Felix Dirsch: Patriotismus und christliche Soziallehre

Frank Craig - La Pucelle (gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler und Theologe Felix Dirsch ist unter anderem Lehrbeauftragter an der Hochschule für Politik München. In der katholischen Wochenzeitung „Der Tagesspiegel“ argumentiert er, dass es in der katholischen Soziallehre einen „Dreiklang von Heimatliebe, Vaterlandsliebe und Liebe zur Kirche“ gebe. Der damit verbundene christliche Patriotismus wirke den extremen Tendenzen sowohl progressiver als auch nationalistischer Ideologien entgegen.

In der „Gegenwartsdebatte über Heimat, Identität und Glaube“ werde laut Dirsch zum Teil ein Widerspruch zwischen den universellen Aussagen des Christentums und dem Eintreten für das Gemeinwohl eines konkreten Gemeinwesens konstruiert:

  • Anhänger progressiver Ideologien würden sich auf diese universellen Aussagen berufen um Forderungen nach offenen Grenzen und unkontrollierter Migration zu legitimieren.
  • Die Gegner dieser Ideologien würden in Folge dessen dem Christentum vorwerfen, keine Rücksicht auf die Belange gewachsener Solidargemeinschaften zu nehmen.

Beide Positionen würden Extreme darstellen, die keinen Bezug zur katholischen Soziallehre hätten. Dirsch zufolge sei es unstrittig, dass das Christentum eine universelle Botschaft enthalte und sein Heimatbegriff letztlich nicht auf diese Welt bezogen sei. Diese Erkenntnis negiere laut Dirsch jedoch nicht den ebenso gültigen christlichen „Auftrag, das Wohl des irdischen Vaterlandes zu mehren.“ Er zitiert diesbezüglich einen ehemaligen Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Joseph Kardinal Höffner, mit den Worten:

„Nach christlichem Verständnis gründet die Liebe zum Vaterland in der ehrfürchtigen Hingabe jenen gegenüber, denen wir unseren Ursprung verdanken: Gott, unseren Eltern und dem Land unserer Väter, wo unsere Wiege stand, dem Land, dem wir durch die gemeinsame Heimat, die gemeinsame Abstammung, die gemeinsame Geschichte, die gemeinsame Kultur, die gemeinsame Sprache schicksalhaft verbunden sind.“

Ein weiterer Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, habe den speziell in Deutschland zu beobachtenden Mangel an Patriotismus daher kritisiert:

„Wir müssen bekennen, dass es uns an einem gesunden Nationalbewusstsein mangelt. Die Identifikation mit unserem Staat fällt vielen schwer. […] Man flüchtete in ein Weltbürgertum, das aber unverbindlich blieb. Das Bewusstsein der eigenen Nation fiel zwischen alle Stühle. Worte wie Nation, Vaterland oder Patriotismus erschienen antiquiert.“

Das Gemeinwohl sei für diejenigen, die auf der Grundlage der katholischen Soziallehre argumentieren, die höchste sozialethische Norm. Dieses Gemeinwohl werde in Deutschland sowohl als Folge einer zu geringen Identifikation mit dem eigenen Gemeinwesen als auch durch „das andere Extrem eines unchristlichen Chauvinismus […] wie er in neonazistischen Kreisen gepflegt wird“ bedroht.

Hintergrund

Zum Gemeinwohl gehören laut katholischer Soziallehre (KKK 1925) die frei folgenden Elemente:

  • Achtung und Förderung der Grundrechte der Person;
  • Sicherstellung und Entwicklung der geistigen und materiellen Grundlagen des Gemeinwesens;
  • Sicherheit des Gemeinwesens und seiner Mitglieder.

Papst Benedikt XVI. sagte über das Gemeinwohl:

„Jemanden lieben heißt sein Wohl im Auge haben und sich wirkungsvoll dafür einsetzen. Neben dem individuellen Wohl gibt es eines, das an das Leben der Menschen in Gesellschaft gebunden ist: das Gemeinwohl. Es ist das Wohl jenes „Wir alle“, das aus einzelnen, Familien und kleineren Gruppen gebildet wird, die sich zu einer sozialen Gemeinschaft zusammenschließen.“

Der europäische Nationalstaat ist der auf dem Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre beruhende, durch aus geteilter Kultur wachsende Bindungen gestärkte Entwurf einer wertekonsensfähigen und somit auch gemeinwohlfähigen Solidargemeinschaft. Als Erweiterung der natürlichen Gemeinschaft der Familie beruhe er auf kulturellen Gemeinsamkeiten, die das gemeinsame Verfolgen des Gemeinwohls fördern würden, wie es Papst Johannes Paul II. beschrieben hatte.

  • Die christliche Soziallehre betrachtet die Nation als Teil einer Reihe von aufeinander bezogenen, sich ergänzender Bindungen, die bei der Familie beginnen und alle auf ein transzendentes Ziel hin ausgerichtet sind. Die gleichzeitige Berücksichtigung lokaler, nationaler und globaler Belange stellen in diesem Denken keine Widersprüche dar. Keines dieser Belange ist dabei gegen ein anderes auszuspielen. Im Kompendium der Soziallehre der Kirche betonte Kardinal Angelo Sodano die „Notwendigkeit, das nationale Bewusstsein zu pflegen, ohne dabei jedoch den Weg des Rechts und das Bewusstsein von der Einheit der Menschheitfamilie aus den Augen zu verlieren“.
  • Der Nationalstaat ist der einzige Rahmen, in dem bislang Demokratie in einer das Gemeinwohl fördernden Form verwirklicht werden konnte. Der katholische Staatsrechtler Josef Isensee bezeichnete die Demokratie deshalb als „Tochter des Nationalstaats“.
  • Das katholische Verständnis von Patriotismus ist zugleich mit nationalem Chauvinismus unvereinbar, sondern europäisch orientiert. Der Theologe Romano Guardini beschrieb den Nationalstaat als „Ort der lebendigen Einwurzelung des Menschen“. In Europa sei die Nation nicht abgeschlossen und auf sich bezogen entstanden, sondern sie sei eingeordnet gewesen in einen europäisch-abendländischen Kontext. Erst der moderne Nationalismus habe die im Christentum wurzelnde abendländische Einheit zerstört.

Der Historiker Heinrich August Winkler bezeichnete die „historisch gewachsene nationale Vielfalt“ als eine der kulturellen Errungenschaften Europas. Die christlich-konservativen Akteure, die nach dem Zweiten Weltkrieg die bis heute stabile Friedensordnung Westeuropas schufen, hätten dies bewusst auf der Grundlage des Konzepts eines Europas der Nationen getan.

Ihrem bis heute trotz aller Versuche zur Trennung Europas von diesem Erbe nachwirkenden Handeln und der christlichen Soziallehre verdanke Westeuropa die längste Friedensperiode der letzten Jahrhunderte. Die Behauptung, dass Nationalstaaten grundsätzlich kriegerischer handeln würden als andere Staaten, sei laut Winkler ein unbelegtes „Produkt ahistorischen Wunschdenkens“. Es seien im Gegenteil Versuche zur Auflösung von Nationalstaaten gewesen, die in der Geschichte Europas immer wieder zu Konflikten geführt hätten.