Erzbischof Chaput: Auftrag und Dienst des Christentums in einer zerfallenden Welt

Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski - Die Erschaffung der Welt (gemeinfrei)

Charles Joseph Chaput ist Erzbischof von Philadelphia und einer der führenden katholischen Denker in den USA. Im Rahmen eines Vortrags am Matthew J. Ryan Center an der katholischen Villanova University äußerte er sich zur geistig-kulturellen Lage westlicher Gesellschaften und zu den existenziellen Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen. Christen hätten in Umfeldern, die zunehmend von Zerfall und Auflösung gekennzeichnet seien, einen Auftrag zu kultureller Erneuerung.

Nur wenn es der Kirche gelänge, die Ursachen negativer gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen und Phänomene zu verstehen, könne sie das eigene Vorgehen lagegerecht gestalten. Ein Arzt müsse eine Krankheit richtig erkennen, bevor er sie wirksam behandeln könne.

Die geistig-kulturelle Lage westlicher Gesellschaften

Erzbischof Chaput sieht westliche Gesellschaften insbesondere durch die folgenden Herausforderungen bedroht, was er am Beispiel der USA erläutert:

  • Wirtschaftlicher Liberalismus habe die materiellen Lebensbedingungen vieler Menschen verbessert, dabei aber auch eine Reihe problematischer kultureller Brüche erzeugt, die zur Auflösung von Kultur und Gesellschaft beitragen würden. Dies gelte insbesondere für die liberale Tendenz, alle Dinge vorwiegend unter dem Aspekt ihres materiellen Wertes und Nutzens zu betrachten, sowie für die Tendenz, materielle Bedürfnisse und Konsum zu idealisieren und soziale Beziehungen analog zu wirtschaftlichen Transaktionen zu betrachten. Materieller Fortschritt beantworte außerdem die Grundfragen des Menschen nicht und lasse die vorhandenen Antworten darauf vielen Menschen zunehmend als unverständlich erscheinen.
  • Migration könne unter bestimmten Bedingungen dem Gemeinwohl dienen, aber unkontrollierte Migration drohe organisch gewachsene Nationen aufzulösen, die auf der Bindung an eine organisch gewachsene gemeinsame Kultur und Geschichte beruhten. Der durch sie bewirkte Wandel sei nur dann gut wenn, er diese Bindungen nicht gefährde. Die Identität einer Nation würde zerbrechen, wenn das Gewebe ihrer Kultur durch Migration zerrissen werde. Westliche Gesellschaften hätten diesbezüglich einen kritischen Punkt erreicht.
  • Politische, wirtschaftliche und kulturelle progressive Eliten würden oft nicht im Sinne des Gemeinwohls handeln. Während sie die Auflösung aller Bindungen propagieren würden, gelänge es ihnen mit den ihnen zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen, ihre eigenen Kinder unter optimalen Bedingungen aufwachsen zu lassen. In anderen Teilen der Gesellschaft würden sich die von ihnen durchgesetzten progressiven Vorstellungen der Lebensführung jedoch katastrophal auswirken. In Teilen der USA hätten soziale Notlagen vor allem in Folge der Auflösung von Ehe und Familie enorme Ausmaße erreicht.
  • Die tiefer werdende Kluft zwischen diesen Eliten und der Bevölkerung äußere sich auch im Erstarken populistischer Tendenzen. Die Wahl eines Populisten wie Donald Trump sei eine logische Folge des Wirkens von progressiven Politikern wie Barack Obama, deren kulturelle Agenda aus christlicher Perspektive nicht neutral bewertet werden könne.

Westliche Gesellschaften würden vorläufig weiterbestehen, weil die in ihnen vorhandene kulturelle Substanz noch ausreiche, um ihr Funktionen vorläufig zu ermöglichen. Die schleichende Zerstörung dieser Substanz erfordere jedoch ein immer stärkeres Eingreifen eines immer mächtiger werdenden Sozial- und Überwachungsstaates. Am Ende dieser Entwicklung könne unter anderem das Ende der freiheitlichen Gemeinwesen abendländischer Tradition stehen.

Der Auftrag des Christentums in einer zerfallenden Welt

Christen hätten den Auftrag zum Dienst an den Menschen in einer zerfallenden Welt. Dieser Auftrag müsse individuell, vor allem aber auch im gemeinschaftlichen Rahmen, etwa im Rahmen von Erneuerungsbewegungen wie dem Opus Dei, geleistet werden.

Im heraufziehenden Chaos würden kulturell entwurzelte Menschen sich verstärkt die Frage nach Identität stellen und nach festem kulturellen Boden sowie nach bewährten Antworten auf die Grundfragen des Menschen suchen. Christen, die treu zu Tradition und Lehre der Kirche stehen, seien in der Lage, ihnen diese Antworten zu geben. Das Christentum verfüge über eine umfassende kulturelle Alternative zu Verfall und Auflösung.

Man lebe in einer Zeit, die es Christen nicht erlaube, weiterhin Schwäche zu zeigen oder weitere Kompromisse mit den Kräften der Auflösung zu schließen oder sich an diese anzupassen. Die Unterschiede zwischen christlicher Weltanschauung und den fehlgeleiteten Visionen säkularer linker und rechter Ideologien müssten schärfer herausgestellt werden.

Der hl. Augustinus habe daran erinnert, dass die Geschichte der große Vernichter von Illusionen sei. Im Sinne Leon Bloys käme es am Ende für den Christen nur darauf an, ob er ein Heiliger gewesen sei oder nicht. Das Beispiel der Heiligen sei das einzige unwiderlegbare Argument für die Wahrheit dessen was Kirche lehre, und alle Christen seien dazu berufen, diesen Weg mit der Hilfe Gottes zu gehen.

Hintergrund

Im Juli 2017 hatte Erzbischof Chaput vor dem drohenden demographischen Erlöschen Europas und einer möglichen islamischen Zukunft des Kontinents gewarnt. Zuvor hatte erklärt, dass es der Auftrag des Christentums in der gegenwärtigen Lage sein müsse, Zellen intakten Lebens in den sich ausweitenden Verfallsumfeldern zu bilden, die als Identitätskern einer späteren Erneuerungsbewegung wirken könnten.

In seinem Buch „Strangers in a Strange Land“ hatte er sich mit kulturellen Auflösungserscheinungen in westlichen Gesellschaften und christlichen Antworten darauf auseinandergesetzt. Christen müssten sich darauf einstellen, dem biblischen Bild entsprechend in diesen Gesellschaften „Fremde in einem fremden Land“ zu werden. Dies stelle für das Christentum jedoch keine neue Herausforderung dar. Wo Christen diese erfolgreich bewältigt hätten, sei ihnen dies nicht durch Rückzug gelungen, sondern durch die Transformation ihres Umfelds.

Zuletzt hatten wir hier seine Gedanken zum Rittertum als zeitlosem Vorbild dienstbereiter Männlichkeit vorgestellt. (FG3)