Ruud Koopmans: Der real existierende Islam gehört nicht zu Europa

Jean-Léon Gérôme - Gebet in Kairo (gemeinfrei)

Der Migrationsforscher Ruud Koopmans lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin. In einem in der Tageszeitung „Die Welt“ veröffentlichten Beitrag nimmt er zur Frage Stellung, ob der Islam zu Deutschland und Europa gehöre. Diese Frage könne nur unter Betrachtung des real existierenden Islam sinnvoll beantwortet werden. Angesichts der Tendenzen, die den Islam sowie muslimische Bevölkerungen derzeit prägten, werde deutlich, dass der real existierende Islam nicht zu Europa gehöre.

Sowohl in islamisch geprägten Gesellschaften weltweit als auch bei muslimischen Organisationen und in muslimischen Bevölkerungen in Europa würden derzeit problematische Tendenzen vorherrschen.

  • Freiheitliche demokratische Ordnungen hätten sich in islamisch geprägten Gesellschaften bislang kaum herausgebildet: „Demokratie und Islam gehen nur sehr selten zusammen. Von den 47 mehrheitlich islamischen Staaten der Welt sind nur zwei (vier Prozent) – Senegal und Tunesien – freie Demokratien […]. Freie Meinungsäußerung ist in der islamischen Welt Mangelware.
  • Der real existierende Islam falle zudem durch die Verfolgung anderer Religionen auf: „Trotz der geläufigen These, die Welt würde heutzutage von „‚Islamophobie‘ heimgesucht, ist Glaubensverfolgung vor allem in islamischen Ländern weitverbreitet. Von den 24 Ländern der Welt, wo Apostasie strafbar ist, sind 23 islamisch – und in nicht wenigen davon steht auf Glaubensabfall die Todesstrafe. Von den 30 Ländern mit der schwersten Verfolgung von religiösen Minderheiten sind 20 islamisch.“
  • Auch die besondere Achtung gegenüber der Frau, die ein prägendes Element christlich-europäischer Kultur ist, sei dem real existierenden Islam fremd: Auf der Rangliste des World Economic Forum von Frauenrechten in 145 Ländern würden 17 der letzten 20 Plätze von islamisch geprägten Ländern besetzt.
  • Zudem sei der real existierende Islam in hohem Maße von Gewalt und bewaffneten Konflikten geprägt. Von weltweit 30 Bürgerkriegen habe es zuletzt nur vier ohne Beteiligung muslimischer Akteure gegeben.

Darüber hinaus seien islamische Organisationen in Deutschland vorwiegend von einem problematischen Islamverständnis geprägt. Die türkische DITIB, die der größte Islamverband in Deutschland sei, vertrete einen „türkischen Blut-und-Boden-Nationalismus“ und wirke desintegrativ. Im Zentralrat der Muslime, einem weiteren wichtigen Islamverband, seien Extremisten aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft aktiv. Auch unter individuellen Muslimen würden in Deutschland problematische islambezogene Vorstellungen vorherrschen, wie er am Beispiel türkischstämmiger Muslime erläutert.

Seine Antwort auf die Frage, ob der Islam zu Europa gehöre, fällt daher negativ aus:

„Wir können also schlussfolgern, dass der Islam so, wie er mehrheitlich in der islamischen Welt existiert, keineswegs zu Deutschland oder zu Europa und seinen Werten passt. Demokratie, Toleranz, Respekt für Minderheiten, freiheitliche Selbstbestimmung, Gleichberechtigung der Geschlechter und die friedliche Austragung von Konflikten sind in der islamischen Welt seltene Erscheinungen. […] Man kann natürlich dagegenhalten, wie es die Islamapologetik gerne tut, dass all dies mit dem „wahren Islam“ nichts zu tun habe. Wir leben aber leider nicht in der Traumwelt dieses unbefleckten Islam, sondern in einer, in der wir uns mit dem real existierenden Islam auseinanderzusetzen haben.“

Diejenigen Strömungen im Islam, deren Präsenz in Europa nicht von problematischen Folgen begleitet sei, seien innerhalb des Islam weitgehend isoliert und würden nur von einer kleinen Minderheit der Muslime unterstützt. Wenn der Islam zu Europa gehören wolle, wären seitens der ihn prägenden Akteure noch weitreichende kulturelle Anpassungsleistungen erforderlich.

