Studie: Christliche Identität in Westeuropa

Karl Friedrich Schinkel - Gotischer Dom am Wasser (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Das „Pew Research Center“ hat eine Studie über christliche Identität in Westeuropa vorgelegt. Aus ihr geht hervor, dass praktizierende Christen noch rund 20 Prozent der Bevölkerung der Region ausmachen. Diese würden sich vom Rest der Bevölkerung nicht nur durch ihren Glauben an den Gott der Bibel unterscheiden, sondern auch durch stärkere Identifikation mit den Kulturen ihrer Länder sowie durch eine konservativere Einstellung in gesellschaftspolitischen Fragen und eine skeptischere Haltung gegenüber Migration.

Praktizierende Christen stellen in Europa eine vergleichsweise kleine Minderheit dar

Die Studie definiert praktizierende Christen als solche, die regelmäßig einen Gottesdienst besuchen. Im westeuropäischen Durchschnitt seien dies 22 Prozent der Menschen und in Deutschland 18 Prozent.

Praktizierende Christen unterscheiden sich als Gruppe deutlich von anderen Gruppen

Laut der Studie stelle das Christentum in Westeuropa nicht nur eine nominelle Identität dar, wenn man praktizierende Christen betrachte. Bei diesen habe ihre religiöse Identität konkrete Auswirkungen auf kulturelle, soziale und politische Gruppeneigenschaften, so dass sich diese Christen deutlich von anderen Teilen der Bevölkerung unterscheiden würden.

Die Gruppe der praktizierenden Christen sei im Vergleich zu anderen von der stärkeren Ausprägung der folgenden Eigenschaften gekennzeichnet:

  • Glauben an den Gott der Bibel;
  • Starke Identifikation mit der Kultur des eigenen Landes und Annahme der Übereinstimmung von nationaler und kultureller Identität;
  • Konservative Einstellungen in gesellschaftspolitischen Fragen, u. a. in Fragen des Lebensschutzes und des Schutzes von Ehe und Familie;
  • Distanz gegenüber anderen Religionen und Zweifel an der kulturellen Kompatibilität des Islam mit europäischer Kultur;
  • Kritische Einstellung gegenüber Migration und Befürwortung deren stärkerer Kontrolle;
  • Ablehnung von Laizismus und Befürwortung der Bindung des Staates an christliche Werte.

Ursachen des Verlustes christlicher Identität bei Christen

Die Studie fragte auch nach den Ursachen des Verlustes christlicher Identität bei Menschen, die als Christen aufwuchsen und getauft wurden. Diese Ursachen seien:

  • Schwache religiöse Bindungen;
  • Ablehnung der gesellschaftspolitischen Positionen der Kirche (erwähnt werden v.a. Schutz von Ehe und Familie sowie Lebensschutz);
  • Zweifel an der Lehre der Kirche;
  • Skandale innerhalb der Kirche.

Mögliche Anzeichen für zunehmende Hinwendung zum Christentum in Folge islambezogener Herausforderungen

Die Autoren schließen nicht aus, dass in Westeuropa das Interesse am Christentum zunehmen könnte, weil dieses in Folge der zunehmenden islambezogenen Herausforderungen verstärkt als Träger des eigenen kulturellen Erbes wahrgenommen wird. Diese These hatten u.a. der Soziologe Roger Brubaker und der Politikwissenschaftler Olivier Roy vorgebracht. Der Historiker Niall Ferguson hatte diese Tendenz ausdrücklich positiv bewertet, da das Christentum in Europa den wichtigsten kulturellen Faktor darstelle, der extremistischen Ideen entgegenwirke.

Die Autoren betonen jedoch, dass sie das Vorhandensein einer solchen Tendenz auf Grundlage der vorhandenen Daten weder bestätigen noch widerlegen könnten. Ein potenzieller Indikator, der diese Tendenz bestätigen könnte, wäre der Anstieg der Zahl praktizierender Christen, die sich aus anderen Gründen als dem Glauben an Gott mit dem Christentum identifizieren.

