Ludger Schwienhorst-Schönberger: Das Christentum als normative Grundlage europäischer Staaten

Pacino di Buonoguida - Jesus Christus (gemeinfrei)

Ludger Schwienhorst-Schönberger lehrt katholische Theologie an der Universität Wien. Im Zusammenhang mit der Debatte über die Anbringung christlicher Kreuze an Dienstgebäuden des Freistaats Bayern weist er darauf hin, dass jedes Gemeinwesen ein metaphysisches Fundament benötige. Es könne keinen weltanschaulich neutralen Staat geben. Das Christentum habe bewiesen, dass es eine gute normative Grundlage für gelingende Gemeinwesen darstelle. Es sei daher zu befürworten, wenn Staaten sich auf diese Grundlage stellen und dies auch öffentlich zeigen würden.

  • Politische Gemeinwesen könnten „ohne metaphysisch-religiöses Fundament auf Dauer keinen Bestand haben“. In Europa habe sich das Christentum bereits in der Antike als „gesellschaftlich prägende Kraft“ bewährt und „einen Beitrag zur normativen Grundlegung“ von Staaten geleistet.
  • Die christliche Soziallehre habe unter anderem in Form ihres Gedankens der Einhegung unrechtmäßiger Gewalt (lat. violentia) durch rechtmäßige Gewalt (lat. potestas) die „normativen Grundlagen eines Rechtsstaates“ begründet. Es sei „weder aus christlicher noch aus staatspolitischer Sicht grundsätzlich etwas einzuwenden“, wenn ein Staat sich zu diesen Grundlagen bekenne und dies auch „öffentlich symbolisch sichtbar werden“ lasse.

Weltanschaulich neutrale Staaten gebe es anders als von Laizisten behauptet nicht. Es gebe allenfalls Staaten, die auf anderen weltanschaulichen Grundlagen beruhten als auf denen der christlichen Soziallehre.

  • Laizistische Staatskonzeptionen, auf denen ein Großteil der Kritik an der bayerischen Entscheidung beruht, seien „besonders krisenanfällig“ und hätten sich in der Praxis nicht bewährt. Die laizistische Französische Revolution sei zum Beispiel von Terror und Genozid, etwa an den Einwohnern der Vendée, begleitet und auch eine Vorläuferin des von säkularen Ideologien in Europa verübten „Terrors des 20. Jahrhunderts“ gewesen.
  • Laizistische Vorstellungen politischer Ordnung wiesen selbst zum Teil „religiös-fanatische Züge auf“, zum Beispiel wenn sie die Religion grundsätzlich aus dem öffentlichen Leben ausschließen wollten. Radikale Intoleranz dieser Art sei in der christlichen Soziallehre nicht zu finden.

Die Gründung der staatlichen Ordnung auf den normativen Grundlagen des Christentums bedeute zudem nicht die Ausgrenzung oder Unterdrückung von Menschen anderer Bekenntnisse. Dies zeige sich auch daran, dass die christlich geprägten Kulturen Europas in höchstem Maße attraktiv für nichtchristliche Migranten seien.

Es sei zudem ein Ausdruck positiver Vielfalt, wenn ein „lebendiger Wettbewerb“ zwischen den Religionen stattfinde, indem diese ihre Impulse zur Gestaltung politischer Ordnungen praktisch umsetzten. „Eine Ansammlung laizistischer Einheitsstaaten nach westlich-säkularistischem Kanon“ sei „kein reizvoller Ausblick auf die Zukunft“.

Hintergrund und Bewertung

Die freiheitlichen politischen Ordnungen Europas beruhen auf der Grundlage christlicher Weltanschauung. Es waren vor allem christliche Konservative unter der Führung von Männern wie Konrad Adenauer, Robert Schumann und Alcide De Gasperi, die den geistigen, kulturellen und politischen Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg prägten. Auch in Osteuropa trugen starke christliche Kräfte die Freiheitsbewegungen, welche die Befreiung von kommunistischer Herrschaft erkämpften, zum Beispiel in der Solidarnosc in Polen.

Die christliche Soziallehre, auf der unter anderem das deutsche Grundgesetz wesentlich beruht, ist das Ergebnis eines zweitausendjährigen Strebens nach der Verwirklichung eines guten und gerechten Gemeinwesens sowie nach den Voraussetzungen gelingenden gemeinschaftlichen Lebens. Christliches Denken hat dabei seit der Antike die besten Gedanken und Ansätze integriert, auf die es gestoßen ist, und diese zusammengeführt und weiterentwickelt, wobei es auch an seinen Fehlern gewachsen ist. Es stellt den am weitesten entwickelten Bestand an erprobtem und bewährtem Wissen über die Natur des Menschen und die Erfordernisse des am Gemeinwohl orientierten gesellschaftlichen Zusammenlebens von Menschen in der Geschichte der Menschheit dar.

Johannes Paul II. schrieb 2003 über die Soziallehre als Impuls für die Gestaltung Europas:

„Beim Aufbau der menschenwürdigen Stadt muß der Soziallehre der Kirche eine inspirierende Rolle zuerkannt werden. […] Durch die Gesamtheit der von ihr gebotenen Prinzipien trägt diese Lehre dazu bei, solide Grundlagen für ein menschengerechtes Zusammenleben in Gerechtigkeit, Wahrheit, Freiheit und Solidarität zu legen. […] In dieser Lehre finden sich die Anhaltspunkte, um die moralische Struktur der Freiheit verteidigen zu können und so die europäische Kultur und Gesellschaft sowohl vor der totalitären Utopie der ‚Gerechtigkeit ohne Freiheit‘ als auch vor der Utopie der ‚Freiheit ohne Wahrheit‘ , die mit einem falschen ‚Toleranz‘-Begriff einhergeht, zu bewahren; beide Utopien sind Vorboten von Irrtum und Schrecken für die Menschheit, wie die jüngste Geschichte Europas selbst leider beweist.“

Die christlichen Grundlagen europäischer Gemeinwesen anzuerkennen und zu pflegen setzt keinen christlichen Glauben voraus, weil Erfahrung und Vernunft unabhängig vom Glauben den Wert dieser Grundlagen belegen. Dies zeigt nicht zuletzt auch die Tatsache, dass eine große Zahl von Muslimen das christlich geprägte Europa den Gesellschaften ihren eigenen Kulturkreises vorzieht.