Douglas Murray: Der Selbstmord Europas – Teil 1: Die Ursachen der Krise

Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski - Der Orkan (gemeinfrei)

Der britische Publizist Douglas Murray gilt als einer der wichtigsten konservativen Denker des Landes. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Der Selbstmord Europas“ analysiert er kulturelle und gesellschaftliche Auflösungsprozesse in Europa und ihre Folgen. Wir werden die Gedanken Murrays in den kommenden Tagen in einer mehrteiligen Serie vorstellen. Der erste Teil dieser Serie behandelt Murrays Betrachtungen zu den geistigen Ursachen der Krise Europas.

Der Selbstmord Europas und seine Ursachen

In der Einleitung seines Buches zitiert der Autor Stefan Zweig, der in Europa „unsere heilige Heimat, die Wiege und das Parthenon unserer abendländischen Zivilisation“ sah. Dieses Europa sei durch innere kulturelle Schwäche und zunehmende islambezogene Herausforderungen und sonstige Folgen der Zuwanderung kulturferner Gruppen existenziell bedroht, da diese Herausforderungen eine Dynamik entwickelt hätten, die kaum noch umkehrbar sei:

„Wenn ich sage, dass Europa dabei ist, sich auszulöschen, dann meine ich […] dass die Zivilisation, die wir als europäische bezeichnen, dabei ist, Selbstmord zu begehen, und weder Großbritannien noch irgendein anderes westeuropäisches Land kann diesem Schicksal entrinnen, weil wir alle unter den gleichen Krankheiten leiden. Im Ergebnis wird am Ende der Lebensdauer der meisten Menschen, die heute Europa bevölkern, Europa nicht das sein, was es einmal war. Wir werden den einzigen Ort auf der Welt, der unsere Heimat war, verloren haben.

Europa verändert sich Tag für Tag, und mit jedem Tag wird die Möglichkeit einer weichen Landung als Antwort auf die Veränderungen unwahrscheinlicher. […] Als Gefangene ihrer Vergangenheit haben die Europäer keine anständigen Antworten für die Zukunft. Und so wird es schließlich zur tödlichen Explosion kommen.“

Es sei richtig, dass Wandel eine historische Konstante sei, aber die sich gegenwärtig vollziehende Entwicklung verlaufe nicht in eine erstrebenswerte Richtung und führe dazu, dass „wir uns selbst in etwas verwandeln, das wir nie sein wollten“. Islamische Kultur stelle zum Beispiel, anders als behauptet, keine Bereicherung der europäischen Kultur dar, sondern beende diese, wo sie sich ausbreite.

Murray, der sich selbst als nicht gläubigen Kulturchristen bezeichnet, betont in seinem Buch, dass die von ihm beschriebenen krisenhaften Entwicklungen und Phänomene nur Symptome einer tiefer gehenden geistigen Krise seien. Die Ursache dieser geistigen Krise sei die verbreitete Abwendung der Menschen Europas vom christlichen Glauben, der die kulturelle Grundlage Europas darstelle. Wer die Krise Europas verstehen wolle, müsse sich mit der Bedeutung des Christentums und den Folgen der Abwendung von ihm auseinandersetzen.

Die Abwendung vom Christentum als Ursache der Krise Europas

Keine Kultur könne ohne ihre religiöse Grundlage aufrechterhalten werden, da die Religion die Quelle der geistigen Werte und des Menschenbildes sei, auf dem eine Kultur beruhe. Auch die nicht unmittelbar religiösen Bereiche einer Kultur und einer Gesellschaft seien davon vollständig durchdrungen. Da das Christentum die kulturelle Grundlage europäischer Identität darstelle, sei Europa mit der Abwendung vom Christentum spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in eine Sinnkrise eingetreten, die bis heute andauere:

„Über Jahrhunderte war Europas große – wenn nicht größte – Quelle der Energie der Geist seiner Religion. Er spornte die Menschen an, Kriege zu führen, und stärkte sie, sich zu verteidigen. Er inspirierte Europa zur höchsten Stufe der Kreativität. [..] Doch im 19. Jahrhundert erlitt diese Quelle zwei enorme Erschütterungen, von denen sie sich nie wieder erholen sollte. Es blieb eine Lücke zurück, die nie wieder geschlossen werden konnte.“

