endstadium ihres Niedergangs.“ Die große Zeit des Christentums, von der Kathedralen und Klöster zeugen würden, sei seit langem vorbei. Vom Christentum seien nur eine „ermattete Religiosität“ und ein „sirupartiger Humanismus“ übrig geblieben. „Unser jüdisch-christliches Europa“ befinde sich „am Ende seines Weges“ und „in einer Übergangszeit: in der zwischen dem Ende des Judäo-Christentums und dem Anfang von dem, was sich bislang erst unscharf abzeichnet“, nämlich eine „Zivilisation am Ende aller Zivilisationen, auf die wir uns als Menschheit naiv und verantwortungslos zuzubewegen scheinen“.

Eine der Ursachen dafür sei die Entchristianisierung des Christentums von innen. Das Zweite Vatikanische Konzil habe als Antwort auf die Herausforderungen der Moderne die „Zerstörung des Heiligen“ und ein „Massaker an der Transzendenz“ verübt:

„Im Versuch, die Menschen an Gott heranzuführen, erreichte das Zweite Vatikanische Konzil genau das Gegenteil. […] Es scheint, als habe das Konzil im Versuch, ein Heilmittel zu bieten, die Krankheit noch verschlimmert. Es machte Gott zum Duzpartner, den Priester zum Kumpel, […] die geheimnisvolle Transzendenz zu einer schlichten Immanenz und die Messe zu einer Inszenierung, die an eine Fernsehsendung erinnerte. Es stattete die Rituale mit aktuellen Songs oder naiver Kunst der Gläubigen aus, machte aus der Botschaft Christi ein Gewerkschaftstraktat, aus der Soutane eine Theaterkostümierung und erklärte die anderen Religionen für gleichwertig mit dem Christentum. Damit beschleunigte die Kirche eine Bewegung, die letztlich ihren Untergang bedeuten sollte.“

Die Spät- und Postmoderne als Endzeit der abendländischen Kultur

Spät- und Postmoderne seien mit einem „Prozess der Entchristianisierung“ verbunden gewesen. Diese Epochen seien von einer „nihilistischen Gottheit“ bzw. von der Idee geprägt, „dass wir uns befriedigen müssen, egal auf wessen Kosten“. Dies sei der „kategorische Imperativ der liberalen Konsumgesellschaft und der Führungsriegen der totalitären Regime“ gleichermaßen. Auch der Neomarxismus der 68er-Bewegung sei seinem Wesen nach materialistisch gewesen und habe dem Neoliberalismus geistig den Weg bereitet.

„Die Epoche der Intellektuellen löste das Christentum in alle Richtungen auf; sie zerstörte und dekonstruierte in großem Stil, brachte aber keinen einzigen neuen Wert hervor, schuf keine neue, positive Kraft.“

Der Liberalismus sei die wirtschaftlich leistungsfähigste dieser Ideologien, weshalb er sich gegenüber anderen materialistischen Ideologien schrittweise durchgesetzt habe. Sein Wohlstandsversprechen sei universell ansprechend, weshalb er sich über eine  „Metastasierung des Konsumismus“ global verbreite. Dieser Prozess vernichte den abendländischen Menschen geistig, indem er ihn zu einem bindungs- und identitätslosen, seiner menschlichen Sozialnatur beraubten Wesen mache.

Dieser Prozess sei zunehmend von negativen Erscheinungen begleitet, die zu Katastrophen werden könnten. Spät- und postmoderne Ideologien würden darauf mit Flucht in „beruhigende Fiktionen“ antworten und die Ansprache von Herausforderungen skandalisieren. Gleichzeitig seien diese Ideologien wehrlos gegenüber islambezogenen Herausforderungen:

„Man opfert sein Leben nicht für ein iPhone. […] Wir haben den Nihilismus, sie haben die Inbrunst. Wir sind erschöpft, sie erfreuen sich bester Gesundheit. Wir leben im Moment und verzehren uns langsam selbst, sie sind auf Du und Du mit der Ewigkeit, die sie glauben erreichen zu können, wenn sie für ihre Sache sterben. Wir haben die Vergangenheit, sie haben die Zukunft, denn für sie beginnt alles gerade erst, während für uns alles endet. […] Das Schiff sinkt. Uns bleibt nur, möglichst elegant unterzugehen.“

Sein Ende habe dieser Prozess noch nicht erreicht. Es deuteten sich bereits Nachfolgeideologien der gegenwärtig vorherrschenden Ideologien an, etwa ein „autistischer Hedonismus“ sowie ein Transhumanismus, dessen Utopie die Abschaffung des Menschen anstrebe. Vermutlich werde diese Ideologie die letzte in der mit ihr endenden Geistes- und Kulturgeschichte Europas sein.

Bewertung

Onfrays Buch ist in sich höchst widersprüchlich. Diese Rezension gibt nur die kulturtheoretischen Gedanken des Autors wieder und nicht seine polemischen Ausführungen zur Geschichte Europas, die den Großteil des Buches ausmachen. Diese Ausführungen wurden von anderen Rezensenten als „Kathedrale der Ignoranz“ bezeichnet, weil sich Onfray hier nur in polemisierender Form mit der Geschichte Europas auseinandersetzt, die er ausschließlich als negatives Zerrbild darstellt und dabei von größtenteils historisch unhaltbaren Behauptungen und Annahmen ausgeht.

Dies steht im Widerspruch zu seinen kulturtheoretischen Gedanken, in denen er trotz seiner Ablehnung des Christentums anerkennt, dass er geistig auf dem Fundament christlicher Kultur steht und dass diese es objektiv wert ist, bewahrt zu werden.

Die Literaturkritikerin Anne-Catherine Simon schrieb über Onfrays Buch:

„Am Ende erscheint der Autor wie einer, der ein Schiff bombardiert, nur um bei dessen Sinken draufzukommen, dass das Schiff größer war, als er dachte – und auch er selbst daraufsteht.“

Dass Onfray seine eigenen Ansätze nicht konsequent zu Ende denkt, liegt vermutlich auch daran, dass er seine atheistische Weltanschauung vorläufig noch nicht aufgeben möchte. Er rechtfertigt dies mit historisch unhaltbaren Behauptungen und ist bereit, an seinem Atheismus entgegen seiner Einsicht, dass dieser keine Zukunft haben kann und alles zerstört, was ihm als wertvoll erscheint, festzuhalten.

Die Erfahrung zeigt, dass solche Positionen kaum dauerhaft aufrechterhalten werden können, weil sie der Vernunft und den Erfordernissen der Kontinuität des Lebens bzw. dem, was Oswald Spengler den „Willen zur Dauer“ nannte, gleichermaßen widersprechen. Im fünften Buch Mose heißt es:

„Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.“

Möglicherweise konfrontiert die von Onfray erkannte Krise Europas ihn und andere Atheisten und Agnostiker mit existenziellen Fragen, die ihr Weltbild so tiefgreifend erschüttern, so dass sie erkennen können, dass es vernünftig und notwendig ist, zu glauben.