Bewertung und Folgerungen

Die Studie belegt, dass praktizierende Christen eine vergleichsweise kleine Minderheit in Westeuropa darstellen, die aufgrund ihrer Eigenschaften jedoch eine besondere Stütze ihrer Gemeinwesen und eine Trägerin der jeweiligen Kultur darstellt. Diese Christen sind zudem sensibler als andere Gruppen für kulturelle Herausforderungen, u. a. in gesellschaftspolitischen Fragen oder in Bezug auf islambezogene Herausforderungen.

Gleichzeitig geht aus der Studie hervor, dass nicht-praktizierende Christen eine im Vergleich zu praktizierenden Christen deutlich größere Gruppe in Westeuropa darstellen, die in ihren Einstellungen und sonstigen Eigenschaften häufig eher mit konfessionslosen Westeuropäern übereinstimmt. Die Studie legt nahe, dass die Anhänger progressiver Strömungen in der Kirche häufig nicht-praktizierende Christen sind, die überwiegend nicht an den Gott der Bibel glauben.

  • Dies bedeutet, dass innerhalb der Kirche eine Mehrheit der Menschen Positionen und Einstellungen vertritt, die nicht aus dem Christentum hervorgehen, sondern aus nicht-christlichen Weltanschauungen und Einflüssen. Das ist eine mögliche Erklärung für die tiefer werdenden Bruchlinien zwischen konservativen und progressiven Strömungen innerhalb der Kirche.
  • Gleichzeitig prägen nicht-praktizierende Christen aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke die Außenwahrnehmung des Christentums, während praktizierende Christen ggf. von Außen als eine von der durch die Mehrheit definierten Norm abweichende radikale Minderheit wahrgenommen werden.
  • Die vorliegenden Daten legen in diesem Zusammenhang außerdem nahe, dass die von einigen Akteuren geforderte demokratischere Kirche eine kulturell und weltanschaulich weniger christliche Kirche wäre.

Einige Schlussfolgerungen der Autoren können jedoch in Frage gestellt werden:

  • Die Autoren bewerten die von vielen Christen ausgedrückte Ablehnung von Muslimen in der eigenen Familie als „anti-islamisch“. Es wäre jedoch plausibler anzunehmen, dass das Motiv für diese Ablehnung der Wunsch nach Weitergabe des christlichen Glaubens innerhalb der eigenen Familie ist, da eine Ablehnung individueller Muslime durch Christen ansonsten nicht aus den erhobenen Daten hervorgeht.
  • Die positive Bewertung der eigenen Kultur und die Annahme der Übereinstimmung von nationaler und kultureller Identität durch viele Christen bewerten die Autoren als Ausdruck von „Nationalismus“. Auch dies ist nicht plausibel, da ein christlicher Nationalismus, der andere Nationen unter Berufung auf das Christentum abwertet, nirgendwo in Westeuropa erkennbar ist. Plausibler ist es daher anzunehmen, dass die in der Studie festgestellten Einstellungen Ausdruck der u. a. durch Papst Johannes Paul II. beschriebenen positiven christlichen Einstellung zur eigenen Nation ist, die als Erweiterung der natürlichen Gemeinschaft der Familie verstanden wird. Johannes Paul II. unterschied daher zwischen auf positiver Bindung an das Eigene beruhendem christlichem Patriotismus und auf Abwertung des Fremden beruhenden säkularem Nationalismus.

In einer religionsdemographischen Vorgängerstudie hatte das „Pew Research Center“ demographische Islamisierungstendenzen in Europa bestätigt. Falls der derzeitige Trend anhalte, könne sich der Anteil der Muslime an den Bevölkerungen europäischer Staaten bis 2050 verdreifachen. In Schweden würden Muslime dann rund 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen, während ihr Bevölkerungsanteil in Deutschland, Österreich, Frankreich und Großbritannien voraussichtlich rund 20 Prozent betragen würde.