Douglas Murray: Der Selbstmord Europas – Teil 3: Der Unwille zum Erkennen der Lage

Lawrence Alma-Tadema - Die Rosen des Heliogabalus (gemeinfrei)

Der britische Publizist Douglas Murray gilt als einer der wichtigsten konservativen Denker des Landes. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Der Selbstmord Europas“ analysiert er kulturelle und gesellschaftliche Auflösungsprozesse in Europa. Der dritte Teil unserer Serie über die Gedanken Murrays behandelt den in den politischen und kulturellen Eliten Europas verbreiteten Unwillen zum Erkennen der Lage.

Der erste Teil der Serie hatte Murrays Ausführungen zu den geistigen Ursachen der Krise Europas vorgestellt. Im zweiten Teil ging es um den in Europa verbreiteten Unwillen zur Selbstbehauptung.

Die Verdrängung der Wirklichkeit als Folge eines naiven Fortschrittsglaubens

Die vorherrschenden kulturellen Tendenzen seien von einem naiven Fortschrittsgedanken geprägt. Ihnen fehle das Bewusstsein für die Möglichkeit des tragischen Verlaufs gesellschaftlicher und historischer Prozesse. Existenzielle Herausforderungen würden weitestgehend ausgeblendet und jenen, die sie ansprechen, werde unterstellt, damit nur irrationale Ängste auszudrücken. Außerdem gebe es eine starke Tendenz zur Tabuisierung der Ansprache dieser Herausforderungen, etwa in Form von Rassismusvorwürfen.

Je sichtbarer die Probleme würden, desto aggressiver werde eine heile Welt beschworen und die aktive Ausblendung der Wirklichkeit als Beitrag zum Gelingen der angestrebten Utopien dargestellt. Nach islamistischen Terroranschlägen werde zum Beispiel Passivität gegenüber den Urhebern zum Ideal erklärt und behauptet, diese sei ein positiver Ausdruck gelassener Stärke. Der radikalste gegenwärtig zu beobachtende Versuch zur Verdrängung der Wirklichkeit sei die Aussage, dass deren Ansprache „den Falschen nutze“.

Politische Motive des Unwillens zum Erkennen der Lage

Murray zufolge herrsche in Europa der Unwille vor, die gegenwärtige Lage anzusprechen, weil diese Ansprache die von großen Teilen der politischen und kulturellen Elite geteilten utopischen Ideologien grundsätzlich in Frage stellen würde:

„Dass in Europa Fragen nicht gestellt und Diskussionen nicht geführt werden, kann vielleicht im Großen und Ganzen darauf zurückgeführt werden: Es ist besser, nicht zu fragen, wenn es nur schlimme Antworten gibt.“

Statistiken würden in vielen Fällen zum Beispiel gezielt so erhoben, dass sie Herausforderungen möglichst unscharf abbilden, um dann behaupten zu können, dass Warnungen keine Faktengrundlage hätten. Gleichzeitig verändere sich die politische Sprache und nehme dabei zunehmend einen verschleiernden Charakter an. Begriffe und Konzepte, die eine deutliche Ansprache und Abgrenzung von Herausforderungen ermöglichen, würden tabuisiert.

Diejenigen, die wie der Volkswirt Thilo Sarrazin begründete Warnungen bezüglich der Entwicklung in Europa vorbringen, würden konsequent ins politische Abseits gestellt. Dadurch werde sozialer Druck erzeugt, Herausforderungen nicht anzusprechen, um persönliche Nachteile zu vermeiden. Ein Beispiel dafür sei die Passivität der Behörden im Umgang mit Banden pakistanischstämmiger Muslime in Großbritannien, die dort über lange Zeiträume in organisiertem Rahmen viele tausend Frauen vergewaltigt hatten. Den Behörden sei dies bekannt gewesen, aber die Verantwortlichen hätten nicht gehandelt, weil sie Angst vor Rassismusvorwürfen hatten.

Der postmoderne Verfall der Geistes- und Sozialwissenschaften

An Universitäten werde die Vorstellung der Existenz einer objektiven Wirklichkeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften im Zuge der Durchsetzung postmoderner Weltanschauung zunehmend abgelehnt. Diese würden sich zunehmend zu Aktionsfeldern für Aktivisten wandeln und immer weniger dazu in der Lage sein, einen Beitrag zum Erkennen und zur Bewältigung der Herausforderungen für Europa zu leisten.

