Studie: Europa steht am Beginn eines post-christlichen Zeitalters

Louis Janmot - Ein Geschenk des Himmels (gemeinfrei)

Einer aktuellen sozialwissenschaftlichen Studie zufolge steht Europa am Beginn eines post-christlichen Zeitalters. Unter jungen Erwachsenen würden Christen in weiten Teilen Europas nur noch kleine Minderheiten ausmachen. Das Christentum werde in naher Zukunft seine Rolle als prägende kulturelle Kraft in Europa möglicherweise für sehr lange Zeit verlieren.

Die Studie wurde unter der Leitung des Religionssoziologen Stephen Bullivant durch Forscher der britischen St. Mary’s University in Zusammenarbeit mit dem französischen Institut Catholique de Paris erstellt. Die Forscher hatten dazu Daten zum religiösen Bekenntnis sowie zu religiösen Bindungen bei jungen Erwachsenen im Alter von 16-29 Jahren ausgewertet.

  • In nur sechs europäischen Staaten (Polen, Litauen, Irland, Slowenien, Österreich, Portugal) würde sich noch eine Mehrheit der jungen Erwachsenen zum Christentum bekennen. Es sei auffällig, dass alle diese Staaten katholisch geprägt seien. In diesen Staaten seien auch religiöse Bindungen unter jungen Erwachsenen noch vergleichsweise stark. In allen anderen Staaten seien Christen aller Konfessionen unter jungen Erwachsenen nur noch eine Minderheit. Säkularisierungstendenzen würden in Westeuropa vor allem in Schweden, den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich und Belgien die große Mehrheit der entsprechenden Altersgruppe prägen.
  • Religionsdemographische Daten über christliche Bevölkerungsanteile in Europa seien nur eingeschränkt aussagekräftig, was die religiöse Bedeutung des Christentums in Europa angehe. Unter vielen formell christlichen jungen Europäern seien religiöse Bindungen nur sehr schwach. In Staaten wie Deutschland und Frankreich etwa, wo noch wesentliche Teile der jüngeren Bevölkerung ein christliches Bekenntnis angeben, würden nur rund sechs bis sieben Prozent der jungen Katholiken wöchentlich an der Heilige Messe teilnehmen. In Belgien seien es gerade noch zwei Prozent.

Bullivant zufolge müssten sich Christen darauf einstellen, dass das Christentum künftig nicht mehr die kulturell prägende Kraft in Europa darstellen werde. Die entsprechende Tendenz sei so deutlich ausgeprägt, dass sie zumindest in den nächsten Jahrzehnten kaum umkehrbar sein werde. In 20 oder 30 Jahren würde das Christentum in Europa wesentlich weniger Menschen umfassen als heute, die aber über vergleichsweise starke religiöse Bindungen verfügen werden. Diese Bindungen würden erforderlich sein, um den christlichen Glauben in für Christen schwieriger werdenden Umfeldern aufrechtzuerhalten.

Außerdem bestätigen die Analysen der Forscher eine Islamisierungstendenz in Teilen Europas. In Großbritannien zum Beispiel würden sich mittlerweile ähnlich viele junge Erwachsene zum Islam wie zum anglikanischen Christentum bekennen. Die Treiber solcher Islamisierungsprozesse seien neben den beschriebenen Entwicklungen unter Christen vor allem demographischer Art und umfassten Migration, höhere Geburtenraten und stärkere religiöse Bindungen unter Muslimen.

Hintergrund und Bewertung

Die Ergebnisse der Studie decken sich weitgehend mit denen anderer Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass im weiteren Verlauf des 21. Jahrhundert die rund 1.500-jährige Phase der christlichen Prägung Europas zu Ende gehen könnte:

  • Laut einer im Dezember 2017 veröffentlichten Studie des Allensbach-Instituts würden sowohl die absolute Zahl in Deutschland als auch der Anteil der Christen an der Bevölkerung stetig zurückgehen, während gleichzeitig die religiösen Bindungen unter den verbliebenen Christen weiterhin schwächer würden. In diesem Zusammenhang sei auch die kulturelle Bedeutung des Christentums stark zurückgegangen und andere Weltanschauungen (etwa die Ökologiebewegung) würden mittlerweile deutlich größere kulturelle Kraft entfalten.
  • Der 2017 erschienenen Studie „The Changing Global Religious Landscape“ des Pew Research Center zufolge  werde in Europa der Anteil der Muslime an Bevölkerungen europäischer Staaten aufgrund von höheren Geburtenraten und Migration weiter zunehmen, während der Anteil der Christen vor allem aufgrund niedrigerer Geburtenraten sowie schwächerer religiöser Bindungen künftig stark zurückgehen werde.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hatte 2016 gewarnt, dass das Christentum in Europa weitgehend erlöschen könnte, „wenn andere Bevölkerungsschichten es neu strukturieren“. Zuvor hatte er gesagt, dass in Folge des „Absterben[s] der tragenden seelischen Kräfte […] auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen erscheint“. Auch der evangelische Theologe Klaus Berger hatte davor gewarnt, dass „die Christentümer des Westens aus eigener Schwäche zusammenbrechen“ könnten.

Ross Douthat, einer der führenden amerikanischen Beobachter von Entwicklungen im Christentum, hatte in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass das Christentum in einigen europäischen Staaten nur noch eine kulturelle Fassade darstelle. Insbesondere in Deutschland sei die Kirche zwar wohlhabend, aber in Folge der hier in besonderem Maße dominierenden Liberalisierungstendenzen überwiegend „steril und halb säkularisiert“.

Gerade liberale Strömungen des Christentums haben in schwierigen Umfeldern jedoch kaum Bestand, und spätestens die Kinder liberaler Christen neigen dazu, sich unter sozialem Druck vollständig vom Christentum abzuwenden. Zunehmender Druck dieser Art ist angesichts der wachsenden Aggressivität säkularer weltanschaulicher Strömungen, aber auch angesichts der unter Muslimen in Europa zu beobachtenden Entwicklungen wahrscheinlich.

Die vorliegenden Informationen deuten darauf hin, dass das Christentum in Europa mittel- bis langfristig mehr als heute aus kleinen, theologisch konservativen Gemeinschaften mit starken religiösen Bindungen bestehen wird. Daneben wird es in einigen Staaten Europas staatsnahe, politischen Abhängigkeiten unterworfene, theologisch von Anpassung an säkulare Tendenzen und Weltanschauungen geprägte kirchliche Strukturen mit schwachem Unterbau geben. In vielen Fällen wird das Verhältnis zwischen den erwähnten Gemeinschaften und diesen Strukturen dabei von Spannungen gekennzeichnet sein, wie sie gegenwärtig zwischen dem öffentlich-rechtlichen Protestantismus und evangelischen Freikirchen in Deutschland zu beobachten sind.

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) hatte diese Entwicklung bereits 1970 vorausgesehen, wobei er ihre Auswirkungen nicht nur als negativ bewertete:

„Aus der Krise von heute wird auch dieses Mal eine Kirche morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. […] Aber nach der Prüfung dieser Trennungen wird aus einer verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen. Denn die Menschen […] werden unsagbar einsam sein. Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, ihre volle, schreckliche Armut erfahren.“

Die „kleine Gemeinschaft der Glaubenden“ werde dann von den Menschen „als etwas ganz Neues“ entdeckt werden.