Ulrich Lehner: Dem liberalen Christentum mangelt es an Härte

Albrecht Dürer - Der hl. Apostel Paulus (Detail, Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der aus Bayern stammende Ulrich Lehner lehrt Religionsgeschichte und Theologie an der jesuitischen Marquette University in den USA. In seinem kürzlich erschienenen Buch „God Is Not Nice“ setzt er sich mit liberalen Verfallsformen des Christentums auseinander, die dessen maskuline sowie harte, ernste und fordernde Inhalte ausblenden und durch die Suche nach angenehmen Gefühlen ersetzen würden. Strömungen dieser Art würden die Kirche in allen westlichen Gesellschaften zunehmend prägen und stellten eine „tödliche Gefahr“ für das Christentum dar, weil sie seinen Kern aushöhlten.

Das liberale Christentum und seine Suche nach angenehmen Gefühlen

Lehner betrachtet diese Tendenzen vor allem als ein Produkt liberaler Theologie. Sie seien von den folgenden Merkmalen geprägt:

  • Die meist aus saturierten westlichen Mittelschichten stammenden Anhänger dieser Strömungen würden von Religion vor allem individuellen Nutzen erwarten, etwa in Form der Erzeugung angenehmer Gefühle oder der Bestätigung der eigenen Person. Das Gottesbild dieser Strömungen unterscheide sich deutlich vom christlichen Gottesbild, da Gott in ihm nur eine den Wünschen des Menschen nachgeordnete therapeutische Funktion habe und sich durch seinen Nutzwert legitimiere.
  • Die Betonung von Gefühlen und Sentimentalität trete in diesen Strömungen an die Stelle von Theologie und Rationalität. Dies sei mit einer Sprache verbunden, die „Liebe“ und „Barmherzigkeit“ betone. Diese Begriffe würden gleichzeitig umdefiniert, wobei ihre christliche Bedeutung verloren gehe. Wenn diese Strömungen etwa von „Liebe“ sprächen, meinten sie nicht die sich in selbstlosem Dienst am Nächsten äußernde christliche Liebe, sondern Liebe im modernen Sinne, die vor allem ein ichbezogener Anspruch auf die Herstellung angenehmer Gefühle durch andere Menschen sei.
  • Ernste Dinge, große Lebensfragen sowie Gefahr und Abenteuer des Christentums würden hier ebenso wie dessen kämpferische Aspekte praktisch keine Rolle spielen und ausgeblendet, weil ihre Ansprache meist keine guten Gefühle erzeuge.
  • Diese Strömungen des Christentums seien ihrem Wesen nach unmännlich, weshalb sie vorwiegend weniger maskuline Männer ansprechen würden, welche die Außenwahrnehmung des Christentums zunehmend prägten.

Die amerikanischen Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton hatten diese Strömung als „Moralistischer Therapeutischer Deismus“ (MTD) bezeichnet. Der Soziologe Alasdair MacIntyre bezeichnete dieses Phänomen als „Emotivismus“.

Eine Variante dieser Strömung sei das bürgerliche Kulturchristentum, das Gott ebenfalls von seinem Nutzwert her betrachte und sich vor allem deshalb mit dem Christentum identifiziere, weil es nützlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sei, die Moral in der Gesellschaft fördere oder anderen nachgeordneten Zwecken diene.

Der tote Gott des liberalen Christentums

Die Vorstellung, dass Glaube sich durch seinen Nutzen für den Menschen legitimiere, habe eine „pervertierte Form christlichen Denkens“ hervorgebracht. Der Gott des liberalen modernen Christentums sei tot, weil er nur ein von Menschen zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse erschaffener Götze sei. Das damit verbundene Christentum sei tatsächlich das „Opium“, als das manche Religionskritiker es bezeichnen. Es sei eine Droge, mit dem der Mensch sich betäuben wolle, um den großen Fragen des Lebens auszuweichen.

Lehner spricht angesichts der Entwicklungen im Christentum der westlichen Welt von einer sich herausbildenden „Walmart-Kirche“ und von einem religiösen Disneyland ohne Härten und tiefere Geheimnisse. Menschen würden hier als Konsumenten behandelt und in ihrer Anpassung an die Wünsche ihrer Kunden wende sich dieser Teil der Kirche zunehmend von Gott ab.

Entsprechende Strömungen stellten eine „tödliche Gefahr“ für das Christentum dar, weil sie dessen Kern aushöhlten und den christlichen Gott durch den von ihr geschaffenen Götzen ersetzten. Sie stellten auch eine tödliche Gefahr für diejenigen dar, die ihnen folgen, weil sie sie in ihren Schwächen bestätigten und dadurch ihre Seelen gefährdeten. Teile der Kirche würden daran wissentlich mitwirken und Unwahrheiten verkünden, in der Hoffnung, dadurch ihren gesellschaftlichen Einfluss aufrecht erhalten zu können.

