Eric Voegelin: Die Apokalypse der modernen Zivilisation

Caspar David Friedrich - Abtei im Eichwald (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Eric Voegelin (1901-1985) gilt als einer der wichtigsten christlich-konservativen Denker des 20. Jahrhunderts. Er lehrte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er das Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft gründete. In seinem 1952 erschienenen Werk mit dem Titel „Die Neue Wissenschaft der Politik“ setzte er sich mit der kulturellen Krise der westlichen Welt und ihren Ursachen auseinander.

Diese Krise sei das Ergebnis des Wirkens moderner Ideologien, die sich von den transzendenten Wurzeln der europäischen Kultur gelöst hätten. Als politische Religionen würden sie die Schaffung einer neuen Welt und eines besseren Menschen anstreben und dabei zwangsläufig totalitär werden, was in einer „Apokalypse der Zivilisation“ münden werde.

Das abendländische Verständnis von politischer Ordnung und Herrschaft

Alle seit der Antike bis zur Moderne geschaffenen Vorstellungen von politischer Ordnung seien davon ausgegangen, dass eine gute politische Ordnung in erster Linie wirklichkeitsgerecht sein müsse. Traditionellem Denken zufolge sei dies nur dann der Fall, wenn diese Ordnung der transzendenten Ordnung des Kosmos entspreche.

  • Die Schaffung einer guten politischen Ordnung setze hinreichende Erkenntnis der transzendenten Ordnung voraus, weshalb Herrscher zugleich Philosophen sein und der Staat über eine religiöse Grundlage verfügen müsse. Es könne zwar eine Trennung von politischer und geistlicher Hierarchie geben, aber keine Trennung von Staat und Religion, da der Staat auf einer von der Religion erkannten Vorstellung transzendenter Ordnung beruhe.
  • In traditioneller politischen Ordnung sei politische Herrschaft an die Forderungen transzendenter Ordnung gebunden und werde durch diese Bindung legitimiert. Die Ausübung von Herrschaft bestehe darin, die Gesellschaft so zu gestalten, dass sie transzendenter Ordnung entspreche.

Der Bindung von Staat und Gesellschaft an transzendente Ziele habe in traditionellen Ordnungen die individuelle Bindung an solche Ziele sowie die Vorstellung entsprochen, dass der Sinn des individuellen Lebens in der Entwicklung der Seele bzw. der Heiligung des Menschen bestehe.

Moderne Ideologien sind nicht wirklichkeitsgerecht

Häretische Bewegungen im Christentum hätten bereits im Hochmittelalter begonnen, sich vom oben beschriebenen Verständnis politischer Ordnung schrittweise zu lösen. Humanismus und Aufklärung hätten dann ganz mit ihm gebrochen. Ihr Grundimpuls bestehe in der Vorstellung, dass transzendente Wirklichkeit nicht existiere oder sie für die Gestaltung einer Gesellschaft nicht relevant sei.

Ursprung dieses Impulses sei der Wunsch, schwer zu schauende und zu fassende transzendente Bezüge durch scheinbar objektivere und leichter zu fassende materielle Bezüge zu ersetzen. Die Moderne habe versucht, Gott in den Griff zu bekommen, indem sie ihren Blick auf die Wirklichkeit auf deren materielle, naturwissenschaftliche Aspekte verengt habe.

  • Allen modernen Ideologien sei gemeinsam, dass sie „gnostisch“ seien, d.h. dass sie eine innerweltliche Selbsterlösung des Menschen durch technischen, wirtschaftlichen und naturwissenschaftlichen Fortschritt, die Herstellung von Gleichheit und die Beseitigung der für irrational erklärten religiösen Restsubstanz der Kultur anstrebten.
  • Aufgrund ihrer Ausblendung oder Leugnung transzendenter Wirklichkeit und ihres Materialismus könnten die Akteure, die diesen Ideologien folgen, nicht wirklichkeitsgerecht handeln. Sie würden schrittweise die aus der Bindung an transzendente Wurzeln geschaffene kulturelle Ordnung zerstören.

Voegelin spricht von der „Verschließung der Seele“ für transzendente Wirklichkeit durch die Ideologien der Moderne und einer durch sie vorangetriebenen „Zerstörung der Wahrheit der Seele“. Moderne Ideologien hätten sich eine „Traumwelt“ geschafft, die in ihrem Materialismus wesentliche Aspekte der Wirklichkeit leugne. „Geistige und sittliche Korruption“, die sich schrittweise über Jahrhunderte entfaltet habe, sei die Folge davon gewesen.

