Douglas Murray: Der Selbstmord Europas – Teil 4: Perspektiven kultureller Erneuerung

Karl Friedrich Schinkel - Gotischer Dom am Wasser (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der britische Publizist Douglas Murray gilt als einer der wichtigsten konservativen Denker des Landes. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Der Selbstmord Europas“ analysiert er kulturelle und gesellschaftliche Auflösungsprozesse in Europa. Der vierte und abschließende Teil unserer Serie über die Gedanken Murrays behandelt Perspektiven der kulturellen Erneuerung Europas.

Der erste Teil der Serie hatte Murrays Ausführungen zu den geistigen Ursachen der Krise Europas vorgestellt. Im zweiten Teil ging es um den in Europa verbreiteten Mangel an Willen zur Selbstbehauptung. Der dritte Teil betrachtete den allgemeinen Unwillen, die Lage zur Kenntnis zu nehmen und sich ihr zu stellen.

Europa steht eine Zeit der Verwerfungen bevor

Murray geht davon aus, dass die von ihm beschriebene Entwicklung eine Eigendynamik entwickelt habe, die mittelfristig eine Korrektur unwahrscheinlich mache. Angesichts der sich beschleunigenden Auflösung der noch vorhandenen kulturellen Substanz und dem Wachsen der Präsenz des Fremden werde auch der Zeitraum kleiner, in dem eine Korrektur noch möglich sei.

Die gegenwärtig zu beobachtenden krisenhaften Entwicklungen würden daher wahrscheinlich in einer Reihe von Katastrophen münden. Murray vermutet, dass der Auslöser dieser Katastrophen eine Wirtschaftskrise sein könnte, die alle die sozialen und ethnischen Konflikte hervortreten und eskalieren lassen könnte, die derzeit noch durch Wohlstand und Umverteilung überdeckt würden.

Die heilsame Kraft von Krisen

Diese bevorstehenden Verwerfungen könnten zum kulturellen Ende Europas führen, aber auch ein Auslöser für seine Erneuerung sein. In Zeiten großer Verwerfungen würden auch große Fragen gestellt werden:

„Denn wie lange kann eine Gesellschaft überleben, wenn sie sich von ihren Gründungsquellen und ihrem ursprünglichen Antrieb getrennt hat? Möglicherweise sind wir dabei, es herauszufinden.“

Die Antworten auf diese großen Fragen könnten Europa zu seinen Wurzeln zurückführen. Ansätze dazu seien bereits erkennbar. So würden sich viele Europäer angesichts der Konfrontation mit der fremden Religion des Islam wieder mehr für ihre eigene religiöse Tradition interessieren und erkennen, dass auch scheinbar säkulare Errungenschaften tatsächlich Teil dieser Tradition seien. Daraus entstehe eine zunehmende Offenheit für den christlichen Glauben sowie christliche Kultur und Weltanschauung.

Die Kirche als Akteur kultureller Erneuerung

Die Kirche stelle in Europa derzeit nur bedingt einen Akteur kultureller Erneuerung dar, weil sie immer weniger dazu bereit sei, den Menschen die Antworten auf die aufkommenden großen Fragen zu geben. Wesentliche Teile der Kirche seien von den korruptiven utopischen Ideologien erfasst worden, die Murray in seinem Buch beschreibt, und könnten daher keine kulturellen und weltanschaulichen Alternativen zu diesen Ideologien vermitteln.

  • Die „Botschaft des Glaubens“ sei oft „zu einer Form linker Politik, zu Aktionen für die Diversität und zu sozialen Projekten verkommen“. Entsprechend beeinflusste Teile der Kirche „befürworten die ‚offenen Grenzen‘, sind aber sehr vorsichtig, wenn es darum geht, die Texte zu zitieren, die sie einst als Offenbarung predigten“.
  • Murray betont, dass er selbst nicht gläubig sei und sich als Kulturchrist verstehe. Die wertvollen Dinge im Erbe Europas könnten aber nur eine Zukunft haben, wenn man dem Ratschlag Papst Benedikts XVI. folge, so zu leben, als würde Gott existieren, selbst wenn man nicht glaube.

In einem Gespräch mit der Basler Zeitung betonte Murray, dass Europa angesichts des Identitätsvakuums, das es präge, nur mit geistiger Führung durch ein starkes Christentum eine Zukunft haben könne:

„Zumindest haben wir es mit einem Vakuum zu tun: Wem hören Sie zu, wenn es um moralische Fragen geht? Solche Stimmen fehlen heute in Europa. Die Kirche hat vor Langem aufgehört, irgendeinen Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu nehmen. […] Uns fehlt in der Tat eine Kirche, die auf der Wahrheit ihrer eigenen Behauptungen beharrt. […] Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder werden anglikanische Vikare mehr wie Imame oder Imame mehr wie anglikanische Vikare. Aber ich sehe nicht, wie das Christentum bestehen soll, wenn der Islam die einzige geschützte Religion ist und die einzige, die ihre Prinzipien verteidigt, während alle anderen eine Art Greenpeace mit Gebeten werden.“

Es hänge von Entwicklungen innerhalb der Kirche ab, ob Europa eine Zukunft haben werde. Vielleicht könnten mit ihrer Hilfe „die europäische Lebensweise, die Kultur und die europäischen Auffassungen in kleinen Enklaven überleben.“