Bischof Athanasius Schneider: Unkontrollierte Migration als Risiko für das christliche Europa

Ambrogio Lorenzetti - Die Wirkung guten Regierens auf das Land (gemeinfrei)

Bischof Athanasius Schneider hat in einem Gespräch mit der italienischen Tageszeitung „Il Giornale“ vor den Risiken gewarnt, die für das Christentum und die Kulturen Europas durch unkontrollierte Migration entstehen würden.

Schneider zufolge werde unkontrollierte Migration von den politisch verantwortlichen Akteuren auch mit der Absicht gefördert, die christliche Identität Europas aufzulösen. Die Kirche und das Konzept der Nächstenliebe würden zur moralischen Legitimation solcher Bestrebungen missbraucht. Die historische, kulturelle und christliche Identität Europas müsse dagegen verteidigt werden.

Hintergrund und Bewertung

Die evangelischen Theologen Richard Schröder und Eva Quistorp haben in ihrem aktuellen Buch „Weltoffenes Deutschland? Zehn Thesen, die unser Land verändern“ ebenfalls die negativen Auswirkungen unkontrollierter Migration auf das Gemeinwohl und den Zusammenhalt der betroffenen Gemeinwesen angesprochen eine Gestaltung von Migration nach den Erfordernissen des Gemeinwohls analog zu den Forderungen der katholischen Soziallehre vorgeschlagen.

Papst Franziskus hatte zuvor die materialistische Ideologie, welche die Auflösung von Bindungen und die Trennung von Völkern und Kulturen von ihren religiösen Wurzeln anstrebe und den Menschen nur als Konsumenten und Humankapital betrachte, deutlich kritisiert.

Robert Kardinal Sarah zufolge fände gegenwärtig ein von einigen westlichen Regierungen, internationalen Organisationen und Nichtregierungsorganisationen getragener weltweiter Versuch statt, auf der Grundlage globalisischer Ideologie traditionelle Bindungen im Rahmen eines „ideologischen Kolonialismus“ aufzulösen. Dies habe negative Auswirkungen auf christliche Kultur und das Gemeinwohl der betroffenen Gesellschaften.

Die Akteure, die diese Entwicklung vorantreiben, hatte der Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington nach dem Veranstaltungsort des Weltwirtschaftsforums in der Schweiz als „Davos-Menschen“ bezeichnet. Huntington betonte dabei, dass diese Akteure nicht im Rahmen zentraler Führung agieren würden, sondern auf Grundlage der von ihnen geteilten Ideologien und gemeinsamer Interessen handelten.

  • Laut Huntington würden die Angehörigen der kulturell in sich relativ homogenen Gruppe, aus der sich die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten westlicher Gesellschaften zunehmend rekrutierten, traditionelle Bindungen als irrationale Hemmnisse wirtschaftlicher Effizienz und gesellschaftlichen Fortschritts betrachten und die Schwächung dieser Bindungen unter anderem durch offenen Grenzen und Migration anstreben. Das Gemeinwohl konkreter Gemeinwesen würde im Denken dieser Gruppe keine relevante Größe darstellen.
  • Die Soziologen Celine Teney und Marc Helbling hatten dieses Milieu untersucht und betont, dass es weltanschaulich gleichermaßen von neoliberalen als auch von progressiven politischen Ideologien geprägt sei und aus der Kombination entsprechender Motive heraus für offene Grenzen eintrete.
  • Die für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ tätigen Wirtschaftsjournalisten Georg Meck und Bettina Weiguny hatten in ihrem Buch mit dem Titel „Der Elitenreport“ beschrieben, wie sich neoliberale ökonomische Ideologie in diesem Milieu mit progressiven gesellschaftspolitischen Ideologien verbinde.

Der Wirtschaftswissenschaftler Malcolm Schauf beobachtete eine mit diesem Denken einhergehende Ablehnung christlicher Weltanschauung bzw. des in der katholischen Soziallehre verankerten des Solidaritätsprinzips:

„Ein Gefühl der gesellschaftlichen Verantwortung für das Land ist bei heutigen Konzernlenkern nicht weit verbreitet. Die sind international orientiert. Mir sagte neulich noch ein Vorstandschef, für ihn sei das ohnehin nicht so wichtig, was hier gesellschaftlich passiert. Wenn es schlecht läuft, zieht er privat eben weg.“

Der Politikwissenschaftler Patrick Deneen hatte in diesem Zusammenhang das Zusammenwirken von Politikern, Nichtregierungsorganisationen und Konzernen auf der Grundlage geteilter Ideologie beschrieben. Das gemeinsame Interesse dieser Akteure sei es, materialistische Lebensstile zu fördern und traditionelle Bindungen zu schwächen.

Dieses Zusammenwirken war zuletzt bei Kampagnen in mehreren europäischen Staaten zu beobachten, in denen diejenigen Akteure, die für offene Grenzen eintreten, sich gleichzeitig für die Abschaffung von Gesetzen zum Schutz ungeborenen Lebens einsetzten und auch den Gesetze zum besonderen Schutz der traditionellen Ehe und Familie bekämpften.