Hintergrund und Bewertung

Koopmans hatte sich in der Vergangenheit unter anderem zum Scheitern des Multikulturalismus in Europa, zur Bedeutung von kultureller Assimilation als Voraussetzung erfolgreicher Integration von Migranten, zur Rolle kultureller Homogenität als Voraussetzung funktionierender Gemeinwesen sowie zum hohen Gewaltpotenzial unter Muslimen geäußert.

Der Historiker und Totalitarismusforscher Götz Aly, der zuletzt an der Universität Wien lehrte und dessen muslimischer Vorfahre im 17. Jahrhundert als Kriegsgefangener in das damalige Preußen gelangt war und sich dort assimiliert hatte, bestritt aufgrund der gegenwärtigen Entwicklungen im Islam in einem aktuellen Aufsatz ebenfalls die Zugehörigkeit des Islam zu Europa. Die Einzelfälle individueller Muslime, dies sich kulturell integriert hätten, könnten jedoch als zu Europa zugehörig betrachtet werden.

  • Martin Rhonheimer, der Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom lehrt, hatte sich in seinem Werk „Christentum und säkularer Staat“ aus einer katholischen Perspektive mit der Frage auseinandergesetzt, ob der real existierende Islam zu Europa gehöre. Er verneinte dies und sprach vom real existierenden Islam als einem nicht assimilierbaren kulturellen „Fremdkörper“, dessen Präsenz in Europa langfristig „epochale Herausforderungen“ erzeugen werde.
  • Aus der Sicht der katholischen Soziallehre müsste die Frage, ob der Islam zu Europa gehört oder gehören sollte, zudem auf Grundlage der Auswirkungen seiner Präsenz auf das Gemeinwohl europäischer Gesellschaften bewertet werden. Diese Auswirkungen sind bislang jedoch in der Gesamtschau deutlich negativ.
  • Ein weiterer Ansatz zur Beantwortung der Frage nach einer möglichen Zugehörigkeit des Islam zu Europa ist der kulturhistorische Ansatz. Der katholische Philosoph Robert Spaemann, ein Berater von Papst Benedikt XVI., hatte in diesem Zusammenhang darauf verwiesen, dass der „tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus“ für die europäische Identität und Kultur prägend sei. Die vorherrschenden Strömungen im Islam der Gegenwart betrachten sich jedoch als Teil dieser Konflikttradition, was sich exemplarisch daran zeigt, dass zahlreiche Moscheen in Europa nach Mehmed II., dem Eroberer Konstantinopels, benannt sind. Auf der Grundlage dieser demonstrativen Verneinung Europas ist eine kulturelle Zugehörigkeit zu Europa, die in diesen Fällen offensichtlich auch gar nicht gewollt ist, nicht möglich.

Eine mögliche kulturelle Zugehörigkeit des Islam zu Europa würde nicht nur die von Koopmans beschriebene kulturelle Assimilation von Muslimen, sondern auch eine glaubwürdige Abkehr der Muslime in Europa von der islamischen Tradition der Christen- und Europafeindlichkeit sowie in wesentlich größerem Umgang als bisher positive Beiträge von Muslimen zum Gemeinwohl europäischer Gesellschaften erfordern.

Die bloße Forderung islamischer Akteure nach der kulturellen Anpassung Europas an den Islam kann unter den gegebenen Umständen hingegen keine kulturelle Zugehörigkeit begründen, sondern hat entscheidend zu den gegenwärtig zu beobachtenden Konflikten und Herausforderungen beigetragen. Falls sich islamische Akteure dazu entscheiden sollten, diesen Weg fortzusetzen, würde dies diese Konflikte auch zum Nachteil von Muslimen in Europa weiter verschärfen, die bislang von der Offenheit Europas für islamische Zuwanderung profitiert haben.

Dass eine Zugehörigkeit zu Europa für Muslime unter bestimmten Voraussetzungen und im Einzelfall jedoch möglich ist, zeigt das Beispiel der in Osteuropa lebenden muslimischen Lipka-Tataren, die sich kulturell weitgehend assimiliert haben und über Jahrhunderte in besonderem Maße als Verteidiger Europas hervorgetreten sind.