Bibelkritik und Darwinismus hätten dazu geführt, dass das Christentum in der europäischen Kultur nicht mehr als Ausdruck absoluter Wahrheit, sondern bestenfalls nur noch als kulturell nützlicher Mythos verstanden worden sei. Europa habe dadurch seine „Gründungsgeschichte“ verloren und sei in eine Phase kultureller Erschöpfung eingetreten. Ebenso hätten die christlich begründeten kulturellen Werke Europas ihren Sinn verloren.

Zu diesen Werken zählt Murray auch die positiven Aspekte der Aufklärung sowie freiheitliche Gesellschaftsordnungen, die alle auf christlicher Weltanschauung beruhen würden. Die Europäer der Gegenwart lebten von einer kulturellen Substanz, die sie nicht mehr erneuern könnten, weil sie keinen Zugang mehr zu ihrer Quelle hätten:

„Da wir uns seit Jahren am ‚Unterlauf des Christentums‘ befinden, wie der Philosoph Roger Scruton formulierte, ist es sehr wahrscheinlich, dass unsere Gesellschaften entweder vollständig jeden Halt verlieren oder auf sehr andersartige Ufer getragen werden. Auf jeden Fall lagen sehr beunruhigende Fragen unter der Oberfläche unserer Gesellschaften, schon bevor sie anfingen, sich so schnell wie jetzt zu verändern. […]

[D]ie Menschen, die immer noch zur Messe gehen, fühlen, dass sie Teil einer sterbenden Bewegung sind. Wo der Glaube noch existiert, ist er entweder vollkommen uninformiert – wie in den evangelikalen Gemeinschaften -, oder er ist verwundet und schwach. Nur an wenigen Orten hat er die Zuversicht behalten, die er früher mal hatte, und die Trends sprechen nicht für diese Enklaven. Die Flut kannte nur eine Richtung, kein einigermaßen bedeutender Strom fließt in die entgegengesetzte Richtung.“

Da der „Drang nach dem Absoluten“ mit der Abwendung vom Christentum nicht verschwunden sei, hätten totalitäre Ideologien und andere Ersatzreligionen im 20. Jahrhundert die Rolle des Christentums einzunehmen versucht und durch die von ihnen verursachten Katastrophen dazu beigetragen, das noch verbliebene Vertrauen in Gott und den Wert europäischer Kultur zu zerstören.

Die Menschen Europas würden geistig in den Trümmern gescheiterter Utopien sowie in einem identitären Vakuum leben, das gegenwärtig von einer Ideologie der Selbstverleugnung gefüllt werde. Die Gedanken Murrays dazu werden wir morgen im nächsten Teil unserer Serie vorstellen.

Hintergrund

Murray knüpft in seinen Ausführungen an Ansätze der katholischen Soziallehre zur Erklärung kultureller Auflösungsprozesse an. Wir haben diese Ansätze hier vorgestellt.

Der damalige Kardinal Joseph Ratzinger und spätere Papst Benedikt XVI. hatte im Sinne dieses Ansatzes 2004 gesagt, dass die tragenden seelischen Kräfte Europas weitgehend abgestorben seien und der Kontinent von innen her geistig leer geworden sei. Dies habe auch materielle Auswirkungen und das Europa, das „seine religiösen und sittlichen Grundlagen verneint“, befände sich auch demographisch in Auflösung. Er verglich das Europa der Gegenwart mit dem untergehenden Römischen Reich in seiner Spätphase.

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer sprach analog dazu von einer gegenwärtigen Zeit der „Auflösung alles Bestehenden“, in der Europa christusfeindlich geworden sei und die Kirche zusammen mit dem „Rest an Ordnungsmacht, der sich noch wirksam dem Verfall widersetzt“, als Hüter des christlichen Erbes wirken müsse.