Zerfall und Bedrohung: Franz Kafka und die Spiritualität des schützenden Dienstes (Teil 2)

Thomas Cole - The Course of Empire - Destruction (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der jüdische Schriftsteller Franz Kafka zählt zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Literaturgeschichte. In einigen seiner Erzählungsfragmente setzt er sich mit Fragen der Spiritualität des schützenden Dienstes auseinander. Sein Text „Ein altes Blatt“ behandelt den Zerfall eines Gemeinwesens, das seine religiöse Kraft verloren hat, und dessen daraus resultierende Wehrlosigkeit gegenüber der Bedrohung durch das feindselige Fremde.

Der erste Teil unserer Serie hatte Kafkas Erzählung „Beim Bau der Chinesischen Mauer“ betrachtet, die in der Sprache des Mythos den schützenden Dienst als spirituelle Aufgabe beschreibt. Diese wird von einer Art religiösem Orden geleistet, der im Gemeinwesen größere Kraft entfaltet als die ebenfalls in ihm wirkenden Kräfte der Auflösung und der die metaphysische Bedrohung des Reiches bekämpft und ihren Sieg verhindert.

Kafkas Erzählung „Ein altes Blatt“

In seiner Erzählung „Ein altes Blatt“ sind die religiösen Kräfte ebenso verschwunden wie das Reich, dessen Träger sie waren. Der Horizont der Erzählung beschränkt sich auf die Hauptstadt dieses Reiches, die von feindseligen Nomaden besetzt wurde. Die kraftlos wirkenden Bewohner der Stadt, die sich auf allen Ebenen bis hin zum Kaiser nur noch für sich selbst interessieren, reagieren passiv auf die sich andeutende Katastrophe:

„Es ist, als wäre viel vernachlässigt worden in der Verteidigung unseres Vaterlandes. Wir haben uns bisher nicht darum gekümmert und sind unserer Arbeit nachgegangen; die Ereignisse der letzten Zeit machen uns aber Sorgen.

Ich habe eine Schusterwerkstatt auf dem Platz vor dem kaiserlichen Palast. Kaum öffne ich in der Morgendämmerung meinen Laden, sehe ich schon die Eingänge aller hier einlaufenden Gassen von Bewaffneten besetzt. Es sind aber nicht unsere Soldaten, sondern offenbar Nomaden aus dem Norden. Auf eine mir unbegreifliche Weise sind sie bis in die Hauptstadt gedrungen, die doch sehr weit von der Grenze entfernt ist. jedenfalls sind sie also da; es scheint, daß es jeden Morgen mehr werden. […]

Sie beschäftigen sich mit dem Schärfen der Schwerter, dem Zuspitzen der Pfeile, mit Übungen zu Pferde. […]

Sprechen kann man mit den Nomaden nicht. Unsere Sprache kennen sie nicht, ja sie haben kaum eine eigene. […] Unsere Lebensweise, unsere Einrichtungen sind ihnen ebenso unbegreiflich wie gleichgültig. […] Oft machen sie Grimassen; dann dreht sich das Weiß ihrer Augen und Schaum schwillt aus ihrem Munde, doch wollen sie damit weder etwas sagen noch auch erschrecken; sie tun es, weil es so ihre Art ist. Was sie brauchen, nehmen sie. Man kann nicht sagen, daß sie Gewalt anwenden. Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überläßt ihnen alles. […]

‚Wie wird es werden?‘ fragen wir uns alle. ‚Wie lange werden wir diese Last und Qual ertragen? Der kaiserliche Palast hat die Nomaden angelockt, versteht es aber nicht, sie wieder zu vertreiben. Das Tor bleibt verschlossen; die Wache, früher immer festlich ein- und ausmarschierend, hält sich hinter vergitterten Fenstern. Uns Handwerkern und Geschäftsleuten ist die Rettung des Vaterlandes anvertraut; wir sind aber einer solchen Aufgabe nicht gewachsen; haben uns doch auch nie gerühmt, dessen fähig zu sein. Ein Mißverständnis ist es; und wir gehen daran zugrunde.'“

Kulturzerfall als Folge von Religionsverlust

In der 1917 im untergehenden Österreich-Ungarn verfassten Erzählung verwendet Kafka einige Bilder, die sich auch im zeitgleich entstandenen Werk „Der Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler finden. Während Spengler jedoch davon ausging, dass Kulturen biologischen Lebenszyklen folgen, stützt sich Kafka auf einen anderen Ansatz zur Erklärung des Aufstiegs und des Untergangs von Kulturen.

Dieser geht davon aus, dass eine Religion den Kern jeder Kultur darstelle. Eine Kultur wachse, wenn ihre Bindung an diesen Kern intakt sei, und sie zerfalle, wenn sich diese Bindung auflöse. Der Untergang einer Kultur stellt demnach kein unabwendbares Schicksal dar, sondern ist Folge des Versagens kultureller Eliten. Gleichzeitig geht dieser Ansatz davon aus, dass kulturelle Erneuerung möglich ist, wenn diese Eliten oder Gegeneliten aus starken religiösen Bindungen heraus tätig werden.

