Ross Douthat: Die existenzielle Krise des westlichen Christentums

Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski - Das Segelschiff Kaiserin Maria im Sturm (gemeinfrei)

Ross Douthat ist Kolumnist der „New York Times“ und gilt als einer der führenden konservativen amerikanischen Beobachter von Entwicklungen im Christentum. In seinem kürzlich erschienenen Buch „To Change the Church – Pope Francis and the Future of Catholicism“ analysiert er die gegenwärtige Lage der katholischen Kirche. Vor allem in westlichen Gesellschaften befinde sich die Kirche in Folge des Wirkens liberaler Ideologien in ihrem Inneren im „Zusammenbruch“. Ihr würden hier einige sehr schwierige Jahrzehnte bevorstehen. Im westlichen Protestantismus sei die Lage nicht besser.

Die globale Krise der Kirche

Die katholische Kirche befände sich weltweit in einer der größten Krisen ihrer Existenz. Es gebe zwar mehr katholische Christen als jemals zuvor in der Geschichte, aber außerhalb von Ländern wie Polen und den Philippinen sei der kulturell tief verwurzelte Katholizismus weitgehend verschwunden.

Die Kirche habe ihre kulturelle Strahlkraft weitgehend verloren. Der Katholizismus präge sowohl die ihn umgebende Kultur als auch die Kultur seiner Angehörigen kaum noch, weshalb die Kirche kulturell heterogener werde. Die kulturelle Einheit, die der Katholizismus über die Völker und die Jahrhunderte hinweg geschaffen habe, drohe verloren zu gehen.

Im westlichen Kulturraum sei in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil außerdem ein „Zusammenbruch“ der Kirche zu beobachten gewesen. Fast alle Indikatoren, an denen man die Kontinuität der Kirche messe könne (etwa die Zahl der Priesterberufungen, die Teilnahme an der Heiligen Messe oder die Zahl der Taufen), entwickelten sich seit seit Jahrzehnten negativ. In Deutschland zum Beispiel sei die Kirche zwar noch wohlhabend, aber „steril und halb säkularisiert“.

Seit den 1960er Jahren habe das Christentum in westlichen Gesellschaften außerdem seine kulturelle Führungsrolle an Akteure der Konsumkultur sowie an progressive Ideologien abgegeben und befinde sich kulturell auf allen Gebieten in der Defensive.

Die Krise der Kirche als Krise des Liberalismus

Die nachkonziliare Krise verschärfe sich zunehmend. Liberale Ideologie durchdringe die Kirche mittlerweile auf allen Ebenen und in allen Bereichen. Die Folge des Wirkens des immer offensiver agierenden Liberalismus sei die Vertiefung weltanschaulicher Bruchlinien zwischen konservativen, traditionalistischen und liberalen Strömungen. Die entsprechenden Differenzen seien nicht nur oberflächlicher Natur, sondern würden häufig Grundfragen des Glaubens berühren.

  • Liberale Strömungen würden durch ihr Streben nach Anpassung der Kirche an säkulare Ideologien und Kultur die schrittweise Auflösung der Kirche bewirken. Indem sie die sich laufend verändernde „Lebenswirklichkeit“ der Gesellschaft zum Maßstab der Ausrichtung der Kirche machten, würden Liberale die Kirche von ihrer Grundlage in Jesus Christus und seinem unveränderlichen Wort lösen. Wenn Liberale von „Offenheit“ sprächen und „Abgrenzung“ kritisierten, verberge sich dahinter meist die Ablehnung der bestehenden Lehre und Tradition.
  • Die Hoffnung mancher Liberaler, durch diese Anpassung besser auf kirchenferne Teile der Gesellschaft einwirken zu können, habe sich nirgendwo bestätigt. Eine angepasste Kirche würde zwar auf weniger Widerstand und Ablehnung stoßen, aber auch als irrelevant wahrgenommen werden, weil sie nur das bestätige, was auch ohne christliche Grundlage geglaubt werde. Eine Kirche, die das Wort Jesu Christi bis zur Beliebigkeit relativiere, damit es weltanschaulichen Moden entspricht und auf weniger Ablehnung stößt, sei weder glaubwürdig noch ehrlich. Sie verstoße durch diese Praxis vor allem aber gegen ihren Auftrag.

Noch stärker als die katholische Kirche beträfen diese Probleme liberale protestantische Strukturen. In den USA seien die früheren protestantischen Volkskirchen, die sich zu Vorreitern der Liberalisierung gemacht hätten, zu „ergrauten Sekten“ ohne Zukunft geworden.

