Anthony Esolen: Der Männerbund als Träger kultureller Erneuerung

Jacques-Louis David - Der Schwur der Horatier (gemeinfrei)

Der Literaturwissenschaftler Anthony Esolen lehrt am katholischen Thomas More College of Liberal Arts in den USA, ist Mitbegründer des „Center for the Restoration of Christian Culture“ und wurde vor allem durch seine Gedanken über die Erneuerung abendländischer Kultur bekannt. In einem Gespräch beschrieb er kürzlich die Wiederbelebung von Männerbünden als eine wesentliche Voraussetzung kultureller Erneuerung.

  • Eine intakte Kultur beruhe auf sozialen Beziehungen, die auf der Grundlage des Dienstgedankens bzw. auf Grundlage gebender Nächstenliebe gestaltet seien. Dies gelte nicht nur für die Beziehungen zwischen Ehemann und Ehefrau oder Eltern und Kindern, sondern auch für die Beziehung zwischen Brüdern im Rahmen des Männerbundes.
  • Der Männerbund sei eine auf den Dienst am Nächsten sowie die Herausbildung der Tauglichkeit seiner Mitglieder ausgerichtete hierarchische Gemeinschaft. Seine Mitglieder würden zu Brüdern, indem sie gemeinsam an einer großen Aufgabe arbeiteten. Jesus Christus habe den wichtigsten Männerbund der Geschichte gegründet, als er die Apostel berief. Andere Beispiele für Männerbünde seien religiöse Orden, militärische Einheiten, die Kunstschulen der Renaissance oder die Zünfte und Gilden des Mittelalters.
  • Im Zuge der Auflösung des traditionellen Geschlechterbildes sei in westlichen Gesellschaften auch die kulturelle Institution des Männerbundes delegitimiert worden und weitgehend verloren gegangen. Entsprechende Auflösungstendenzen hätten auch Teile der Kirche ergriffen, die sich von ihrer eigenen Tradition der Männlichkeit abgewandt hätten.

Eine Kultur könne jedoch nicht ohne starke Männerbünde fortbestehen oder wieder errichtet werden: „Die Erneuerung der Kultur wird nicht ohne Wiederbelebung des Männerbundes geschehen.“ Esolen knüpft dabei vor allem an die Gedanken des Psychologen Jordan B. Peterson an. Es sei eine Besonderheit der Natur des Mannes, dass er eine große Aufgabe im Leben finden müsse, die ihn über sich selbst hinauswachsen lasse und ihn mit Herausforderungen konfrontiere, die er zu bewältigen habe. Dies gelinge dem Mann nur durch die Herausbildung von Tauglichkeit durch Wettbewerb und das geordnete, auf gegenseitiges Wachstum ausgerichtete freundschaftliche Austragen von Konflikten. Die Kultur des Männerbundes sei im Alten Testament (Sprüche 27,17) so beschrieben worden: „Eisen wird an Eisen geschliffen; so schleift einer den Charakter des andern.“

Die Kultur der Gegenwart mit ihrer Hypersensibilität und ihrem Streben danach, Menschen in ihrer Selbstwahrnehmung und ihren Gefühlen zu bestärken, sei hingegen von unmännlichen Impulsen geprägt. Dies äußere sich auch darin, dass in ihr die Kultur des geordneten Streites Verloren gegangen sei und an die Stelle von Diskussion die Zurschaustellung verletzter Gefühle getreten sei. Der Männerbund könne in diesem Zusammenhang auch ein Ort der geistigen Freiheit und des geistigen Wachstums sein.

Vaterlos aufwachsende Jungen sowie die Söhne von Vätern, die diesen kein entsprechendes Vorbild gäben, könnten gesunde Männlichkeit kaum entwickeln. Dies bringe für das Gemeinwesen schädliche, entartete Formen von Männlichkeit hervor, die sich in Narzissmus oder Verweiblichung, aber auch in Frauenverachtung sowie verantwortungslosem und kriminellem Verhalten äußerten. Die Wiederbelebung von Männerbünden könne diesen Tendenzen entgegenwirken.

Hintergrund

Esolen hatte 2017 sein Werk „Out of the Ashes – Rebuilding American Culture“ veröffentlicht, in dem er die geistig-kulturelle Lage westlicher Gesellschaften sowie die geistigen Ursachen kultureller Auflösungsprozesse analysiert hatte.

Diese Prozesse seien so dominant geworden, dass eine Erneuerung der von ihnen betroffenen Gesellschaften mittelfristig wenig aussichtsreich sei. Das Christentum könne in ihm gegenüber zunehmend feindseliger werdenden Umfeldern jedoch in Form von kleinen Gemeinschaften fortbestehen, die an seiner Tradition und seinem Erbe festhielten, um auf dieser Grundlage in den bevorstehenden Krisenzeiten seinen Dienst an den Menschen und Gesellschaften der westlichen Welt verrichten zu können.