Papst Pius X. habe in seinem Kampf gegen den Modernismus zwar vereinzelt übertrieben, aber die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte habe gezeigt, dass er die von Modernismus und Liberalismus ausgehende Bedrohung zutreffend erkannt habe.

Gott ist nicht lieb

Gott sei nicht „lieb“, sondern gewaltig. Er stelle höchste Forderungen an den Menschen und berufe ihn zu großen Taten. Er wolle nicht „nice guys“, sondern Opfer bringende Heilige. Der Religionswissenschaftler Rudolf Otto habe in seinen Untersuchungen über religiöse Erfahrung betont, dass diese immer auch mit dem Erlebnis überwältigender, den Menschen bis in seine Tiefe erschütternder Gewalt verbunden sei.

  • Gott fordere den Menschen heraus, stelle ihn grundsätzlich in Frage und lasse ihn seine Unvollkommenheit auf äußerst unangenehme Weise erkennen, um ihn zur Umkehr zu bewegen, damit er mit seiner Hilfe zu einem im totalen Dienst am Nächsten vollendeten Menschentum gelangen könne.
  • Ein Leben mit Gott sei immer ein gefährliches Leben, weil es den Christen in einen unversöhnlichen Widerspruch zu seiner materialistischen und egoistischen Umwelt stelle.
  • Vom Glauben ergriffen zu werden bedeute die Zerschlagung der egoistischen Vorstellung im Menschen, dass es in seinem Leben um seine Gefühle und seine eigenen Wünsche gehe oder dass er Gott für seine eigenen Zwecke instrumentalisieren könne.

Gott führe den Menschen auf gefährliches Gebiet, so wie Jesus Christus die Jünger in Mk 4,35 auf den stürmischen See führte. Wer ihm nachfolge, stoße auf Feinde und Risiken und müsse mit der Hilfe Gottes stark werden. Jesus Christus versprach denen, die ihm nachfolgen, nicht angenehme Gefühle, sondern Leid und Verfolgung bis zum Tod.

Hintergrund

Der Theologe Hans Urs von Balthasar hatte in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ähnliche Tendenzen in der Kirche beobachtet. In diesem Zusammenhang wies er darauf hin, dass man gute und schlechte religiöse Impulse dadurch unterscheiden könne, ob sie die Bereitschaft zum Opfer in der Nachfolge Christi fördern würden oder nicht:

„Warum hat Jesus Christus seinen Nachfolgern kein anderes Schicksal vorausgesagt als das seine: Verfolgung, Misserfolg und Passion? […] [W]er aber Jesus vorzieht, wählt das Kreuz als den Ort, wo nicht eventuell, sondern todsicher gestorben wird. […] Nach dieser Rede Christi ist der Stand der Verfolgung der Normalzustand für die Kirche in der Welt, und das Martyrium seine normale Bekenntnislage. […] Was soll der Christ sein? Einer, der sein Leben einsetzt für seine Brüder, weil er selbst sein Leben dem Gekreuzigten verdankt.“

In einer der frühesten Schriften des Christentums, dem um das Jahr 54 n. Chr. entstandenen 1. Korintherbrief, warnte der hl. Apostel Paulus christliche Männer vor den von Lehner beschriebenen Tendenzen. Er rief sie auf, die Neigung zu unmännlicher Weichheit in sich zu bekämpfen. Die Weichen würden nicht zu den Erben des Reiches Gottes gehören.

Seit Kurzem stößt der Psychologe Jordan B. Peterson im westlichen Kulturraum auf starke Resonanz, vor allem bei jüngeren Männern. Peterson greift in seiner Arbeit viele Aspekte christlichen Denkens auf und konfrontiert seine Zuhörer mit den Ansprüchen, die sich daraus für deren Leben ergeben. Beobachter wiesen darauf hin, dass viele Männer in westlichen Gesellschaften zumindest indirekt erkennen würden, dass man sie täusche, wenn man sie in ihren Schwächen bestätige und ihnen einen nur auf materielle Dinge beschränkten Lebenssinn zu vermitteln versuche. Sie sehnten sich nach großen Aufgaben und seien bereit dazu, sich den unangenehm klingenden Wahrheiten über den Menschen und das Leben zu stellen, die ihnen leider auch bestimmte Strömungen in der Kirche immer häufiger verschweigen würden.