Douglas Murray: Der Selbstmord Europas – Teil 2: Der Unwille zur Selbstbehauptung

Thomas Couture - Die Römer der Verfallszeit (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der britische Publizist Douglas Murray gilt als einer der wichtigsten konservativen Denker des Landes. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Der Selbstmord Europas“ analysiert er kulturelle und gesellschaftliche Auflösungsprozesse in Europa und ihre Folgen. Der zweite Teil unserer Serie über die Gedanken Murrays behandelt die postmoderne Ideologie der Selbstverleugnung und den Unwillen zur Selbstbehauptung, die das Europa der Gegenwart prägten.

Der erste Teil der Serie behandelte Murrays Ausführungen zu den geistigen Ursachen der Krise Europas, die er auf dessen Abwendung vom Christentum zurückführt.

Das identitäre Vakuum und die Zivilisationsmüdigkeit der europäischen Kultur

Mit der Abkehr vom christlichen Glauben sei in Europa ein identitäres Vakuum entstanden. Europa sei gegenwärtig „ohne eine vereinigende Idee […] die die Gegenwart ordnen und in eine Zukunft weisen könnte“. Das Scheitern der an die Stelle christlicher Weltanschauung getretenen Ideologien habe eine „existenzielle Zivilisationsmüdigkeit“ erzeugt.

  • Die eigene Identität werde zunehmend als Last empfunden, was zuletzt eine Ideologie der Selbstverleugnung hervorgebracht habe. Diese wirke vorläufig sinnstiftend und verspreche ihren Anhängern die Befreiung von dieser Last. Von ihren Anhängern verlange diese Ideologie die möglichst demonstrative Zurückweisung des Eigenen sowie Bekenntnisse zu „Vielfalt“ und anderen Werten kultureller Auflösung, wobei Auflösung gleichzeitig als Ausdruck von Fortschritt dargestellt werde.
  • Man würde mit einer „gewissen Erleichterung die Befreiung von sich selbst“ als Erlösung von der wahrgenommenen kulturellen Schuld begrüßen. Je größer die Schuld und Verworfenheit sei, die man mit dem Erbe Europas verbinde, desto größer werde auch der Gewinn an moralischem Status und dem Gefühl der Befreiung, den man durch dessen Zurückweisung erlangen könne. Das Erbe Europas werde daher auf immer drastischere Weise negativ verzerrt dargestellt.
  • Es gebe in diesem Zusamenhang ein geradezu lustvolles Verlangen nach Schuld, von der man sich durch ekstatisch vollzogene autoaggressive Akte befreien wolle. Dies erkläre unter anderem die maßlos und irrational übersteigerte Begeisterung vieler Deutscher anlässlich der Grenzöffnung 2015.
  • Es gebe im Umgang mit den angesprochenen Herausforderungen darüber hinaus auch ein Rache- und Bestrafungsnarrativ, das die Folgen kultureller Auflösung als gerechte Strafe für Europa darstelle, das für das Elend in der Welt verantwortlich sei.

Autoaggressive Impulse dieser Art würden sich gegen jegliche noch verbliebene kulturelle Substanz richten. Man diskutiere zum Beispiel „immer extremere Nischenaspekte der Frauen- und Schwulenrechte“ und bringe diese gegen das noch vorhandene christliche Erbe Europas in Stellung, während man gleichzeitig die Grenzen für kulturelle Gruppen öffne, die sowohl dem Erbe Europas als auch „die diesen Bewegungen das Existenzrecht grundsätzlich absprechen“. Dies belege, dass es in erster Linie nicht um Minderheitenrechte gehe, sondern um die Auflösung gewachsener Kultur durch die Mobilisierung von ihr ablehnend gegenüberstehenden Gruppen.

Der Unwille zur Selbstbehauptung

Im Zuge dieser geistig-kulturellen Entwicklung gebe es in Europa außerdem einen wachsenden Unwillen, „für sich zu kämpfen und für sich zu streiten“. Den angesprochenen Herausforderungen würden politische und andere Eliten entweder passiv oder mit aktiver Begünstigung dieser Herausforderungen begegnen:

„Intelligente und kultivierte Menschen verstanden es als ihre Pflicht, die Kultur, in der sie aufgewachsen sind, nicht etwa zu unterstützen und zu verteidigen, sondern sie vielmehr zu verneinen, sie anzugreifen oder sie auf andere Weise madig zu machen. […] Zwar denken wir schlecht von uns selbst, sind aber bereit, ausnehmend gut über absolut jeden anderen zu denken.“

Das Eintreten für die eigene Kultur oder die Annahme, dass diese überhaupt existiere, werde als inakzeptable Form von Diskriminierung und Ausgrenzung wahrgenommen. Murray zitiert politische Entscheidungsträger aus mehreren europäischen Staaten, die behauptet hatten, dass europäische Kultur oder europäische Nationalkulturen in Wirklichkeit gar nicht existieren würden, sodass sie auch nicht bewahrt werden müssten.

