Henri de Lubac: Europa braucht ein männlicheres Christentum

Spinello Aretino - Der hl. Erzengel Michael und die aufständischen Engel (gemeinfrei)

Kardinal Henri de Lubac (1896-1991) war einer der wichtigsten katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts. In seinem 1944 erschienenen Buch „Über Gott hinaus – Die Tragödie des atheistischen Humanismus“ warnte er, dass die Abwertung männlicher Spiritualität und maskuliner Tugenden durch liberale Strömungen in der Kirche destruktive neuheidnische Ideologien begünstige. Viele Männer würden sich aufgrund unmännlicher Tendenzen in der Kirche vom Christentum abgestoßen fühlen und fragwürdigen Weltanschauungen zuwenden.

  • Die Gedanken Friedrich Nietzsches und das von ihm beeinflusste moderne Neuheidentum seien die geistig stärksten Gegner des Christentums, weil sie tatsächliche Schwächen der Kirche angreifen würden.
  • Das stärkste Element dieser Form des Atheismus sei seine „Beschwörung eines schöpferischen, mächtigen, heroischen Lebens“ und einer „Moral, die segnet, was stark und hart macht“.
  • Diese Weltanschauung sei deshalb gefährlich, weil sie Eliten und deren „Trieb zu innerer Größe“ wirksam anspreche. Es gelinge ihr, durch ihren Nimbus von Kraft und Leben „hochgestimmte Seelen an sich zu ziehen“ und vor allem leistungsfähige und motivierte junge Männer anzusprechen, die sich nach großen Aufgaben sowie nach „heroischen Ekstasen“ und dem „Stolz der alten Helden“ sehnen würden.

Alle diese Dinge seien an sich gut, würden aber durch die Gedanken des Neuheidentums korrumpiert, indem sie auf falsche Ziele ausgerichtet würden. Sie würden auf Männer zudem wie eine Droge wirken und sie zu Exzessen treiben. De Lubac zitiert als Beispiel den Dichter Rainer Maria Rilke, der nach der Lektüre Nietzsches schrieb:

„Der, den sie als Messias preisen, hat die ganze Welt zum Siechenhaus gemacht, die Schwachen, Elenden, Hinfälligen nennt er seine Kinder – und die Starken? […] Wie sollen wir denn hinauf, wenn wir unsere Stärke den Elenden leihen, den Bedrängten, den faulen sinn- und marklosen Schurken?! Lasst sie sinken! Lasst sie hinsterben allein und elend. Seid hart, seid furchtbar, seid unerbittlich! […] Wenige Große, Gewaltige, Göttliche werden ein Reich bauen mit starken, sehnigen, herrischen Armen auf den Leichen der Kranken, der Schwachen, der Krüppel.“

Dieses Neuheidentum stoße nur deshalb auf Resonanz, weil das Christentum tatsächlich in weiten Teilen „saft- und kraftlos“ und eine „schwächliche, wirkungslose Religion […] ohne wahren Ernst“ geworden sei. Es befinde sich auf dem Weg, „eine Religion neben dem Leben, oder eine, die uns selbst vom Leben abschneidet“ zu werden.

In ihm trete verstärkt der Typus des „falschen Christen“ in Erscheinung, der nur eine „Kümmerform“ und eine unmännliche Karikatur des christlichen Glaubens darstelle. Erst die Präsenz und das Wirken dieses Typs in der Kirche habe die Gedanken Nietzsches über das Christentum als Gegenbild des Heroischen und Männlichen als glaubwürdig erscheinen lassen.

Der Herausforderung durch das Neuheidentum wirksam begegnen zu können, erfordere ein „männliches und kraftvolles Christentum“ und nicht ein Christentum, das Männlichkeit noch stärker verurteile als es seine liberalen Strömungen bereits täten. Dies bedeute nicht, das Christentum an neuheidnische Ideologie anzupassen, sondern „dass wir unser Christentum männlicher, fruchtbarer, kraftvoller, und, wenn es gefordert wird, heldenhafter leben“, so wie es Jesus Christus vorgemacht habe. Dies sei auch eine Erfordernis der Entwicklungen in der Welt:

„Beim heutigen Zustand der Welt muss ein männliches und kraftvolles Christentum bis zur Grenze eines heroischen Christentums vordringen.“

Die falschen Ideale des Neuheidentums müsse die Kirche ebenso zurückweisen wie die unmännlichen Tendenzen des liberalen Christentums, wenn sie ihren Dienst richtig verrichten wolle. De Lubac versteht diesen weltanschaulichen Kampf als Teil des christlichen geistlichen Kampfes sowie als eine Form des schützenden Dienstes des Christentums.

Hintergrund und Bewertung

Die von de Lubac beschriebene Tendenz zur Abwertung männlicher Spiritualität hat sich in der Kirche in Westeuropa seit der Veröffentlichung seiner Analyse weiter verstärkt, was weiterhin neuheidnische Gegenbewegungen erzeugt, weshalb seine Analyse immer noch relevant ist.

Der Religionswissenschaftler Matthew Rose hatte vor kurzem beschrieben, dass die Kirche oft keine Antworten mehr auf die Auflösungserscheinungen liberaler Gesellschaften habe oder diese sogar aktiv fördere. Die Kirche erscheine vor allem als unfähig, das von ihr begründete kulturelle Erbe Europas zu verteidigen.

  • Das Erstarken der neuheidnischen amerikanische „Alt-Right“-Bewegung, die das Christentum für diese Entwicklung verantwortlich mache und in ihren Antworten darauf auf die Gedanken neuheidnischer Philosophen wie Julius Evola zurückgreife, sei auch eine Folge dieses Versagens der Kirche.
  • Diese Bewegung spreche eine männliche und heroische Sprache und betone die Bewahrung des Eigenen sowie die Notwendigkeit von Dienst, Kampf und Opfer, was die Kirche im Zuge ihrer Liberalisierung oft aufgegeben habe. Junge Männer mit dem Willen zum Dienst am Nächsten und am Gemeinwesen würden sich daher oft vom Christentum ab- und neuheidnischen Ideologien zuwenden.

Rose betont, dass die geeignete Antwort darauf nicht darin bestehen könne, unmännliche Tendenzen in der Kirche noch stärker zu betonen. Er verweist auf den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, demzufolge die ins Unendliche gerichtete christliche Vorstellung von Dienst, Kampf und Opfer größer, erhabener und radikaler sei als die auf kleinere, rein weltliche Ziele gerichteten Vorstellungen neuheidnischer und sonstiger säkularer Ideologien.

Die Kirche müsse in Anknüpfung an die von Papst Johannes Paul II. formulierte Theologie der Nation zudem deutlich machen, dass die Übernahme von Verantwortung für die eigene Heimat und Kultur durchaus ein Teil des Auftrags des Christen in der Welt sei, wobei der eigentliche Auftrag des Christentums jedoch noch wesentlich größer sei.

Außerdem ist das christliche Verständnis von kultureller Identität dem neuheidnischer Ideologien überlegen. Während diese Identität zum Teil auf ihre biologische Aspekte reduzieren, betont das Christentum die Bedeutung großer Taten und Werke, wie etwa der durch den katholischen Philosophen Robert Spaemann beschriebenen „heiligen Erzählung“ über den „tausendjährigen Abwehrkampf der christlichen Zivilisation“, vor der die Ersatzmythen säkularer Ideologien klein werden.