Marco Stahlhut: Der globale „Siegeszug des Islamismus“ und die Illusion eines moderaten Islam

Der Journalist Marco Stahlhut ist mit Schwerpunkt im Raum Südostasien tätig. In einem aktuellen Beitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ bewertet er die Folgen der globalen Durchsetzung islamistischer Tendenzen innerhalb des Islams für Europa.

  • Insbesondere der indonesische Islam sei lange als Beleg für die Hypothese angeführt worden, dass es im Islam relevante Strömungen gebe, die sich nicht als Gegner des Christentums und westlich-europäischer Kultur verstehen würden.
  • Vertreter dieser Hypothese gehen davon aus, dass eine friedliche Koexistenz der Religionen und Kulturen sowohl auf globaler Ebene als auch in Europa möglich sei. Dies sei jedoch angesichts der tatsächlichen Entwicklungen im Islam, wo ein „Siegeszug des Islamismus“ zu beobachten sei, Ausdruck von Wunschdenken.

Im indonesischen Islam hätten sich mit Unterstützung der globalen islamistischen Infrastruktur innerhalb weniger Jahre islamistische Tendenzen soweit durchgesetzt, dass diese mittlerweile die Norm darstellten. Islamistische Kräfte würden hier immer offensiver gegen Christen und andere von ihnen bekämpfte Gruppen vorgehen, ohne dass relevante Gegenkräfte innerhalb des Islam erkennbar seien.

„Die Entwicklungen in Indonesien haben Implikationen weit über das Land hinaus. Denn Indonesien ist nicht irgendein beliebiger Staat. Indonesien wurde von westlichen Politikern und Experten noch bis vor kurzem als Paradebeispiel für einen moderaten Islam hochgehalten […]. Dabei sind die neuesten Entwicklungen zwar schockierend, aber nicht überraschend. Sie haben sich seit Jahren abgezeichnet. Wer das nicht wahrhaben wollte, war der Westen.

Für alle tolerant gesinnten Menschen, denen an der liberalen Demokratie etwas liegt, sollten die Entwicklungen im größten muslimischen Land der Erde ein Warnruf sein. Denn Indonesien ist […] ein besonders dramatisches Beispiel für den Siegeszug des Islamismus im Islam. Wenn von der deutschen Regierung nichts Entscheidendes getan wird, dürften die in Deutschland lebenden Muslime von diesem allgemeinen Trend beeinflusst werden. […]

Nach dem Wandel Indonesiens gibt es kein moderates mehrheitlich muslimisches Land von Bedeutung mehr. […] Statt das Spiel weiterzuspielen, muslimische Länder als „moderat“ zu bezeichnen, die tatsächlich nur weniger menschenfeindlich als Iran und Saudi-Arabien sind, ist es an der Zeit, der Realität ins Auge zu sehen. Nach Jahrzehnten ungehinderter Geld- und Ideologieströme aus den ebenso reichen wie reaktionären arabischen Golf-Staaten wird der Islam nun weltweit von Auslegungen dominiert, die auf andere Religionen verächtlich herabsehen […].“

Auch auf globaler Ebene würden islamistische Tendenzen im Islam mittlerweile die Norm darstellen, während das, was man in Europa als „moderaten Islam“ betrachte, nur eine „marginale Größe“ sei. Der Umgang mit islambezogenen Herausforderungen müsse sich auf den real existierenden Islam beziehen und sich von der „Fiktion“ trennen, „der gegenwärtige Islam wäre eine Religion wie jede andere“.

Die wesentliche Ursache für das in Europa verbreitete Wunschdenken bezüglich der Entwicklungen im Islam sei die Furcht vor den politischen Folgen einer Anerkennung der tatsächlichen Entwicklungen im Islam:

„Die Entwicklungen im globalen Islam gehen so deutlich in Richtung eines Siegeszugs des Islamismus, dass für das Verschweigen dieser Tatsache durch sich als liberal verstehende westliche Eliten kaum eine Erklärung übrig bleibt als klassisches Lagerdenken: Man fürchtet, der „Rechten“ zu nutzen, wenn man den Islam kritisiert. […] Wohin die Entwicklung in Indonesien geht, war seit Jahren hinreichend deutlich. Für den Rest der muslimischen Welt ist das nicht anders. Alle Informationen dazu liegen bereits seit langem vor. Wer aber vom Islamismus nicht reden mag, sollte auch vom Rechtspopulismus schweigen.“

Auch in Europa gebe es bereits islamistische Enklaven und im Zuge des Zustroms einer großen Zahl häufig islamistisch eingestellter junger Männer nach Europa werde sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren weiter beschleunigen.

Hintergrund

Der französische Sozialwissenschaftler Gilles Kepel, der als einer der führenden Islamismusexperten weltweit gilt, hatte 2017 gewarnt, dass islamistische Kräfte auch in Europa erstarken würden. Der Islam bilde hier zunehmend die Grundlage einer Gegenidentität, die sich über die Ablehnung europäischer Kultur definiere. Zahlreiche Untersuchungen bestätigen die von Kepel beobachteten Tendenzen.

Der Islamwissenschaftler Loay Mudhoon hatte in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass liberale Strömungen im Islam in Deutschland nur aus „Einzelpersonen“ bestehen würden. Der liberale Islam sei eine „Schimäre“, auf den man unrealistische Hoffnungen setze.

Da die inneren Probleme des Islams von außen nicht lösbar sind, umfassen die vorliegenden Strategieentwürfe zur Bewältigung entsprechender Risiken im Rahmen der katholischen Soziallehre vor allem Maßnahmen zur räumlichen Trennung von den Bedrohungen bzw. zu deren Isolation. Wo sich diese Bedrohungen jedoch terroristisch oder gewaltsam äußern, besteht laut dem von Papst Johannes Paul II. beauftragten Kompendium der Soziallehre der Kirche die moralische Pflicht „die Verteidigung auch mit Waffengewalt zu organisieren“ sowie die Angegriffenen militärisch zu unterstützen, wenn diese nicht dazu in der Lage sind, sich selbst zu verteidigen. (FG2)