Modernes Denken habe eine Bewegung in Gang gesetzt, die dazu führte, dass transzendente Bezüge im 18. Jahrhundert ganz aus modernen Ideologien verschwunden seien. Das ohnehin schwache Band, das den Menschen und menschliche Gesellschaften mit dem Transzendenten verband, sei hier endgültig zerrissen. Der mit der Abwendung von den transzendenten Wurzeln der Kultur und der fortschreitenden Zerstörung der kulturellen Substanz der Gesellschaft verbundene Niedergang sei zunächst allenfalls vage erkannt worden, weil er von der globalen Machtentfaltung westlicher Kulturen sowie enormen technischen und naturwissenschaftlichen Leistungen begleitet wurde.

Die „dämonische Diversion“ des Menschen, die ihn von transzendenten Zielen weggeführt habe, habe gewaltige Kräfte freigesetzt und Werke ermöglicht, die als Argument für die Wahrheit moderner Ideologien wahrgenommen worden seien. Dies habe dazu geführt, dass die moderne Zivilisation schließlich mit der Zivilisation als solcher gleichgesetzt worden sei, was in einer „Apokalypse der Zivilisation“ münden werde.

Die „Apokalypse der Zivilisation“

Mit dem Verschwinden des Transzendenten sei ein Bedarf nach Ersatzreligionen entstanden. Diese seien im 19. Jahrhundert in Form utopischer Ideologien hervorgetreten, die Voegelin als „politische Religionen“ bezeichnet.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts, als Voegelin sein Werk verfasste, hätten die der Moderne innewohnenden degenerativen Tendenzen in Form totalitärer Ideologien einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Insbesondere der Nationalsozialismus sei ein „Phänomen hemmungsloser Modernität“ gewesen, weil sein Materialismus (etwa in Form seiner Rassenideologie) radikaler gewesen sei als der aller anderen mit ihm verwandten modernen Ideologien.

Mit dem Ende des Nationalsozialismus seien die Probleme der Moderne keinesfalls gelöst gewesen. Die Gesellschaften des Westens seien von der „unheimlichen, geisterhaften Atmosphäre eines Irrenhauses“ geprägt und entwickelten sich zunehmend in Richtung eines Irrsinns, der sie von innen heraus zerstören werde:

„Der Tod des Geistes ist der Preis des Fortschritts. Nietzsche offenbarte dieses Mysterium der westlichen Apokalypse, als er verkündete, dass Gott tot und dass er ermordet worden sei. Dieser gnostische Mord wird ständig von den Menschen begangen, die Gott der Zivilisation zum Opfer bringen. Je intensiver alle menschlichen Energien in das große Unternehmen der Erlösung durch welt-immanentes Handeln geworfen werden, desto mehr entfernen sich diejenigen, die an diesem Unternehmen mitwirken, vom Leben des Geistes. Und da das Leben des Geistes die Quelle der Ordnung im Menschen und in der Gesellschaft ist, liegt gerade im Erfolg einer gnostischen Zivilisation die Ursache ihres Verfalls. […] Der Totalitarismus als existenzielle Herrschaft gnostischer Aktivisten ist die Endform der progressiven Zivilisation.“

Der Realitätsverlust moderner Ideologien sei auch in den liberalen Gesellschaften des Westens soweit fortgeschritten, dass diese Ursachen und Wirkungen gesellschaftlicher Entwicklungen nicht mehr verstehen könnten. Auch die Sozialwissenschaften seien in Folge der Durchsetzung materialistischer Weltanschauung blind geworden, weil ohne transzendente Bezüge die Vorstellung eines Gemeinwohls hinfällig werde.

Auf die Ansprache von Herausforderungen würden sie zunehmend mit moralischer Empörung bzw. quasi-magischen Ritualen moralischer Entrüstung reagieren. Je größer die Diskrepanz zwischen den Versprechen der Ideologie und der Wirklichkeit werde, desto stärker werde sich die Ideologie radikalisieren und gegen jene vorgehen, deren Widerspruch als Ursache des Ausbleibens der versprochenen utopischen Zustände dargestellt werde. Der Liberalismus werde am Ende dieser Entwicklung wie alle modernen Ideologien in eine totalitäre Phase eintreten.

Das „heroische Abenteuer der Seele“ und die mögliche Zukunft Europas

Voegelin ging von der Möglichkeit einer Erneuerung westlicher Gesellschaften durch die Wiederanbindung an das Transzendente aus. Da die Seele des Menschen und das Transzendente nicht verschwinden würden wenn man ihre Existenz leugne, würden moderne Ideologien umso stärkere Gegenkräfte erzeugen, je mehr sie sich durchsetzten. Er ging daher davon aus, dass christlicher Widerstand gegen den Kommunismus entstehen und diesen zu Fall bringen könnte.

Auch eine allgemeine und umfassende „Wiederherstellung der Kräfte der Zivilisation“ und eine Überwindung der „gnostischen Korruption“ seien möglich. Die Antwort auf die Krise der westlichen Kulturen liege in jedem Fall darin, dass ihre Eliten sich wieder dem „heroischen Abenteuer der Seele, das Christentum heißt“ zuwendeten.