Peter J. Brenner: Die Krise und Selbstbehauptung Europas

Anne-Louis Girodet de Roussy-Trioson - Jaques Cathelineau (gemeinfrei)

Der Germanist Peter J. Brenner lehrte zuletzt an der Universität zu Köln und hat sich in seiner Arbeit vor allem mit kulturtheoretischen Fragen auseinandergesetzt. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Fremde Götter – Religion in der Migrationsgesellschaft“ analysiert er das Unvermögen der liberalen und postmodernen Eliten Europas zur kulturellen Selbstbehauptung und untersucht Perspektiven einer kulturellen Erneuerung.

Das Problem des dysfunktionalen Denkens der Spät- und Postmoderne

In westeuropäischen Gesellschaften seien migrationsbedingt zunehmend Kultur- und Wertekonflikte zu beobachten, die jedoch einseitig ausgetragen würden. Der Großteil der kulturellen und politischen Eliten Westeuropas (inklusive der Kirche) sei in diesen Konflikten nicht zu aktivem Handeln und zur Selbstbehauptung in der Lage, weil sie einem Denken folgen würden, welches bereits die Möglichkeit solcher Konflikte grundsätzlich ausschließe und diese daher geistig nicht erfassen könne.

„Eine säkulare und permissive Gesellschaft steht dem invasiven und teilweise aggressiven Eindringen einer in ihren Rändern höchst unscharfen, in ihrem Kern aber sehr klar definierten Religion sowohl ratlos wie wehrlos gegenüber. […]

Der deutschen Öffentlichkeit, aber zum guten Teil auch den binnenkirchlichen Publika, fehlen die Kategorien, in denen sich über die Rolle der Religion in der Gesellschaft reden ließe – es fehlen die soziologischen, politischen, theologischen und philosophischen Begrifflichkeiten und die hinter ihnen stehenden Theorien, mit denen sich die aktuellen Prozesse beschreiben und erklären ließen.“

Die Krise Europas sei nicht in erster Linie eine Folge falscher politischer Entscheidungen, sondern eine Folge der Durchsetzung einer nicht der Wirklichkeit entsprechenden Weise, die Welt wahrzunehmen. Wesentliche Teile des krisenhaften Geschehens würden sich jenseits des Horizonts spät- und postmodernen Denkens abspielen. Außerdem könne auf der Grundlage dieses Denkens keine gelingende Gesellschaft gestaltet werden.

Das dysfunktionale Denken der „atomistischen liberalen Tradition“

Ideen hätten immer gesellschaftliche Konsequenzen und die „großen Ideen der Philosophen kehren in der kleinen Praxis des Alltags wieder“. In Europa hätten sich Ideologien durchgesetzt, die keinen Bezug mehr zur Natur des Menschen und zu den Realitäten der Welt aufwiesen. Diese Weltanschauungen seien daher untauglich, eine Grundlage für wirklichkeitsgerechtes politisches Handeln zu bilden.

Das dysfunktionale Denken dieser materialistischen und utopischen Ideologien, die der Philosoph Charles Taylor als die „atomistische liberale Tradition“ bezeichnet hatte, umfasse die folgenden Annahmen:

  • Die Weltanschauung der Aufklärung und die auf ihr beruhenden Ideologien, etwa der Liberalismus, seien allen anderen Weltanschauungen überlegen, weil sie anders als diese auf der Vernunft beruhten. Alle Menschen könnten dies einsehen und würden sich dieser Weltsicht anschließen, wenn man sie ihnen erkläre. Alle Menschen würden zudem nach materiellem Wohlstand und Freiheit im Sinne der Auflösung von Bindungen streben.
  • Eine Gesellschaft sei eine zur Sicherstellung von Wohlstand und Freiheit eingegangene Versammlung von Individuen und habe keine kulturellen Voraussetzungen. Die kulturelle Identität von Menschen sei durch politisches Handeln weitestgehend formbar. Die Aufgabe der Politik sei die Formung des Menschen im Sinne moderner Weltanschauung.
  • Religion sei ein archaischer Kulturrest aus einer vorrationalen Zeit, der in der aufgeklärten, säkularen Gesellschaft in den Hintergrund trete. Alle Religionen seien ihrem Wesen nach gleich und ihre inhaltlichen Unterschiede belanglos.
  • Wo Religionen bzw. der Islam im Zuge von Migration konflikthaft in Erscheinung trete, sei dies nicht eine Folge geistiger Faktoren, sondern eine Folge unzureichender Aufnahme liberaler Weltanschauung, mangelnden materiellen Wohlstands sowie Diskriminierung durch die aufnehmenden Gesellschaften.
  • Die durch das Wirken moderner Ideologie transformierte Religion sei nützlich, weil sie eine „friedensstiftende Kraft“ bzw. einen Bewältigungsmechanismus für Menschen darstelle, die mit der Geschwindigkeit der Entwicklung moderner Gesellschaften überfordert seien.