Murray schildert exemplarisch seine Eindrücke von einer Konferenz an der Universität Heidelberg über die Geschichte der europäischen Beziehungen zum Nahen Osten. Auf dieser Konferenz sei ihm deutlich geworden, „dass man hier nichts würde lernen können, weil nichts gesagt werden durfte“:

„Eine Reihe von Philosophen und Historiker verbrachte ihre Zeit mit dem fleißigen Versuch, so erfolgreich wie möglich nichts zu sagen. Je weniger gesagt wurde, umso größer war die Erleichterung und der Beifall. […] Es konnte nichts verallgemeinert, nichts Spezifisches herauskristallisiert werden. Nicht nur Geschichte und Politik standen unter Verdacht. Philosophie, Ideen und Sprache wurden hinter Absperrungen gestellt, wie ein Tatort von der Polizei. […] Die Aufgabe der Wissenschaftler war, die Absperrungen zu bewachen und für einige Ablenkungen zu sorgen, um die Wanderer um jeden Preis davon abzuhalten, sich zurück in den Bereich der Ideen zu verirren. Alle relevanten Wörter wurden sofort markiert und angefochten. Das Wort ‚Nation‘ war offenkundig ein Problem. ‚Geschichte‘ war ein anderes Wort, das nach sofortiger Unterbrechung verlangte. Wenn jemand so unvorsichtig war, das Wort ‚Kultur‘ zu benutzen, verursachte er einen Stillstand. […] Es war nicht zulässig, dass es irgendetwas bedeutete. Das Ziel dieses Spiels war – denn es handelte sich um ein Spiel -, den Schein akademischer Forschung zu erwecken, während man eine fruchtbare Diskussion unterband. […] Wenn eine übergeordnete Idee übrig geblieben ist, dann die, dass Ideen ein Problem sind. Wenn ein Werturteil übrig geblieben und allgemein anerkannt ist, dann das, dass Werturteile falsch sind. […] Und wenn das alles noch keine Philosophie bildet, so summiert es sich sicherlich zu einer Haltung: flach, unfähig, jeden dauerhaften Ansturm zu überleben, aber einfach anzunehmen.“

Diese Verdrängung der Wirklichkeit umfasse auch eine Form des Geschichtsrevisionismus. Dieser wolle die Geschichte Europas im Sinne multikulturalistischer Ideologie umschreiben, damit die sich vollziehenden kulturellen Brüche weniger deutlich sichtbar würden:

„Je mehr islamistische Attentate stattfanden, umso stärker wurde der Einfluss der islamischen Neo-Platonisten gelobt und die Bedeutung der islamischen Wissenschaft gepriesen. Im gleichen Jahrzehnt, in dem die Attentate stattfanden, wurde das islamische Kalifat von Cordoba zwischen dem 8. und dem 11. Jahrhundert aus der historischen Versenkung hervorgeholt und zu einem großartigen Beispiel der Toleranz und des multikulturellen Zusammenlebens verklärt. Das war schon eine sorgfältig aufbereitete neue Version von Geschichte, aber gleichzeitig hatte sie auch die Funktion, die Vergangenheit zu beschwören, um ein wenig Hoffnung für die Gegenwart bereitzuhalten.“

Die europäische Geschichte solle durch diesen Geschichtsrevisionismus den politischen Erfordernissen der multikulturellen Gegenwart angepasst werden. Als historische Wahrheit gelte dabei das politisch Erwünschte. Als der französische Mediävist Sylvain Gouguenheim vor einigen Jahren darlegte, dass griechische Texte im Nahen Osten im Mittelalter vor allem von orthodoxen syrischen Christen und nicht von Muslimen bewahrt worden waren, habe man dementsprechend nicht seine Thesen widerlegt, sondern ihm „Islamophobie“ vorgeworfen.

Insgesamt sei unter diesen Bedingungen eine Debatte über die existenziellen Herausforderungen, vor denen Europa stehe und die die Voraussetzung für deren erfolgreiche Bewältigung wäre, immer weniger möglich.

Der abschließende Teil unserer Serie wird Murrays Gedanken über eine mögliche kulturelle Erneuerung Europas behandeln.