Mouhanad Khorchide: Spannungen zwischen Muslimen und dem Westen waren „noch nie so stark wie heute“

Eugène Delacroix - Die Fanatiker von Tanger (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Soziologe Mouhanad Khorchide lehrt islamische Religionspädagogik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Bei einem Vortrag warnte er vor einigen Tagen, dass die Spannungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in Europa noch nie so stark gewesen seien wie in der Gegenwart.

Vor allem für junge Muslime in Europa habe der Islam zunehmend eine „identitäre Dimension“. Junge Muslime würden häufig „ausgehöhlte Identitäten“ aufweisen und sich einem identitären Islam zuwenden, der sich vor allem über Feindbilder definiere. Dies habe negative Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Islam durch Nichtmuslime  und erzeuge zunehmend eine identitäre Gegenbewegung unter Europäern. Laut Khorchide sei „diese Spannung zwischen Muslimen und dem Westen […] noch nie so stark wie heute“ gewesen.

Sowohl von den Islamverbänden in Deutschland als auch von den Denkern der vorherrschenden Strömungen im Islam seien keine positiven Beiträge für die Integration des Islam in Europa zu erwarten. Die Islamverbände würden vorwiegend Positionen des politischen Islam vertreten und aus dem Ausland gesteuert, etwa aus der Türkei. Durch die Kooperation mit diesen Verbänden würde der deutsche Staat „ungewollt den politischen Islam“ unterstützen.

Hintergrund

Khorchides Bewertungen bezüglich islambezogener Herausforderungen in Deutschland und Europa werden von einigen anderen Wissenschaftlern geteilt:

  • Der französische Sozialwissenschaftler Gilles Kepel hatte davor gewarnt, dass der Islam in Europa zunehmend die Grundlage einer Gegenidentität bilde, die sich über die Ablehnung europäischer Kultur definiere. Kepel geht davon aus, dass dies langfristig mit Konflikten in Europa verbunden sein werde.
  • Der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi hatte darauf hingewiesen, dass die Islamverbände in Deutschland Teil einer aus Staaten wie der Türkei und Saudi-Arabien finanzierten und kontrollierten globalen Infrastruktur des politischen Islam seien, welche die Durchdringung Europas mit islamistischer Ideologie anstrebe.
  • Die Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI), Susanne Schröter, hatte den Islamverbänden in Deutschland vorgeworfen, islamistische Tendenzen zu fördern. Teile des „Zentralrats der Muslime in Deutschland“ (ZMD) würden der Muslimbruderschaft nahestehen und die aus der Türkei geteuerte DITIB verfüge über „nachgewiesene Verbindungen in die salafistische Szene“.

Khorchide tritt für einen kulturell in Europa integrierten Islam ein und ist einer der Gründer des „Muslimischen Forums Deutschland“ (MFD), in dem sich pro-europäische Muslime zusammengeschlossen haben. Diese sind im islamischen Spektrum in Deutschland jedoch weitgehend isoliert.

Die Islamverbände in Deutschland lehnen die theologischen Positionen Khorchides geschlossen ab. Der Politikwissenschaftler Bassam Tibi, der zeitweise für die Schaffung eines in die Kultur Europas integrierten „Euro-Islam“ eintrat, hatte diesen Ansatz 2016 mangels Resonanz unter Muslimen für gescheitert erklärt.