Die Entwicklungen der letzten Jahre, insbesondere die im Zusammenhang mit islambezogenen Herausforderungen, hätten die Fehler dieses Weltbildes offengelegt. Eine Korrektur finde jedoch allgemein nicht statt, sondern stattdessen eine „besinnungslose Übersteigerung in der dekonstruktionistischen Postmoderne“.

Das Rationalitäts- und Maskulinitätsdefizit westeuropäischer Eliten

Eine rationale Analyse und aktive, Verantwortung übernehmende politische Steuerung des Geschehens würde nicht mehr stattfinden. Die Öffnung der deutschen Außengrenze für irreguläre Migration sei zum Beispiel nicht das Ergebnis strategischer Planung gewesen. Die verantwortlichen Politiker hätten dem Geschehen stattdessen passiv gegenüber gestanden und nur als „Getriebene“ agiert, wie der Journalist Robin Alexander offengelegt hatte.

Europa sei unter der Führung dieser Eliten nur ein passiver Gegenstand des Handelns anderer. Eigene Interessen würden weder artikuliert noch durchgesetzt. Dies zeige sich auch darin, dass die Vorstellung, dass Fremde an die eigenen Solidargemeinschaften gleichberechtigte Ansprüche stellen dürften, innerhalb dieser Eliten vollständig akzeptiert sei.

Das geistige Klima sei von „Entintellektualisierung des öffentlichen Diskurses“, einem „Rationalitätsdefizit“ und Emotionalität geprägt. Ein Beispiel dafür sei der Ministerpräsident Thüringens, der im Herbst 2015 bei der Begrüßung einer Gruppe irregulärer Migranten in Tränen ausgebrochen sei.

Im Umgang mit Herausforderungen herrsche ein infantiles Trotznarrativ vor. Man wolle trotz der sich zuspitzenden Lage „weiterfeiern“ als wäre nichts geschehen. Die Ausblendung der Wirklichkeit in Form von Passivität nach islamistischen Terroranschlägen werde idealisiert und die Ansprache der Wirklichkeit zum Ausdruck von Angst erklärt.

Versuche zur Verteidigung gescheiterter Weltbilder

Große Teile der politischen und kulturellen Eliten Westeuropas würden als Reaktion auf die hervortretenden Herausforderungen nicht das durch sie widerlegte Weltbild ablegen oder korrigieren. Man würde stattdessen versuchen, die scheiternden Utopien gegen die Herausforderung durch die Wirklichkeit zu verteidigen, indem man sie der rationalen Prüfung entziehe.

  • Es gehe darum, den Raum des öffentlich Sagbaren stetig weiter zu verengen, indem die Ansprache von Herausforderungen zum Ausdruck von „Kulturrassismus“ oder anderer Tabuüberschreitungen erklärt sowie als Ausdruck von Hass, irrationaler Ängste und anderer psychischer Auffälligkeiten abgetan werde. Insbesondere der Rassismusbegriff sei ins Grenzenlose erweitert worden und richte sich gegen jegliche Ansprache von Mustern. Begriffe und Konzepte, mit denen Herausforderungen abbildbar und beschreibbar wären, würden zudem tabuisiert, unter anderem der Begriff der Islamisierung. Die Debatte in Europa sei von „Diskursinszenierungen“, geprägt, die „einen Schleier über die Wirklichkeit“ legen würden.
  • Es gebe zudem ein „gewolltes Nichtwissen“ und Versuche „die Wahrnehmung der Faktenlage zu erschweren“, etwa in der Erhebung von Daten und bei der Erstellung von Statistiken sowie in Form der Herausbildung einer Zweckforschung, die politische Entscheidungen mit wissenschaftlich klingender Rhetorik nachträglich bestätigen solle.
  • Die dabei genutzten Mittel seien geistig meist unredlich. So vermeide man es, sich auf ernstzunehmende Kritik zu beziehen, sondern beziehe sich nur auf Aussagen, die einen Skandalisierungswert besitzen würden. Wo fundierte Kritik nicht ignoriert werden könne, wie im Fall des Politikwissenschaftlers Samuel Huntington oder des Volkswirts Thilo Sarrazin, würden die Kritiker delegimiert, nie aber ihre Thesen widerlegt.

