Das Verschwinden der Tapferkeit aus der deutschen Kultur

Raffael - Der heilige Georg und der Drache (gemeinfrei)

In der “Welt am Sonntag” beschreibt die Journalistin Sarah Maria Brech das Verschwinden der christlichen Kardinaltugend der Tapferkeit aus der deutschen Kultur. Sie stützt sich dabei auf die Erkenntnisse von Historikern und Sozialpsychologen.

Tapferkeit sei in Deutschland “aus der Mode gekommen”, würde als unerwünscht oder sogar als kontraproduktiv gelten und sei zum „Anti-Wert geworden“. Tapferkeit habe als praktisches Ideal im Leben der Deutschen bis in die späten 1960er Jahre eine wichtige Rolle gespielt. Dies habe sich auch darin ausgedrückt, dass öffentliche Bekundungen von Schwäche oder Angst ein Tabu dargestellt hätten. Vor allem bei Männern habe Tapferkeit der Historikerin Ute Frevert zufolge als die wichtigste Charaktereigenschaft gegolten, auch weil das Männlichkeitsideal früherer Generationen stark durch soldatische Ideale geprägt gewesen sei.

Dem an der Universität München lehrenden Sozialpsychologen Dieter Frey zufolge würden Werte und Tugenden wie die Tapferkeit an Bedeutung abnehmen, wenn sie in der Umgebung von Kindern keine wichtige Rolle mehr spielen und es keine Vorbilder für sie gebe, etwa in Form des Beispiels von Eltern, Lehrern, Gleichaltrigen und in Filmen. Zudem würden Werte verschwinden, wenn ihre Verinnerlichung nicht belohnt und ihre Abwesenheit nicht sanktioniert werde. Kinder würden sich dann nicht bemühen, diese Werte zu verinnerlichen:

„Eine zentrale Rolle spielen dabei die Vorbilder. Für Kinder sind das zunächst vor allem die Eltern, aber auch Lehrer und mit zunehmendem Alter Gleichaltrige – und die Helden, die sie in den Medien sehen. In früheren Jahrzehnten arbeiteten all diese Personen mehr oder weniger bewusst daran, den Wert Tapferkeit in den Köpfen der Kinder zu verankern. Bei einem Jungen sah das in etwa so aus: Die Eltern kleideten schon das kleine Kind in einen Matrosenanzug, zum Fasching bekam er eine Uniform oder – nach dem Zweiten Weltkrieg – einen Cowboyhut. Zum Spielen gab es Zinnsoldaten oder Ritterfiguren. Die Lehrer sprachen im Geschichtsunterricht von den heldenhaften Taten großer Männer. Die Schulkameraden prügelten sich zum Spaß. Die Kinderbuchautoren erfanden tapfere Helden. […] Wenn ältere Frauen jüngeren sagen, sie sollten tapfer sein, meinten sie damit: ‚Stell dich nicht so an, ergeh dich nicht in deinen Wehwehchen‘, sagt Historikerin Frevert. ‚Wenn ein älterer Mann dagegen zu einem Jungen sagt, er solle tapfer sein, meint er: sei mutig, setz‘ dich durch, weiche nicht der Gewalt.'“

Die Bedeutung der Tugend der Tapferkeit sei in der Vergangenheit allgemein nicht in Frage gestellt worden, weil diese in schweren Zeiten zum Überleben notwendig gewesen sei. Im Zuge der kulturellen Entwicklung bzw. im Zuge von allgemeinem Wohlstand, Abwesenheit existenzieller Bedrohungen im Leben des einzelnen sowie dem allgemeinen Trend zu Individualisierung habe die Tapferkeit seit den 1960er an Bedeutung verloren:

„Es gibt kein großes, gemeinsames Ziel, für das man sich aufopfern sollte. Nach dem Zivilisationsbruch des Zweiten Weltkriegs hat das Vaterland in Deutschland diese Funktion verloren. Seitdem nimmt auch die Bedeutung des Militärs für die Gesellschaft ab. Wer unter 30 ist, kommt nur in den seltensten Fällen damit in Berührung. Ein in seinem Ursprung militärischer Wert wie die Tapferkeit wird entsprechend ebenfalls unwichtiger. Stattdessen erwarten Eltern und Gleichaltrige, dass man seine Individualität auslebt – und auch andere dabei unterstützt.“

Die Betonung der eigenen Gefühle und deren öffentliche Darstellung sei Frevert zufolge wichtiger geworden als Tapferkeit, welche die Kontrolle von Emotionen fordere. Tapferkeit werde zudem als Ausdruck von Fremdbestimmung empfunden.

