Armin Lehmann: Postmodernen Gesellschaften mangelt es an Wehrhaftigkeit

Vitore Carpaccio - Sankt Georg und der Drache (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Historiker Armin Lehmann ist Redakteur beim „Tagesspiegel“. In einem aktuellen Aufsatz setzt er sich mit dem Problem des Verlustes von Wehrhaftigkeit und Männlichkeit in liberalen, postmodernen Gesellschaften auseinander. Entsprechende kulturelle Entwicklungen würden einen allgemein verdrängten wunden Punkt dieser Gesellschaften darstellen.

Deutschland sei in Folge der kulturellen Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte nicht mehr zu Selbstbehauptung oder auch nur Formulierung seiner Interessen in der Lage. Der Gedanke des Gemeinwohls sei zugunsten der Betonung von Minderheiteninteressen in den Hintergrund getreten. Parallel dazu gebe es auch einen individuellen Verlust an Maskulinitität, der mit dem Verlust wehrhafter Eigenschaften verbunden sei:

„Die Entwicklung einer in jeder Hinsicht diversen Gesellschaft hat den Blick auf das Land individualisiert und auf eigene Interessen reduziert: Man zieht sich in viele Minderheitsgruppen zurück, in die diverse, gegenderte Gesellschaft, in der die Mitglieder nur für diese Minderheit eintreten, aber nicht mehr für allgemeine, grundsätzliche Werte und Überzeugungen. Die Gleichberechtigung der ausdifferenzierten Geschlechter und anderer Minderheiten führt zu einem Nebenher an Kleinstinteressen, aber nicht zu kollektiven Überzeugungen. „Wehrhaftigkeit“ und Kampf gibt es für Unisextoiletten. Siege bestehen etwa darin, dass Facebook die Möglichkeit eröffnet, bei der Anmeldung unter 60 verschiedenen Geschlechtern zu wählen.

Als große Gruppe, als Kollektiv, treten wir auch als Nation nicht mehr in Erscheinung: Wir überlassen Viktor Orbán die Grenzsicherung oder den Libyern. […] Wir liefern Waffen, ziehen aber nicht in den Krieg. Kriege wollen wir verhindern, wissen aber nicht wie, weil wir nie machtpolitisch argumentieren. Wir sagen, dass uns im Ernstfall die Nato verteidigen soll, wollen aber nicht wahrhaben, dass unsere Kinder selbst die Nato sind.“

Vor dem Hintergrund der Herausforderungen, denen sie gegenübersteht, müsse die deutsche Gesellschaft Konzepte wie Männlichkeit und Wehrhaftigkeit erneuern, ohne dabei in die Extreme der Vergangenheit zu verfallen.

Deutschland brauche „neue Heldinnen und Helden, die die Gesellschaft im Alltag modernisieren und dennoch wieder wehrhaft machen.“ Diese neue Wehrhaftigkeit solle sich jedoch nicht durch „Kriegsbereitschaft“ definieren, sondern durch „den Willen der Gesellschaft, Werte und Überzeugungen überhaupt wieder gemeinsam verteidigen zu wollen.“ Ohne „das Wissen darüber, worin diese Werte eigentlich bestehen“, sei diese Wehrhaftigkeit jedoch nicht möglich.

Bewertung und Folgerungen

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, der Sozialpsychologe Dieter Frey und der Kulturwissenschaftler Daniele Giglioli hatten sich zuletzt in eine ähnliche Richtung über die Probleme postheroischer, männliche Tugenden und den Gedanken der Selbstbehauptung ablehnenden liberaler Gesellschaften geäußert. Die Kulturwissenschaftlerin Camille Paglia sieht in der Ablehnung des Maskulinen ein Phänomen, das für die Spätphasen von Kulturen typisch sei.

Damit eine Gesellschaft dazu in der Lage ist, das Gemeinwohl anzustreben und zu verteidigen, sind aus der Sicht katholischer Soziallehre über das Vorhandensein männlicher Tugenden in der Gesellschaft hinaus eine Reihe kultureller Voraussetzungen erforderlich. Diese kulturellen Voraussetzungen lehnen progressive Ideologien jedoch weitgehend ab, weshalb die Prägung der Gesellschaft durch diese Ideologien neben anderen Problemen auch den von Lehmann beobachteten Verlust an Wehrhaftigkeit und Fähigkeit zur Selbstbehauptung zur Folge hat.

Solange die entsprechenden kulturellen Entwicklungen nicht korrigiert werden, sind von ihnen betroffene Gesellschaften nur dann zu ihrer Selbsterhaltung fähig, wenn es in ihnen kulturelle Untergruppen gibt, die ein traditionelles Dienstethos pflegen und auf dessen Grundlage für den Schutz des Gemeinwesens eintreten. Diese Gruppen müssen dazu bereit sein, diesen Dienst auch dann zu verrichten, wenn die dominierenden kulturellen Strömungen darauf negativ reagieren. Polizisten und Soldaten sind dieser Situation in Deutschland bereits seit längerem ausgesetzt.

Da sich die Utopie der durch Entmaskulinisierung befriedeten Gesellschaft jedoch nicht verwirklicht, wächst der Bedarf an kulturellen Alternativen zunehmend. Wie diese Alternativen aussehen, hatte der französische Gendarmerie-Oberst und Katholik Arnaud Beltrame Anfang des Jahres im Kampf gegen islamistische Terroristen demonstriert.