Douthat kritisiert jedoch auch konservative und traditionalistische Strömungen. Während der Amtszeit der beiden konservativen Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sei die Krise weiter eskaliert. Konservative hätten zum Beispiel mangelnde Härte bei der Zerschlagung korrupter Strukturen innerhalb der Kirche gezeigt und so dazu beigetragen, dass Missbrauchsfälle solche Dimensionen hätten annehmen können. Traditionalisten würden verkennen, dass das, was sie bewahren wollten, das Ergebnis einer Entwicklung und nicht des bloßen Festhaltens am Bestehenden gewesen sei.

Die Verschärfung der Krise unter Papst Franziskus

Papst Franziskus sei keiner der erwähnten Strömungen eindeutig zuzuordnen und in der Hoffnung zum Papst gewählt worden, dass er einen Ausgleich zwischen ihnen herstellen könne. In seiner Enzyklika „Laudato si’“, in der er sich mit Umweltfragen auseinandersetzte und dabei sowohl konservative als auch progressive Impulse aufgriff und miteinander versöhnte, sei ihm dies noch gelungen.

Später habe Franziskus die vorhandenen Bruchlinien durch ungeschicktes Handeln jedoch weiter vertieft. Durch die Schaffung von Unklarheiten in Fragen der Lehre habe er Lücken geschaffen, die radikale liberale Kräfte genutzt hätten, um Fakten in ihrem Sinne zu schaffen. Franziskus habe dies zugelassen und gleichzeitig sachliche Kritik daran öffentlich bloßgestellt.

Außerdem zeige Franziskus populistische Tendenzen in Form seiner spontanen, oft wenig durchdachten Äußerungen zu politischen Themen gegenüber den Medien. Diese Äußerungen würden von diesen zwar allgemein positiv aufgenommen (etwa sein Eintreten für offene Grenzen), inhaltlich aber häufig eher liberaler Ideologie als der katholischen Soziallehre entsprechen.

Das schwierige 21. Jahrhundert der Kirche

Es sei derzeit noch vollkommen offen, wie die Krise der Kirche aufgehalten oder überwunden werden könne. Keine der Strömungen in der Kirche habe derzeit einen Ansatz zur Überwindung der Krise anzubieten. Douthat geht daher davon aus, dass der Kirche ein schwierigeres Jahrhundert und möglicherweise auch eine Spaltung bevorstehe.

Dies sei auch deshalb problematisch, weil westliche Gesellschaften aufgrund der Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen, christliche Impulse dringend benötigen würden. Das Christentum verfüge über erprobte kulturelle Antworten auf die konservative Sorge vor dem Verlust der kulturellen Identität oder die progressive Sorge vor den sozialen Folgen der Globalisierung. Das Christentum könne das Eigene bewahren, ohne das Fremde herabzusetzen, und soziale Fragen lösen ohne in Materialismus zu verfallen. Es verfüge auch eine Antwort auf den Fanatismus des politischen Islam und die Fragmentierung der Gesellschaft durch linke und rechte Identitätspolitik. Je schwächer das Christentum in westlichen Gesellschaften werde, desto weniger würden diese Gesellschaften dazu in der Lage sein, Antworten auf diese Herausforderungen zu finden.

Die Kirche werde in westlichen Gesellschaften jedoch künftig als Quelle solcher Impulse eine immer geringere Rolle spielen. In zunehmend schwieriger werdenden Umfeldern würden die liberalen Teile der Kirche noch schneller erodieren als bisher. In einigen Jahrzehnten werde die Kirche in Europa sehr klein und von konservativen sowie von traditionalistischen Kräften geprägt sein. Douthat verweist darauf, dass bei anhaltendem Trend in Frankreich um das Jahr 2040 traditionalistische Priester voraussichtlich die Mehrheit unter den Priestern stellen würden, weil es in anderen Strömungen immer weniger neue Berufungen gebe.

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) habe diese Entwicklung frühzeitig erkannt und die Kirche auf eine Zeit vorbereiten wollen, in der sie in westlichen Gesellschaften eine Minderheit darstellen werde:

„Vielleicht müssen wir von den volkskirchlichen Ideen Abschied nehmen. Möglicherweise steht uns eine anders geartete, neue Epoche der Kirchengeschichte bevor, in der das Christentum eher wieder im Senfkorn-Zeichen stehen wird, in scheinbar bedeutungslosen, geringen Gruppen, die aber doch intensiv gegen das Böse anleben und das Gute in die Welt hereintragen: die Gott hereinlassen. Ich sehe, daß hier wieder ganz viel Bewegung dieser Art da ist.“

Die Krise der Kirche und der sie umgebenden Gesellschaften müsse sich offenbar noch weiter entfalten, bevor eine Erneuerung durch die von Ratzinger erwähnten Akteure möglich sei. In der gegenwärtigen Lage müsse die Kirche zunächst die inneren Bestände aufbauen, die sie brauche, um die kommenden Jahrzehnte zu überstehen. In der Geschichte der Kirche habe es solche Situationen schon mehrfach gegeben. In ihnen seien zu gegebener Zeit die erforderlichen Heilige hervorgetreten.