Josef Pieper: Der verborgene Dienst am Gemeinwohl und das Geheime Deutschland

Ernst Ferdinand Oehme - Prozession im Nebel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der katholische Philosoph Josef Pieper (1904-1997) setzte sich in seinem 1955 erschienenen Aufsatz „Der Same bedarf des Erdreichs“ anlässlich des zehnten Jahrestags des 20. Juli 1944 aus einer christlichen Perspektive mit Grundfragen des schützenden und bewahrenden Dienstes am Gemeinwohl und am Gemeinwesen auseinander.

In Deutschland neige man dazu, zu „vergessen, wovon ein Volk in Wahrheit lebt und aus welchen Ursprüngen“ sich das Gemeinwohl speise:

  • Dieses beruhe nicht nur auf wirtschaftlichen, technischen oder kulturellen Leistungen, sondern vor allem auch auf einem Dienst „verborgener Herkunft“, der von „Schweigenden und Verborgenen“ im Hintergrund geleistet und von der Öffentlichkeit oft nicht bemerkt werde. Dieser Dienst sei unter anderem dafür erforderlich, dass „in einem Volk die Wahrheit anwesend bleibt“.
  • Eine weitere Grundlage des Gemeinwohls sei das aktiv erbrachte Opfer, wie es auch die Männer des 20. Juli 1944 geleistet hätten. Von Opferhandlungen dieser Art nähre sich „das wahrhafte Leben eines Volkes“, dessen „wahre Elite“ durch ihr Opfer „das natürliche, von den tatsächlichen Machthabern verratene Amt echter Herrschaft“ ausübe und für Gerechtigkeit eintrete.

Es bedürfe „solcher unsichtbaren Fundamente […] damit das Leben eines Volkes gesund oder doch der Gesundung fähig bleibt“. Pieper zitiert Helmuth James Graf von Moltke, der die Behauptung zurückgewiesen hatte, dass für diesen Dienst „der Glaube an Gott nicht wesentlich sei“:

„Der Grad von Gefährdung und Opferbereitschaft, der heute von uns verlangt wird, setzt mehr als gute ethische Prinzipien voraus.“

Das Opfer entfalte geheimnisvolle Wirkung, die sich nicht im Psychologischen erschöpfe. Es bezeuge unanzweifelbare Wahrheit, müsse jedoch auf ehrende Weise im Gedächtnis bewahrt werden, damit es weiter wirken könne.

Hintergrund: Das Geheime Deutschland

Das christlich-abendländische Ethos des militärischen Widerstands stützte sich auch auf Impulse des „Geheimen Deutschlands“. Dieses von einem Kreis um den Dichter Stefan George geschaffene Konzept beschreibt die Werke und Ideale christlich-abendländischer deutscher Kultur, die durch die Jahrhunderte hindurch entstanden, sich dabei aufeinander bezogen und aufeinander aufbauten und dadurch ein unsichtbares, geistiges Deutschland schufen. Das Konzept beschreibt auch seine Träger, die oft im Gegensatz zu den politischen und gesellschaftlichen Erscheinungen der Zeit und Umstände standen, in der sie lebten und wirkten. Das Konzept spielte dementsprechend im militärischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine wichtige Rolle.

Der Historiker Ernst Kantorowicz definierte das Geheime Deutschland so:

„Es ist die geheime Gemeinschaft der Dichter und Weisen, der Helden und Heiligen, der Opferer und Opfer, welche Deutschland hervorgebracht hat und die Deutschland sich dargebracht haben […]. Es ist […] ein Geisterreich wie der mittelalterliche Heiligen- und Engelsstaat, ist ein Menschenreich wie Dantes als ‚Humana civilitas‘ erschaute Jenseitswelt der drei Bezirke […] es ist die in Stufen und Ränge geordnete Heroenwelt des heutigen, des künftigen und des ewigen Deutschland.“

Dieses Ethos kommt auch in dem Schwur zum Ausdruck, den der Kern des Widerstandes geleistet hatte und dessen Text mutmaßlich von Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg verfasst wurde:

„Wir glauben an die Zukunft der Deutschen. Wir wissen im Deutschen die Kräfte, die ihn berufen, die Gemeinschaft der abendländischen Völker zu schönerem Leben zu führen.

Wir bekennen uns im Geist und in der Tat zu den großen Überlieferungen unseres Volkes, das durch die Verschmelzung hellenischer und christlicher Ursprünge in germanischem Wesen das abendländische Menschentum schuf. […]

Wir wollen ein Volk, das in der Erde der Heimat verwurzelt den natürlichen Mächten nahebleibt, das im Wirken in den gegebenen Lebenskreisen sein Glück und sein Genüge findet und in freiem Stolze die niederen Triebe des Neides und der Missgunst überwindet.

Wir wollen Führende, die aus allen Schichten des Volkes wachsend, verbunden den göttlichen Mächten, durch großen Sinn, Zucht und Opfer den anderen vorangehen.

Wir verbinden uns zu einer untrennbaren Gemeinschaft, die durch Haltung und Tat der Neuen Ordnung dient und den künftigen Führern die Kämpfer bildet, derer sie bedürfen.“

Stauffenberg brachte mit diesen Worten auch seine Verachtung gegenüber dem auf die Leidenschaften der Masse gestützten Materialismus des Nationalsozialismus zum Ausdruck, den er als „braune Pest“ bezeichnete. Zu seiner Tat bewegte ihn vermutlich auch, dass er mit den Worten Stefan Georges „im geweide den hunger nach ehre“ spürte und Deutschland von der Herrschaft des „Widerchristen“ und des „Fürst des Geziefers“ befreien wollte.

Im Denken Stauffenbergs verband sich ein katholisch geprägter christlicher Glaube mit einem aristokratischen Ehrenkodex zu einem militärischen Dienstethos, auf dessen Tradition sich auch die Bundeswehr offiziell beruft. In der Praxis wird dieses Ethos gegenwärtig jedoch kaum noch vermittelt.

In der entsprechenden Dienstvorschrift wird es ebensowenig erwähnt wie in offiziellen Schriften der Bundeswehr zur Tradition des militärischen Widerstands. An der Führungsakademie der Bundeswehr findet seine Vermittlung nur abseits des Lehrplans durch einen einzigen, engagierten Dozenten statt.

Auch die katholische Militärseelsorge oder die diversen mit ethischen Fragen des militärischen Dienstes befassten kirchlichen Stellen beschäftigen sich vorzuweigsweise mit anderen, dem Zeitgeist weniger kontrovers erscheinenden Themen. Es ist daher katholischen Laienorganisationen überlassen, diese Tradition innerhalb und außerhalb der Bundeswehr fortzusetzen.