Iwan Iljin: Das christliche Ethos des militärischen Dienstes

Frank Craig - Die heilige Johanna von Orleans im Gefecht (gemeinfrei)

Der russisch-orthodoxe Philosoph Iwan Iljin (1883-1954) wurde 1922 aus der Sowjetunion verbannt und setzte sich in seiner Arbeit unter anderem mit Fragen der Bekämpfung totalitärer Ideologien auseinander. In seinem 1925 veröffentlichten und jetzt erstmals in deutscher Übersetzung erschienenen Werk „Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse“ (weitere Informationen finden sich hier) entwirft er ein christliches Ethos für die Verteidiger des Gemeinwesens in Militär, Polizei, Nachrichtendiensten und Justiz.

Hintergrund: Die Militäraversion im Christentum der Gegenwart

Der Hintergrund des Werkes Iljins ist die im Christentum der Gegenwart verbreitete Aversion gegenüber militärischen Dingen.

Jede Kultur verfügt über ein besonderes, aus dem religiösen Kern dieser Kultur heraus geschaffenes Ethos für den Berufsstand derer, welche das auf ihr beruhende Gemeinwesen und dessen materielle und immaterielle Werte vor Bedrohungen schützen. Im europäischen Kulturraum hat sich die Kirche aus diesem Bereich der Kultur jedoch seit Langem weitgehend zurückgezogen. Der katholische Philosoph Nicolás Gómez Dávila kritisierte diesen Zustand einige Jahre nach Iljin mit den Worten:

„Die Kirche hat zu viele Ordensbrüder, es fehlen ihr Ordensritter.“

In Deutschland findet ethische Bildung in den Streitkräften seitens der Kirche nur noch in einer auf „Friedensethik“ reduzierten Form statt. Bei vielen Soldaten entsteht auch deshalb der Eindruck, dass ihr Dienst im Widerspruch zu ihrem christlichen Glauben stehe. Andere suchen wegen dieser Verweigerungshaltung der Kirche in nichtchristlichen Weltanschauungen nach ethischen Impulsen für ihren Dienst.

Iljin erklärt in seinem Werk, warum gerade Christen zu diesem Dienst berufen seien und wie sie ihn als Teil einer christlichen Berufung praktizieren können. Christen sollten nicht als Soldaten oder Polizisten dienen, obwohl sie Christen seien, sondern gerade weil sie Christen sind. Er greift dabei auf eine lange, erst in jüngerer Zeit weitgehend in Vergessenheit geratene Tradition im Christentum zurück.

Pazifismus als Ausdruck hedonistischer Verweigerung der Nächstenliebe

In seinem Werk kritisiert Iljin zunächst pazifistische Positionen im Christentum, wie sie unter anderem durch den Schriftsteller Leo Tolstoi vertreten wurden. Pazifistische Ideologie stelle laut Iljin eine sentimentale Flucht vor den Härten der Welt dar:

  • Pazifisten seien, von wenigen Ausnahmen abgesehen, vom Schutz derjenigen abhängig, die sie moralisch verurteilten. Pazifismus sei daher inkonsequent.
  • Pazifismus, der Gewalt auch dann ablehne, wenn sie andere Menschen vor ungerechter Gewalt schützen könne, sei Ausdruck einer egoistischen Haltung. Der Pazifist ziehe außerdem das Gefühl moralischer Reinheit sowie die Pose moralischer Überlegenheit der Übernahme von Verantwortung und dem Dienst am Nächsten vor. Seine Einstellung sei daher auch eine Form des Hedonismus bzw. der Ausrichtung des eigenen Lebens am Streben nach angenehmen Gefühlen, für die er bereit ist, schutzbedürftige Menschen zu opfern.
  • Indem der Pazifist seine Gefühle über das Gebot der Nächstenliebe stelle, wende er sich letztlich von Gott ab. Der Pazifist mache seine Gefühle und die ihrer Herstellung dienende falsche Moral zu einem Götzen. Bei der Nächstenliebe, die der Pazifist zu praktizieren behaupte, handele es sich nicht um Dienst am Nächsten, sondern um eine Idealisierung von Passivität und Schwäche.

Vor allem aber fördere der Pazifismus die Herrschaft derer, die dazu bereit seien, zur Erlangung ihrer Herrschaft ungerechte Gewalt anzuwenden. Das Böse gewähren zu lassen, ohne ihm Widerstand zu leisten, bedeute, es zu unterstützen und zu seinem Werkzeug zu werden.

Die Notwendigkeit des schützenden Dienstes und der Gewalt

Jedes Gemeinwesen müsse Vorkehrungen für den Schutz des inneren und äußeren Friedens und zur Abwehr von Feinden treffen, die diesen Frieden bedrohen. Der hl. Apostel Paulus schrieb im Römerbrief, dass der gerecht handelnde Staat Teil der „Ordnung Gottes“ sei:

„Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten […]. Denn sie steht im Dienst Gottes für dich zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht nämlich im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der das Böse tut.“

Zur Aufrechterhaltung dieser von Gott gewollten Ordnung sei der schützende Dienst von Menschen in Politik, Verwaltung, Militär, Polizei, Justiz und Nachrichtendiensten erforderlich. Dieser Dienst sei damit verbunden, Gewalt anzuwenden und „zu verhaften, zu verurteilen und zu erschießen“. Er müsse sich daher auf Menschen stützen, die dazu fähig und bereit seien, entsprechende Mittel anzuwenden.