Die katholische Schriftstellerin Gertrud von le Fort (1876-1971)  hatte die Ursachen des Niedergangs Europas auf der Grundlage dieses Ansatzes so beschrieben:

„Das Geheimnis, um das es hier geht, aber ist: Daß man mit der Aufopferung Gottes auch die Welt opfert, daß der Verrat an der Religion den Verrat an der Kultur nach sich zieht, nach sich ziehen muß. Die abendländische Kultur wird genau so lange leben wie die abendländische Religion.“

Kardinal Robert Sarah hatte ebenfalls auf der Grundlage dieses Ansatzes 2016 davor gewarnt, dass nicht nur der  Kultur, sondern auch den Menschen Europas der Tod durch Trennung von ihren religiösen Wurzeln und Abbruch der Weitergabe ihres Erbes drohe:

„[D]ie größte Sorge besteht darin, dass Europa den Sinn für seine Ursprünge verloren hat. Es hat seine Wurzeln verloren. Und ein Baum, der keine Wurzeln hat, stirbt ab. Ich habe Angst, dass der Westen stirbt. Es gibt viele Anzeichen dafür. Niedrige Geburtsraten. Und ihr seid schließlich von anderen Kulturen überströmt, von anderen Völkern, die euch fortschreitend in ihrer Zahl dominieren und eure Kultur vollkommen verändern werden, eure Überzeugungen, eure Werte.“

In Kafkas Erzählung steht dieser Auflösungsprozess unmittelbar vor seinem Ende, wobei die Frage am Schluss der Erzählung („Wie lange werden wir diese Last und Qual ertragen?“) noch die Möglichkeit einer Umkehr und einer Rettung zulässt.

Die Bedrohung durch das feindselige Fremde als Strafe Gottes

In der alttestamentarischen Tradition, deren Teil Kafka war, wird der Fremde auf drei unterschiedliche Weisen beschrieben. Der Fremde tritt hier entweder als hilfsbedürftiger Notleidender, als Gast oder als Bedrohung in Erscheinung. Die Bedrohung durch feindselige Fremde wird im Alten Testament im Einklang mit dem oben erwähnten Ansatz durchgängig als Folge der Abwendung seines Volkes von Gott bzw. als Strafe dafür beschrieben, zum Beispiel im Buch Ezechiel:

„So spricht Gott, der Herr, zum Land Israel: Das Ende kommt, das Ende kommt über die vier Ecken der Erde. Jetzt ist das Ende für dich da; ich lasse meinen Zorn gegen dich los, ich spreche dir das Urteil, das dein Verhalten verdient, und strafe dich für alle deine Gräueltaten. […] Ich gebe ihn den Fremden zur Beute, die Bösen der Erde sollen ihn rauben und entweihen. Ich wende mein Angesicht von ihnen ab und man wird meinen kostbaren Besitz entweihen. Räuber werden kommen und ihn entweihen. Sie werden ein Blutbad anrichten; denn das Land ist voll von Todesurteilen und die Stadt ist voll von Gewalttat. Ich führe die schlimmsten Völker herbei, damit sie die Häuser besetzen. Ich mache dem Hochmut der Mächtigen ein Ende, ihre Heiligtümer werden entweiht.“

Das Judentum hat in seiner auf ständiger Krisenerfahrung beruhenden Spiritualität die Möglichkeit, dass das Fremde auch eine Bedrohung darstellen kann, im Gegensatz zu großen Teilen des Christentums in Europa nicht vergessen. Einige deutsche Katholiken bekundeten dementsprechend ihr Unverständnis darüber, dass der Staat Israel seine Grenzen mit hohem Aufwand schützt und großen Wert auf die Pflege der Leistungsfähigkeit seiner Streitkräfte legt. Einige israelische Denker, darunter der Militärhistoriker Martin van Creveld und der Geostratege Arnon Soffer, kritisierten diese unter deutschen Christen verbreitete Einstellung wegen ihres Mangels an Wirklichkeitssinn.

Das Alte Testament beschreibt zahlreiche Situationen, in denen das Volk Gottes sich von ihm abwandte, von Illusionen leiten ließ und die Warnungen seiner Propheten ignorierte. Die im Buch Ezechiel beschriebenen Krisen waren dabei Strafe und Ausdruck der Zuwendung Gottes zugleich, denn die damit verbundene Botschaft sollte der Rettung seines Volkes dienen:

„Werft alle Vergehen von euch, die ihr verübt habt! Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist! Warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? […] Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt.“

Der Theologe Romano Guardini und der Historiker Christopher Dawson hatten in diesen Zusammenhang darauf hingewiesen, dass auch das Christentum und die von ihm begründeten Kulturen in Europa immer wieder die Erfahrung existenzieller Krisen brauchten und auch künftig brauchen würden, um Fehlentwicklungen in ihrem Inneren zu korrigieren.