Ludger Schwienhorst-Schönberger: Christentum, Gesinnungsethik und Migration

Domenico Cetto - Ansicht der Stadt Wien zur Zeit des Osmanensturms (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Ludger Schwienhorst-Schönberger lehrt katholische Theologie an der Universität Wien. In der Mai-Ausgabe der jesuitischen Kulturzeitschrift „Stimmen der Zeit“ setzt er sich mit dem Problem gesinnungsethischer Tendenzen in der Kirche auseinander. Diese hätten die rationale Ethik der katholischen Soziallehre in Deutschland weitgehend verdrängt und in der Migrationspolitik zu falschen Entscheidungen beigetragen.

Die Durchsetzung der Gesinnungsethik in der Kirche seit den 70er Jahren

Die Öffnung der Grenzen Deutschlands für irreguläre und illegale Migranten im Jahre 2015 habe einen Sieg der Gesinnungsethik über die Verantwortungsethik markiert:

„Ausgerechnet bei den als konservativ geltenden Unionsparteien die – zumindest mit ihrem katholischen Flügel – in der Tradition der Katholischen Soziallehre stehen, hatte die gewöhnlich in linken Kreisen anzutreffende Gesinnungsethik über die in der Katholischen Soziallehre vorherrschende Verantwortungsethik den Sieg davongetragen.“

Die überwiegende Unterstützung der deutschen Bischöfe für diese Entscheidung habe ihre Ursache nicht nur darin, dass viele von ihnen politisch nach links gerückt seien, sondern sei vor allem eine Folge der Durchsetzung der gesinnungsethischen, von der neo-marxistischen Ideologie der Frankfurter Schule beeinflussten neuen Politischen Theologie in Deutschland seit den 1970er Jahren.

Diese linksgerichtete Strömung der Theologie lehne die klassische katholische Soziallehre ab. Sie wolle die Gesellschaft nicht aus dem Geist einer christlichen Ordnungsidee gestalten, sondern nehme sich als „Stimme der Kritik und des Protestes“ gegen den Gedanken der Ordnung wahr. Gleichzeitig weise diese Theologie wenig Distanz zu politischer Macht auf.

Diese Strömung sei von einem  normativen Individualismus geprägt, der die Ansprüche einzelner Personen zum höchsten Maßstab ethischer Entscheidungen mache und die „Belange von Völkern oder Staaten […] demgegenüber nachrangig oder nicht beachtenswert“ empfinden würde. In diesem Denken könne es keine Obergrenzen für Migration geben, auch wenn diese den Staat und seine Ordnung gefährde. Eine Güterabwägung sei diesbezüglich nicht vorgesehen.

Der Philosoph Konrad Ott rechne die Kirche daher zu den gesinnungsethischen Akteuren, die ansonsten eher im linken Lager zu finden seien:

„Gesinnungsethikerinnen findet man, wissenssoziologisch gesehen, in akademischen Milieus, in diversen politisch gesehen links orientierten Redaktionen, in Vereinen wie Pro Asyl, in kirchlichen Kreisen bis hinaus in Leitungsfunktionen, in sozialen Netzwerken sowie in etablierten politischen Parteien (Bündnisgrüne, DIE LINKE). Die dort vertretene Moral sammelt sich, Nuancen beiseitegelassen, um den Slogan Refugees Welcome und wendet sich gegen die ‚Festung Europas‘.“

Kirchliche Stellungnahmen zu Migrationsfragen seien dementsprechend vor allem gesinnungsethisch geprägt. Verantwortungsethik, welche die Kardinaltugend der Klugheit und die Bedeutung des Verständnisses der Folgen des eigenen Handelns betone, fände sich eher außerhalb der Kirche, etwa im Rechtssystem, in einigen Behörden oder in der liberal-konservativen Publizistik.

Die Verantwortungsethik der katholischen Soziallehre und die Unterscheidung zwischen dem Nahen und dem Nächsten

Die katholische Soziallehre beruhe auf einer rationalen Verantwortungsethik. Die Deutsche Bischofskonferenz habe noch in den späten 1970er Jahren betont, dass die Soziallehre den Staat und seine Ordnung als schutzwürdig einstufe, weil die Alternative dazu ein Chaos sei, in dem auch der Einzelne nicht mehr geschützt sei und zugrunde gehen müsse.

Die Soziallehre gehe zudem von Vorzugsregeln aus, die den ethischen Universalismus des Christentums erst praktikabel machten. Diese Regeln ermöglichten eine Güterabwägung in Fällen, in denen die Ansprüche von Fremden mit den Interessen des eigenen Gemeinwesens kollidieren:

„Vor diesem Hintergrund erscheint es angebracht, daran zu erinnern, dass die Vorzugsregeln zum Kern der katholischen Moraltheologie gehören und der biblischen Ethik nicht widersprechen. […] Ohne die Anwendung der Vorzugsregeln könnte niemand leben und würde das gesellschaftliche Zusammenleben kollabieren. […] Die […] Taten der Liebe bleiben „auf den abgestuften Kreis derer beschränkt, die der Hilfe am meisten bedürfen und für deren Wohl der Handelnde am besten zu sorgen imstande ist.“ […] Die Liebe als Tat bedarf einer Unterscheidung ‚zwischen dem Nahen, dem Näheren und dem Nächsten.'“

Die gegenwärtige Debatte sei auch innerkirchlich durch den Irrtum geprägt, dass das Christentum unterschiedslose Nächstenliebe fordere:

  • Bei dem im Alten Testament als „Fremde“ bezeichneten Menschen, deren besondere Schutzwürdigkeit in Ex 22,2 und Lev 19,33f betont wird, handele es sich um Juden anderer Stämme und nicht um Angehörige anderer Völker, die im Alten Testament als „Ausländer“ bezeichnet würden und geringere Ansprüche genießen würden.
  • Im Neuen Testament handele es sich bei den „geringsten Brüdern“ in Mt 25,40 um andere Christen. Der Begriff „Brüder“ werde im Matthäusevangelium nur zur Beschreibung leiblicher Brüder sowie der Brüder im Glauben verwendet und nicht zur unterschiedslosen Beschreibung aller Menschen.

In Situationen, in denen die Ansprüche entfernter Menschen mit denen näherstehender Menschen konkurierten sei, es nach Lehre der katholischen Kirche „irreführend zu behaupten, die Bibel würde verlangen, allen Menschen unterschiedslos zu helfen“. Die Lehre der Kirche sei auch in dieser Frage realistisch und verantwortungsethisch geprägt.

Die emotionalisierte, von Gesinnungsethik geprägte Debatte habe „die starken, vernunftgeleiteten Traditionen der katholischen Moraltheologie“ jedoch in den Hintergrund treten lassen. Der Begriff des „Gutmenschentums“ sei zur Beschreibung gesinnungsethischer Positionen angemessen. Er bezeichne ein Verhalten, das zwar von guten Absichten geprägt sei, aber hinsichtlich seiner Wirkungen sittlich falsch sei, weil es aus mangelndem Verständnis der Lage heraus Unheil stifte. Angesichts der dadurch erzeugten Herausforderungen sei eine Rückkehr zur strengen Rationalität der katholischen Soziallehre erforderlich.