Die Aneignung der größtmöglichen Kompetenz bei der Anwendung dieser Fähigkeiten könne die Notwendigkeit zum tatsächlichen Einsatz von Gewalt minimieren, weil das Böse seinem Wesen nach dazu entschlossen sei, gegen das Gute zu handeln und dabei durch Schwäche provoziert werde. Man könne dem Bösen daher nur durch Abschreckung oder Bekämpfung angemessen begegnen. Je glaubwürdiger die Abschreckung sei, desto weniger Kampf sei erforderlich. Die Herausbildung von Wehrhaftigkeit sei daher prinzipiell gut.

Es gibt keine heilige Gewalt

Der Einsatz von Gewalt im Kampf gegen das Böse sei immer ein Ausdruck der Unvollkommenheit des Menschen. Gewalt könne kein heiliges Mittel sein, weil sie das Böse nicht zum Guten wandele, sondern ihm nur notwendige Grenzen setze. Ihr Einsatz könne aber notwendig sein und eine Pflicht darstellen, wenn die Alternative dazu ein noch größeres Übel wäre.

Der Einsatz von Gewalt sei daher stets das Ergebnis eines Kompromisses. Man habe hier aber nur die Wahl zwischen einem feigen, der Übernahme von Verantwortung ausweichendem und einem mannhaften Kompromiss.

Die Abwehr des Bösen sei außerdem auch gegenüber dem Angreifer ein Akt der Nächstenliebe, da dieser seiner Seele durch sein Handeln Schaden zufüge. Indem man seinen Angriff gewaltsam unterbinde, verhindere man auch, dass er sich selbst noch größeren Schaden zufüge. Jesus Christus habe diese harte Form der Nächstenliebe in Matthäus 18,6 beschrieben, als er sagte, dass es für manchen böse handelnden Menschen besser wäre, „wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde“.

Der schützende Dienst als Weg der Nachfolge Jesu Christi

Der Kampf gegen das Böse mit den Gewaltmitteln des Staates könne Ausdruck von christlicher Nächstenliebe in Form einer „verneinenden Liebe“ sein, die sich dem Bösen zum Schutz des Nächsten und des Guten gewaltsam entgegenstelle. Jesus Christus habe diese Form der Nächstenliebe bei der Tempelreinigung praktiziert.

  • Dieser Weg sei jedoch ein besonders schwieriger Weg der dienenden Nachfolge, weil er mit besonderen Risiken für die Seele des Menschen verbunden sei.
  • Anders als alle anderen Formen der Nachfolge sei der Weg des schützenden Dienstes mit der aktiven Begegnung mit dem Bösen verbunden. Die Seele des im Dienst stehenden Menschen werde dadurch korrumpierenden Einflüssen in Form der „leidenschaftliche[n] Anziehungskraft zur Entfesselung des Tieres“ ausgesetzt. Herrscher könnten dadurch zu Tyrannen und Soldaten zu Marodeuren werden.
  • Diese Berufung sei daher nicht nur körperlich, sondern vor allem auch für die Seele des Menschen gefährlich. Vor dieser Berufung zurückzuweichen löse dieses Problem nicht, da die Verweigerung des Dienstes in der eigenen Berufung ebenfalls eine Sünde darstelle.

Die Berufung zum schützenden Dienst stelle deshalb besonders hohe Anforderungen an diejenigen, die sie ausüben:

„Und so sind nur die besten Menschen fähig, diese Ungerechtigkeit zu ertragen, ohne sich von ihr infizieren zu lassen, das notwendige Maß in ihr zu finden, an ihre Ungerechtigkeit und ihre geistige Gefahr zu denken, und für sie das persönliche und gemeinschaftliche Gegengift zu finden.“

Gerade Christen seien in besonderem Maße zum schützenden Dienst berufen, weil es in ihren Seelen Grenzen für das Wirken korruptiver Kräfte gebe. Diese Grenzen müssten durch Bildung und Erziehung gefestigt werden, in der es darum gehe, innere „Mauern zu erbauen, zu erhalten und zu verteidigen“. Wer im schützenden Dienst stehe, dürfe weder schwach noch böse sein. Er müsse seine Leidenschaften unter Kontrolle haben und bedürfe wegen der seelischen Folgen der Begegnung mit dem Bösen einer intensiven geistlichen Begleitung.

Andere Berufungen seien der zum schützenden Dienst nicht überlegen:

„Verglichen mit staatlichen Regierungsinhabern sind die Mönche, Gelehrten, Künstler und Betrachter glücklich: Ihnen ist es gegeben, ein reines Werk mit reinen Händen zu vollziehen. Doch sie dürfen die Politiker und Krieger weder dem Gericht noch der Verurteilung ausliefern, sondern müssen ihnen Dankbarkeit erweisen […] denn sie müssen verstehen, dass ihre Hände und ihr reines Werk eben deswegen rein sind, weil sich andere reine Hände für eine unreine Tat fanden.“

Die Berufung des schützenden Dienstes könne sogar ein herausragender Ausdruck von Nächstenliebe sein, denn der in ihr lebende Mensch nehme nicht nur Risiken für sein eigenes Leben in Kauf, sondern auch die mit seinem Dienst verbundenen besonderen Risiken für seine eigene Seele.