Man schotte sich mittlerweile fast vollständig gegen das Eindringen der Wirklichkeit in die eigene Wahrnehmungswelt ab. Dass zum Beispiel der „Spiegel“ heute noch wie 2007 eine Titelgeschichte über „die stille Islamisierung“ Deutschlands oder wie 2010 kritische Aufsätze Thilo Sarrazins abdrucken könnte, sei undenkbar.

Die mit der Realität konfrontierten Utopien und ihre Anhänger würden sich dabei zunehmend radikalisieren und sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung richten. In Deutschland würden in Folge dieser Entwicklung wesentliche Grundrechte, vor allem das auf Meinungsfreiheit, zunehmend zur Disposition gestellt.

Die Rückkehr des Heroischen und der Religion unter dem Druck der bevorstehenden Verwerfungen

Die existenziellen Herausforderungen, denen Europa gegenüberstehe, würden aus den beschriebenen Gründen wahrscheinlich weiter unkontrolliert anwachsen und seien kaum noch zu bewältigen, „jedenfalls nicht mit den Mitteln eines permissiven liberalen Rechtstaates“. Solange liberale und postmoderne Eliten die Korrektur ihrer Weltbilder verweigern, drohten die von ihnen geführten Staaten mittelfristig an diesen Herausforderungen zu scheitern.

Die Lage werde sich in den kommenden Jahren auch deshalb weiter zuspitzen, da es Wechselwirkungen zwischen liberaler Schwäche und den Bestrebungen radikaler Strömungen im Islam zur Durchsetzung ihrer politisch-religiösen Vision für Europa gebe. Dies werde neben anderen Herausforderungen zu krisenhaften Entwicklungen führen, in deren Rahmen liberale Eliten nicht mehr zum Schutz der Bevölkerung in der Lage sein könnten, wodurch sie ihre Legitimität verlieren würden. Die damit verbundenen Verwerfungen würden mit einer „Schocktherapie“ verbunden sein und einen Bedarf an alternativen Eliten erzeugen, die von wirklichkeitsgerechteren Weltanschauungen sowie dem Willen und der Fähigkeit zum Handeln geprägt seien.

  • Europäische Gesellschaften hätten zu ihrer Selbstbehauptung in Krisenzeiten stets Männer gebraucht, die „starker, vorzivilisatorischer Gefühle fähig“ gewesen seien und auf dieser Grundlage ihren fremden „Widerpart begreifen, ernst nehmen und bekämpfen“ hätten können. Beispiele dafür seien liberale Politiker wie Neville Chamberlain und Édouard Daladier gewesen, die im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs geistig nicht dazu in der Lage gewesen seien, Adolf Hitler zu verstehen. Erst ihr Scheitern habe dazu geführt, dass der als reaktionär geltende Winston Churchill politisch hervortreten konnte.
  • In diesem Zusammenhang sei auch ein Ende der postheroischen Phase der westeuropäischen Kultur wahrscheinlich. Brenner zitiert den Politikwissenschaftler Herfried Münkler der darauf verwiesen hatte „dass postheroische Gesellschaften extrem verwundbar und erpressbar sind, sobald sie mit heroischen Gesellschaften konfrontiert werden, also mit Gesellschaften, die nach wie vor sowohl Opferfähigkeit wie Opferbereitschaft besitzen“. Europa werde Heroismus unter dem Druck der Ereignisse wieder lernen müssen.
  • Die Teile Europas, die eine Zukunft hätten, könnten unter dem Druck der Ereignisse auch zur christlichen Religion zurückfinden. Das Christentum sei die kulturelle Wurzel Europas, während der Islam immer ein Herausforderer seiner Kultur gewesen sei. Die kulturelle Erneuerung Europas müsse daher auch mit der Wiederanbindung an seine christlichen Wurzeln verbunden sein.

Die konservativen Akteure, welche die bevorstehenden Verwerfungen bewältigen werden, müssten bereits jetzt mit den Mitteln der intakt gebliebenen Teile der Geistes- und Sozialwissenschaften die Herausforderungen für Europa analysieren und Strategien für die Zeiten entwerfen, in denen man sie brauchen wird.