Konrad Lorenz: Traditionsverlust und Kulturabbruch als Risiken für Europa

Karl Friedrich Lessing - Die tausendjährige Eiche (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz (1903-1989) war Direktor des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie und erhielt 1973 für seine Arbeit den Nobelpreis. In seinem im gleichen Jahr erschienenen Werk „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ setzte er sich mit Herausforderungen auseinander, „die unsere Kultur mit Vernichtung bedrohen“. Zu diesen Herausforderungen zähle auch das drohende „Abreißen der Tradition“.1 Dieses könne dazu führen, dass die europäische Kultur ausgelöscht werde „wie eine Kerzenflamme“.

Die Notwendigkeit von Tradition

Lorenz zufolge liege „kumulierende Tradition“ aller Kulturentwicklung zugrunde. Die planvolle Entwicklung einer Kultur, wie sie eine „überhebliche Aufklärung“ anstrebe, sei kaum möglich, da die Wirklichkeit dafür zu komplex sei.

  • Nur die Bewährung in der Praxis könne verlässlich Aufschluss darüber geben, ob eine Idee oder ein Konzept eine Kultur und das auf ihr beruhende Gemeinwesen stärke oder nicht. Eine „größte Konservativität im Festhalten am Bewährten und Erprobten“ gehöre daher „zu den lebensnotwendigen Eigenschaften“ eines Gemeinwesens.
  • Die in den 1960er Jahren in Europa dominant gewordenen progressiven Ideologien und die von ihnen vorangetriebene kulturelle Revolution würden auf einem fehlerhaften Welt- und Menschenbild beruhen, welches die Komplexität der Wirklichkeit unterschätze und aus diesem Irrtum heraus Tradition als unnötig betrachte oder als rückschrittlich bekämpfe.

Ablehnung von Tradition und ihre Folgen

Die damit ebenfalls verbundene „gewaltige Unterschätzung des nicht-rationalen, kulturellen Wissensschatzes und die gleiche Überschätzung dessen, was der Mensch als Homo faber mittels seiner Ratio auf die Beine zu stellen vermag“ seien Faktoren, „die unsere Kultur mit Vernichtung bedrohen“:

„Der Irrglaube, daß nur das rational Erfaßbare oder gar nur das wissenschaftlich Nachweisbare zum festen Wissensbesitz der Menschheit gehöre, wirkt sich verderblich aus. Es führt die „wissenschaftlich aufgeklärte“ Jugend dazu, den ungeheuren Schatz von Wissen und Weisheit über Bord zu werfen, der in den Traditionen jeder alten Kultur wie in den Lehren der großen Weltreligionen enthalten ist. Wer da meint, all dies sei null und nichtig, gibt sich folgerichtig auch einem anderen, ebenso verderblichen Irrtum hin, indem er in der Überzeugung lebt, Wissenschaft könne selbstverständlich eine ganze Kultur mit allem Drum und Dran auf rationalem Wege und aus dem Nichts erzeugen.“

Progressive Ideologien würden gleichzeitig zum „Hass“ auf die als Fortschrittshemmnis wahrgenommene Tradition neigen und sie daher nicht nur ablehnen, sondern aktiv bekämpfen. Sie werde außerdem auch deshalb abgelehnt, weil sie mit der verachteten Generation der Väter und deren Verfehlungen gleichgesetzt werde. Diese Verachtung würde durch den Materialismus der Nachkriegskultur, sich ankündigende neue Krisen wie etwa den „ökologischen Ruin“ der Welt sowie den Unwillen der Väter zur Verteidigung der Tradition zusätzlich verstärkt.

Diese Ideologien würden aus einer Verbindung philosophischer Irrtümer und negativer psychischer Impulse heraus destruktive Wirkung in Kultur und Gemeinwesen entfalten. Ihr Hass mache sie „nicht nur blind und taub“, sondern „auch unglaublich dumm“. Es werde daher schwierig sein, diesen Akteuren „beizubringen, daß eine Kultur ausgelöscht werden kann wie eine Kerzenflamme“ und einen vollständigen „Abriß der Tradition“ und damit das Ende der Kultur und des auf ihr beruhenden Gemeinwesens zu verhindern.

Hintergrund

Lorenz näherte sich der Bedeutung des Traditionsprinzips aus einer rein naturalistischen Perspektive, wobei er zu ähnlichen Resultaten gelangte wie die katholische Soziallehre und der christliche Konservatismus, in denen dieses Prinzip eine wichtige Rolle spielt.

Quellen

  1. Konrad Lorenz: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, München 1973, S. 68-83.