Peter Graf Kielmansegg: Die „Ehe für Alle“ als Symptom kultureller Auflösung

François de Nomé - König Asa zerstört die Götzenbilder (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Peter Graf Kielmansegg lehrte Politikwissenschaft an der Universität Mannheim. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ kritisiert er das Versagen der Parteien beim Schutz der kulturellen Grundlagen des Gemeinwesens im Zusammenhang mit der Einführung der sogenannten „Ehe für alle“. Ein demokratisches Gemeinwesen könne allerdings auch nicht gegen den Willen einer Bevölkerungsmehrheit aufrechterhalten werden, die dies nicht wünsche. Wer für die traditionelle europäische Lebensordnung eintrete, müsse dazu bereit sein, dies künftig auch ohne staatliche Anerkennung tun.

Die Entscheidung des Bundestages habe einen „kulturrevolutionären Akt“ sowie einen Bruch mit dem im Grundgesetz festgehaltenen Verständnis der kulturellen Grundlagen des Staates dargestellt:

  • Die Parteien hätten sich ohne Debatte und unter der Missachtung demokratischer Verfahren eines Ehe- und Familienbegriffes entledigt, der „als eine Selbstverständlichkeit tief und weit zurückreichend im europäischen Kulturkreis verwurzelt war.“ Man habe es hier mit einem „krassen Fall parlamentarischen Versagens“ zu tun.
  • Der Artikel 6 des Grundgesetzes sei Ausdruck eines gesellschaftlichen Willens zur Dauer und zur Kontinuität, und in ihm komme die „existentielle Angewiesenheit des Gemeinwesens auf eine gelingende Generationenfolge“ zum Ausdruck. „Ehe und Familie sind die elementarsten Bedingungen der Möglichkeit gelingender Generationenfolge“, „weil Kinder am besten in einem auf Dauer angelegten Miteinander von Vater und Mutter“ heranwachsen würden.
  • Im Verständnis der kulturrevolutionären Ideologien, der die Mehrheit der Abgeordneten des Bundestages gefolgt sei, spiele die Dauerhaftigkeit des Gemeinwesens und der Schutz seiner kulturellen Grundlagen keine Rolle. Dass diese Ideologien die von ihnen über diese Ziele gestellte individuelle Selbstverwirklichung auch auf Kosten des Gemeinwohls durchzusetzen bereit seien, käme nicht nur in der Abkehr vom traditionellen Begriff von Ehe und Familie, sondern auch im Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Partnerschaften zum Ausdruck. Dieses mache „Kinder zu Objekten – in letzter Konsequenz zu käuflichen Objekten“.

Das eigentliche Problem sei jedoch nicht das Versagen der Bundestagsabgeordneten, denen die Tragweite und Konsequenzen ihrer Entscheidungen oft nicht bewusst gewesen seien, sondern die „säkularen gesellschaftlichen Trends“, denen sie bei ihrer Entscheidung gefolgt seien. Man könne eine Demokratie nicht „gegen stabile Mehrheitsanschauungen, die die eigene Lebenspraxis betreffen“, sowie gegen eine gesellschaftliche Entwicklung, die „offenbar unaufhaltsam“ über das Wissen der Erfordernisse kultureller Kontinuität hinweggehe, regieren.

Die kulturelle und politische Entwicklung in Deutschland habe einen Punkt erreicht, an dem auch das Recht der Lebensordnung, auf der das Gemeinwesen beruhe, keine Geltung mehr sichern könne. Wer diese Lebensordnung erhalten wolle, müsse sie künftig ohne staatliche Anerkennung umso überzeugender selbst leben.

Bewertung und Folgerungen

Aus christlicher Perspektive vorgebrachte weltanschauliche Kritik an der Entscheidung des Bundestages hatten wir hier zusammengefasst.

Nach der Einführung der „Ehe für alle“ waren weitere Radikalisierungstendenzen bei Anhängern entsprechender Ideologien zu beobachten, die erwarten lassen, dass das Eintreten für christliche Weltanschauung mittel- bis langfristig in noch stärkerem Maße mit Herausforderungen verbunden sein wird. Justizminister Heiko Maas hatte zum Beispiel im September 2017 erklärt, dass er das Eintreten für ein „klares Familienbild aus Vater, Mutter und Kindern“ als verfassungswidrig bewerte.

Unter diesen Bedingungen werden unverbindliche, liberale Strömungen des Christentums gegen den entstehenden sozialen und politischen Druck nicht bestehen können und sich auflösen, sich assimilieren oder sich zu Ausläufern säkularer Ideologien in Form einer Staatskirche transformieren. Die kulturelle Erneuerung, die nach dem Scheitern kulturrevolutionärer Ideologien zu leisten sein wird, wird nur von den Teilen der Kirche ausgehen können, die diesen Tendenzen widerstehen. (FG2)