Abdel-Hakim Ourghi: Strategien zur Islamisierung Deutschlands

Gentile Bellini - Sultan Mehmed der Eroberer (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi lehrt an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. In der aktuellen Ausgabe des Magazins „Cicero“ stellt der Journalist Birk Meinhardt unter anderem die Beobachtungen Ourghis über Strategien islamistischer Akteure zur Islamisierung Deutschlands vor.

  • Die islamischen Dachverbände in Deutschland seien durch den politischen Islam geprägt und würden zusammen mit anderen islamistischen Akteuren die Islamisierung Deutschlands mittels einer Strategie anstreben, deren Kern Ourghi mit den Begriffen „Bleiben und Expandieren“ umschreibt. Es gehe dabei um die Re-Islamisierung der hier geborenen Muslime sowie um die Islamisierung der Mehrheitsgesellschaft.
  • Dazu würden islamische Organisationen in Deutschland und anderen europäischen Ländern eine Infrastruktur aufbauen, die eng mit vorhandenen islamistischen Infrastrukturen in der Türkei oder arabischen Golfstaaten wie Saudi-Arabien verbunden sei. Teile dieser Infrastruktur würden in Deutschland zudem mit öffentlichen Geldern subventioniert.

Diese Strategie sei laut Meinhardt auch deshalb erfolgreich, weil Politik und Gesellschaft in Deutschland zunehmend durch postmoderne Ideologien geprägt seien. Diese würden Muslime stets als Opfer von Diskriminierung betrachten und davon ausgehen, dass die Ursache von Konflikten oder sozialen Problemen immer im Fehlverhalten der deutschen Seite liege. Man gebe daher in Konflikten immer nach und sei zur Selbstbehauptung gegen das Vorgehen der Islamisten nicht in der Lage.

Dies äußere sich auch darin, dass Staat und Verwaltung in Konflikten mit islamistischen Akteuren verstärkt dazu übergehen würden, auf die Anwendung und Durchsetzung von Gesetzen zu verzichten. Einige Behörden würden darüber hinaus islambezogene Herausforderungen entgegen vorhandener Erkenntnisse so darstellen, dass deren kulturelle bzw. religiöse Hintergründe verschleiert würden.

Hintergrund

Ourghi war in der Vergangenheit als Kritiker christenfeidlicher Tendenzen im Islam in Erscheinung getreten und ist einer der Erstunterzeichner der „Freiburger Deklaration“ säkularer Muslime und Mitbegründer der Ibn-Rushd-Goethe Moschee in Berlin, die für einen säkularen und liberalen Islam eintritt. Diese Strömung versucht, problematischen Tendenzen im Islam entgegenzuwirken und dadurch die Integration von Muslimen in Europa zu fördern. Sie ist dem Islamwissenschaftler Loay Mudhoon zufolge jedoch nur von marginaler Bedeutung.

Als „Islamisierung“ wird der Prozess der Durchdringung von Gesellschaften mit den Konzepten des politischen Islam bezeichnet. Auf christliche Bevölkerungsteile sowie auf christliche Kultur und Religionsausübung hatte dieser Prozess in allen beobachteten Fällen fast ausschließlich negative Auswirkungen. Papst Franziskus hatte 2017 Medienberichten zufolge vor Islamisierungstendenzen in Europa gewarnt.

  • In vielen Staaten Westeuropas sind Islamisierungstendenzen in Folge des Wirkens islamistischer Akteure sowie im Zuge der demographischen Entwicklung zu beobachten. Verschiedene Untersuchungen belegen, dass islamistische Strömungen die dynamischsten Strömungen im Islam der Gegenwart darstellen. Rund 25-30 Prozent der Muslime in Deutschland stimmen etwa den Kernaussagen islamistischer Ideologien zu, wobei diese Zustimmung tendenziell zunimmt und vor allem unter jüngeren Muslimen sowie unter Asylsuchenden besonders hoch ist.
  • Der Bundesnachrichtendienst hatte vor einigen Monaten vor dem Wirken der von Ourghi beschriebenen islamistischen Infrastruktur in Europa gewarnt. Diese Infrastruktur verfüge über enorme finanzielle Ressourcen, operiere mit der Unterstützung staatlicher oder halbstaatlicher Stellen aus Ländern wie Saudi-Arabien, Kuwait und Katar oder der Türkei. Diese Infrastruktur bewirke eine zunehmende Islamisierung muslimischer Bevölkerungsteile bzw. ihre Durchdringung mit islamistischer Ideologie.
  • Der französische Sozialwissenschaftler Gilles Kepel hatte 2017 gewarnt, dass der Islam im Zuge dieser Entwicklung in Europa zunehmend die Grundlage einer Gegenidentität bilde, die sich über die Ablehnung europäischer Kultur definiere. Wie dies praktisch geschieht, war 2017 in einer Studie am Beispiel von Schulen in Berlin beschrieben worden. Islamisierung vollziehe sich hier ausgehend von Meinungsführern, die an Moscheen oder angegliederten Einrichtungen ausgebildet würden, die mutmaßlich Teil der oben erwähnten Infrastruktur sind.

Auch die Ethnologin und Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI) Susanne Schröter hatte  Islamverbänden in Deutschland vorgeworfen, islamistische Tendenzen in Deutschland zu fördern. Sie hatte in diesem Zusammenhang unter anderem auf die Nähe von Teilen des „Zentralrats der Muslime in Deutschland“ (ZMD) zur Muslimbruderschaft hingewiesen. Zudem habe die Ditib als größter Islamverband in Deutschland „nachgewiesene Verbindungen in die salafistische Szene“.