Paul Berman: Populismus als Symptom kultureller Auflösung

Ambrogio Lorenzetti - Die Allegorie der schlechten Regierung (gemeinfrei)

Der amerikanische Publizist Paul Berman ist in Deutschland vor allem durch sein Werk „Terror und Liberalismus“ bekannt geworden. In einem aktuellen Beitrag im Magazin „Tablet“ beschreibt er den Verfall des Konservatismus in den USA und den Aufstieg des Populismus als Symptome kultureller Auflösung. Angesichts dieser Entwicklung erfordere die Aufrechterhaltung freiheitlicher Gesellschaften die Wiederherstellung eines traditionellen Staats- und Führungsethos.

  • Im Zuge kultureller, aber auch sozialer Auflösungserscheinungen hätten sich offenbar große Teile der Bevölkerung der USA von diesem Ethos abgewandt. Dieses habe von Inhabern politischer Führungsämter Eigenschaften wie Selbstkontrolle, Gravitas, Anstand, Professionalität und Vernunftorientierung gefordert. Das Gegenbild zu diesem Ethos sei der unkultivierte, emotionale, vulgäre Demagoge.
  • Frühere Präsidenten seien zum Teil schlechte Charaktere gewesen und hätten diesem Ethos innerlich keinesfalls immer entsprochen. Sie hätten dennoch versuchen müssen, diesem Ethos wenigstens in ihrer äußerlichen Haltung zu entsprechen, um als potenziell für ein Führungsamt geeignet betrachtet zu werden.

Die Aufrechterhaltung freiheitlicher Gesellschaften würde voraussetzen, dass deren politische Führungen das traditionelle Staats- und Führungsethos der westlich-europäischen Kultur innerlich wie äußerlich verkörperten. Dazu seien Maßnahmen der Elitenbildung erforderlich, die ein ausreichend starkes Potenzial an glaubwürdigem, im Sinne dieses Ethos geformtem Führungsnachwuchs hervorbringen müssten. Zudem seien Maßnahmen kultureller Erneuerung erforderlich, die vermitteln müssten, dass die Ablehnung des Elitären keine geeignete Antwort auf die Korrumpierung vorhandener Eliten sei.

Bewertung und Folgerungen

Das von Berman angesprochene Ethos geht auf römische Wurzeln zurück und wurde durch das Christentum übernommen und in seinem Geiste weiterentwickelt. Wie sich gegenwärtig zeigt, wird dieses Ethos außerhalb seines christlichen Kontexts zu einer immer weniger glaubwürdigen, auf Dauer nicht aufrecht zu erhaltenden Fassade.

  • John Adams, einer der Gründerväter der USA und einer ihrer ersten Präsidenten, hatte in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass der freiheitlich-republikanische Staat und seine Verfassung eine christlich geprägte Bevölkerung und Kultur als Grundlage voraussetzen würden und ohne diese nicht funktionieren könnten.
  • Das traditionelle Staats- und Führungsethos beruht auf der Annahme der Existenz einer transzendenten Ordnung und geistiger Ideale, denen eine Staatsführung zu entsprechen habe.
  • Moderne Vorstellungen gehen im Gegensatz dazu davon aus, dass gesellschaftliche Ordnungen und die materiellen Ideale, auf denen sie beruhen, von Menschen und ohne transzendente Bezüge geschaffen würden. In populistischen Ideologien kommt dies in ausgeprägtem Materialismus sowie der Idealisierung der Masse und ihrer Impulse zum Ausdruck.

Da sowohl korrumpierte Eliten als auch ihre populistischen Herausforderer gleichermaßen durch modernes Denken geprägt sind, erscheinen die Perspektiven der von Berman eingeforderten kulturellen Erneuerung kurzfristig als ungünstig.

  • Der Politikwissenschaftler Charles Murray, der Historiker Michael Lind und der Sozialgeograph Christophe Guilluy hatten die sozialen und kulturellen Polarisierungs- und Auflösungsprozesse in westlichen Gesellschaften beschrieben, auf die Berman sich bezieht. Kulturell progressive, vor allem mit ihren eigenen Interessen beschäftigte Eliten würden demnach kulturell entwurzelten Mittel- und Unterschichten gegenüberstehen, die ihrerseits wachsendem Druck zahlenmäßig stärker werdender kulturfremder Migrantengruppen ausgesetzt seien.
  • Dieser Prozess könne dem Soziologen Wolfgang Streeck zufolge in westlichen Gesellschaften in der Herausbildung einer oligarchischen Geld- und einer sie tragenden Funktionselite münden, denen populistische Strömungen verschiedener Art gegenüberstehen würden. Im Konflikt zwischen diesen Gruppen würden die Reste liberaler Ordnung sowie ihre kulturellen Grundlagen langsam zerrieben werden.

Relevante kulturelle Ressourcen oder Akteure, die eine Umkehr dieser Entwicklung und eine Erneuerung westlicher Gesellschaften ermöglichen könnten, kann Streeck nicht erkennen. Der erwähnte Prozess werde daher in einem Chaos enden, in dem sich dann neue Ordnungskräfte herausbilden müssten. (FG2)