Europa sei bereits jetzt innerlich zu schwach, um auch nur gegen die extremsten negativen Begleiterscheinungen der wachsenden Präsenz seiner Herausforderer vorzugehen und sich gegen diese durchzusetzen. Man befinde sich in einer Lage, in der „die unverzichtbaren Fundamente der westlichen Zivilisation Gegenstand von Verhandlungen geworden“ seien.

Die kulturelle Dynamik der Selbstverleugnung

Murray widerspricht Annahmen, die in der beschriebenen Entwicklung einen Ausdruck planvollen Handelns sehen. Er habe als Journalist Gespräche mit vielen politischen Entscheidungsträgern und Personen aus ihrem Umfeld in Europa geführt. Sein Eindruck sei es nicht, dass diese die Zerstörung Europas absichtlich vorantreiben. Diese Wirkung ihrer politischen Entscheidungen sei wahrscheinlich eine unbeabsichtigte Folge der fehlerhaften Ideologien und Weltbilder, denen sie anhängen würden.

Die Gesellschaften Europas seien kulturell mittlerweile so defekt, dass die Verweigerung der Mitwirkung am beschriebenen Geschehen die Zerstörung der beruflichen Existenz oder soziale Isolation nach sich ziehen könne. Die von Murray beschriebene Ideologie erzeuge immer größeren  Anpassungsdruck und führe dazu, dass Menschen zur Vermeidung sozialer Isolation bereit seien, Unwahrheiten zu akzeptieren oder sie auch selbst zu verbreiten.

Im Umgang mit Herausforderungen gebe es keine Strategie zu deren Bewältigung, sondern nur nachträgliche Versuche, diese Herausforderungen als Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts darzustellen. Migration kulturferner Gruppen sei zum Beispiel zunächst als wirtschaftlicher und kultureller Gewinn dargestellt worden. Als deutlich wurde, dass dies nicht der Fall war, habe man nicht die zugrundeliegenden politischen Entscheidungen revidiert, sondern die Rechtfertigungsstrategie angepasst und diese Migration zu einem alternativlosen Vorgang erklärt, dem sich die Menschen anzupassen hätten.

Kulturelle Selbstverleugnung und die Unfähigkeit zur Integration fremder Kulturen

Die Ideologie der Selbstverleugnung sei mit einem utopischen, unrealistischen Menschenbild verbunden, das von einer beliebigen Formbarkeit menschlicher Identität ausgehe. Wesentliche Aspekte menschlicher Identität, etwa die Bedeutung kultureller Prägung oder die Prägung der Kultur durch die Religion, würden dabei geleugnet.

Zur Integration von Migranten sei diese Ideologie untauglich. Kein Mensch würde sich freiwillig in eine „sterbende Kultur“ integrieren wollen, deren stärkster Impuls es sei, verschwinden zu wollen.

  • Auf Menschen mit gefestigter Identität wirke dieses Europa unglaubwürdig und schwach. Es erzeuge bei ihnen nicht den Willen zur Integration, sondern die Zuversicht, dort die eigene Kultur und Identität durchsetzen zu können.
  • Eine gemeinsame Identität könne sich ohne gemeinsame kulturelle Grundlage in Europa nicht herausbilden. Gesellschaften würden zunehmend in Blöcke zerfallen, die ihre identitätspolitischen Ansprüche auf Kosten europäischer Gemeinwesen durchsetzen und von diesen dazu noch ermutigt würden.
  • Mittlerweile könnten auch jene europäischen politischen Akteure, die nicht primär durch den Wunsch nach dem Verschwinden des Eigenen motiviert würden, aus strategischen Gründen nicht mehr auf die Ansprache entsprechender Wählerblöcke verzichten.

Der nächste Teil unserer Serie über die Gedanken Murrays behandelt die postmoderne Tendenz zur Ausblendung der Wirklichkeit und deren Folgen für die europäische Kultur.