Hintergrund und Bewertung

Die christliche Tugendlehre, welche die Tapferkeit als eine der vier Kardinaltugenden beinhaltet, stützt sich auf Impulse antiker griechischer Philosophie. Diese Philosophie ging davon aus, dass die Tugenden vor allem die Eigenschaften seien, die der Mann zur Bewältigung des Ernstfalls entwickeln müsse.

  • Der klassische Philologe Werner Wilhelm Jaeger (1888-1961) hatte in seinem Hauptwerk „Paideia – Die Formung des griechischen Menschen“ betont, dass Tugend (altgr. arete) im Verständnis antiker griechischer Philosphie gleichbedeutend mit umfassender, charakterlicher und körperlicher soldatischer Mannhaftigkeit gewesen sei. Arete, zu der auch die Tapferkeit gehöre, sei die Bezeichnung „des höchsten ritterlichen Mannesideals mit seiner Verbindung von höfisch vornehmer Sitte und kriegerischem Heldentum“. Erst der über diese Tugenden verfügende Mann verfüge auch über Männlichkeit (altgr. andreia).
  • Der Apostel Paulus, der von hellenischer Kultur geprägt war, ging von dem von Jaeger beschriebenen Tugendverständnis aus und verwendete in seinen Briefen dementsprechend zahlreiche militärische und athletische Bilder zur Beschreibung der Tugenden. In seinen Beschreibungen Jesu Christi hob er dessen Treue und Tapferkeit hervor. Der hl. Apostel und Evangelist Johannes betonte die Tugend der Tapferkeit sowohl in seinen Beschreibungen Jesu Christi als auch in seiner Wiedergabe dessen Forderung nach Tapferkeit im Glauben. Ein Mangel an Tapferkeit führte zur ersten Sünde Adams, als er die Verführung Evas durch die Schlange tatenlos duldete.
  • Thomas von Aquin, der das christliche bzw. das katholische Verständnis von Tugend maßgeblich prägte, knüpfte unmittelbar an die oben beschriebenen Gedanken der antiken griechischen Philosophie an und entwickelte sie im christlichen Sinne weiter.
  • Im 20. Jahrhundert hatte der katholische Theologe Romano Guardini die zeitlose Gültigkeit dieser Gedanken in einem Aufsatz über die Tugenden des Mannes betont.

Der katholische Philosoph Josef Pieper schrieb in diesem Zusammenhang, dass christliche Tapferkeit immer der Gerechtigkeit und dem Guten diene. Sie sei mit der Bereitschaft verbunden, bei der Verfolgung des Guten Risiken einzugehen. Jesus Christus in seinem Dienst an Gott und den Menschen nachzufolgen erfordere Tapferkeit, deren Vorbild Jesus Christus sebst sei:

„Eine ‘Tapferkeit’, die nicht hinabreicht bis in die Tiefe der Bereitschaft zu fallen, ist in der Wurzel verdorben und ohne Wirklichkeitsmacht. Bereitschaft erweist sich im Einsatz, und die Tapferkeit vollendet sich im Blutzeugnis.“

Die Abkehr von diesem Verständnis von Tugend macht Männer nicht nur individuell weniger fähig zur Bewältigung schwieriger Situationen und zum Dienst am Nächsten in solchen Situationen, sondern schwächt auch das Gemeinwesen insgesamt. Da Deutschland und Europa mit hoher Wahrscheinlichkeit schwere Zeiten bevorstehen, werden Männer unter anderem die vielfach vergessene Tugend der Tapferkeit wieder lernen müssen.

Die Kirche kann einen wertvollen Dienst an den Menschen und der Kultur leisten, indem sie Männern diesen Teil des christlichen Kulturerbes vermittelt. Dabei kann sie auch auf aktuelle Vorbilder herausragender Tapferkeit aus ihren Reihen wie den französischen Gendarmerie-Oberst Arnaud Beltrame verweisen.