Bassam Tibi: Die Islamisierung Europas und die „deutsche Unterwerfung“

Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski - Nordseesturm (gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Bassam Tibi lehrte zuletzt an der Universität Göttingen und ist als Schöpfer des Konzepts der „Leitkultur“ bekannt geworden. In einem aktuellen Aufsatz in der „Basler Zeitung“ warnt er vor einer Islamisierung Europas, die den Fortbestand des Kontinents als „Insel der Freiheit“ in einem sich ausbreitenden islamischen „Ozean der Gewaltherrschaft“ bedrohe. In einem „Neuen Zürcher Zeitung“ veröffentlichten Gespräch warf Tibi dem deutschen Staat außerdem die „Kapitulation“ vor islamistischen Islamverbänden sowie „deutsche Unterwerfung“ vor.

Islamisierung ist der von muslimischen Akteuren ausgehende und unter anderem von Normen- und Wertekonflikten begleitete Prozess der Durchdringung von Gesellschaften durch islambezogene Praktiken, Normen, Werte und Ordnungsvorstellungen.

Islamisierung stelle laut Tibi, der sich als liberaler Muslim bezeichnet, für Europa eine ernstzunehmende Bedrohung dar, weil sie die Existenz Europas als „Insel der Freiheit“ bedrohe. Im islamischen Kulturraum breite sich gegenwärtig aufgrund problematischer Entwicklungen innerhalb des Islam ein „Ozean der Gewaltherrschaft“ aus, der durch Migration auf Europa auszugreifen drohe:

„So verlaufen die Dinge nicht nur in Syrien, sondern auch im Irak, in Libanon, Jemen und Afghanistan. Dies geschieht mit Übertragungseffekten auf alle nahöstlichen Länder. Europa kann die demografische Explosion in diesen Ländern nicht durch die Aufnahme von Millionen Flüchtlingen abfangen, ohne daran zugrunde zu gehen. Der nahöstliche ‚Ozean der Gewaltherrschaft‘ erreicht als Eurabia Europa.“

Islamisierung sei in Europa vor allem mit der Ausbreitung eines kulturell niedrigstehenden Unterschichtenislam verbunden, der auch für liberale Muslime eine Bedrohung darstelle. Der Großteil der Muslime in Europa integriere sich nicht, sondern trage zu einer Entwicklung bei, in deren Verlauf „Europa durch kulturelle Arabisierung weniger europäisch“ werde. Dies werde unterstützt von „linken europäischen Multikulturalisten“, welche „die europäische Identität ablehnen und deren Verteidigung sogar als Rassismus verfemen.“

Falls die gegenwärtigen Trends in den Bereichen Migration, demographische Entwicklung und Integration anhielten, werde die Islamisierung Europas in den kommenden Jahrzehnten „unaufhaltsam“ fortschreiten.

In der „Neuen Zürcher Zeitung“ hatte Tibi außerdem dem deutschen Staat vorgeworfen, vor dem Islamismus zu kapitulieren, indem er mit islamistisch beeinflussten Islamverbänden kooperiere und deren Forderungen nachgebe. Es fände gegenwärtig eine „deutsche Unterwerfung“ statt.

Die große Mehrheit der Muslime in Deutschland sei kulturell nicht integriert, und es gebe staatlicherseits auch keine Absicht mehr, sie zu integrieren:

„Zehn Prozent der Muslime in Deutschland sind beruflich und gesellschaftlich eingegliedert. Neunzig Prozent leben in Parallelgesellschaften. […] Die Leute, die hierherkommen, werden nicht integriert. Ich habe als Berater mit Verwaltungsleuten über Integration geredet und war erstaunt. Mit Integration meinen sie: Registrierung, Alimentierung, häusliche Unterbringung, bestenfalls Sprachkurse. Integration heisst aber, dass man eine Bürgeridentität annimmt. Zu einer Heimat gehört Identität. Wenn dieser Faktor ausgeschlossen wird, bleibt nichts. Da steckt aber das deutsche Problem: Es gibt kein Identitätsangebot.“

Zudem kritisierte Tibi, dass in Deutschland beim Umgang mit islambezogenen Herausforderungen „eine Atmosphäre der Selbstzensur“ herrsche. Er forderte eine „kritische Islam-Debatte“ sowie staatliche Maßnahmen zur kulturellen Integration von Muslimen und die konsequente Abschiebung von Integrationsverweigerern.

Hintergrund

Tibi trat zeitweise für einen in die Kultur Europas integrierten „Euro-Islam“ ein, der eine Synthese aus arabisch-islamischer Hochkultur und den Gedanken der Aufklärung sein sollte. 2016 erklärte Tibi diese Idee mangels Resonanz unter Muslimen für gescheitert.

Tibi hatte in der Vergangenheit die Kirche in Deutschland wegen ihres Umgangs mit islambezogenen Herausforderungen kritisiert. Dieser Umgang sei von „Wunschdenken“ und „Gesinnungsethik“ gekennzeichnet. Das Ergebnis seien weitgehende Blindheit gegenüber diesen Herausforderungen und schlechte Entscheidungen in Fragen ihrer Bewältigung.