Charles J. Chaput: Das Rittertum und die Berufung des Mannes

Vittorio Carpaccio - Der heilige Georg tötet den Drachen (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Charles Joseph Chaput ist Erzbischof von Philadelphia und einer der führenden katholischen Denker in den USA. Im Rahmen eines Vortrags behandelte er vor einigen Tagen die Berufung des Mannes zum Dienst am Nächsten und am Gemeinwesen. Dabei erinnerte er daran, dass das Christentum in Form des Rittertums ein zeitloses Bild von dienstbereiter Männlichkeit geschaffen habe, das angesichts der sich ankündigenden Verwerfungen in westlichen Gesellschaften an Bedeutung gewinne.

  • Erinnerung sei eine Säule von Identität. Moderne Ideologien, welche die Bindung an die eigene Geschichte und die Erinnerung an sie auflösen wollten, würden dadurch Gesellschaften zerstören, so wie die Krankheit Alzheimer den individuellen Menschen zerstöre, indem sie ihn seines Gedächtnisses beraube.
  • Für die Formung des Mannes seien Erinnerung und Tradition jedoch von besonderer Bedeutung, da Männlichkeit erlernt werden und dazu auf die von der Tradition aufgebauten kulturellen Bestände zurückgreifen müsse.
  • Die christliche Tradition männlicher Spiritualität habe vor exakt 900 Jahren einen entscheidenden Impuls erhalten, als sich neun Männer, die sich als Pilger in Jerusalem aufhielten, dazu entschlossen hätten, den sie umgebenden Nöten entgegenzutreten und Streifen entlang der Straßen nach Jerusalem zum Schutz der Pilger vor Übergriffen durchzuführen.
  • Der dadurch begründete Templerorden habe ein zeitloses männliches Ideal geschaffen, nämlich das der Gemeinschaft wehrhafter Männer, die als Brüder ein Leben der asketischen Strenge, der Disziplin und der Glaubenspraxis führen wollten, um Gott und dem Nächsten vorbehaltlos zu dienen.

Das Christentum sei nach C S. Lewis eine „kämpferische Religion“, weil es mit einem ständigen Kampf gegen das Wirken des Bösen in der eigenen Seele und der Welt verbunden sei. Im Christentum fände somit ein männlicher Impuls seinen Ausdruck. Die Seele des Mannes suche nach Herausforderungen, nach Wettbewerb und nach einem Sinn des Lebens, der größer sei als das bloße eigene materielle Wohlergehen. Männer würden sich unabhängig von ihrer Religion daher stets zu besonders fordernden Arten des Dienstes hingezogen fühlen:

„Männer brauchen Herausforderungen. Männer müssen ihren Wert prüfen und beweisen. Männer fühlen sich dann lebendig, wenn sie sich für eine Sache einsetzen können, die größer ist als ihr eigenes Wohlergeben. Dies ist der Grund dafür, warum junge Männer in den Dienst bei den Marines, den Rangern oder den SEALs eintreten. Sie tun dies nicht obwohl es fordernd ist, sondern eben weil es fordernd ist; weil es weh tut; weil sie die Besten sein wollen und sie sich einen Platz unter Brüdern verdienen wollen die ebenfalls die Besten sind.

Männer schlossen sich den frühen Kapuzinern und Jesuiten nicht an um vor der Welt zu fliehen, sondern um sie zu verändern; um die Welt zu konvertieren indem sie alles vom Mann forderten was er zu geben hat – seine ganze Energie, seine Liebe, sein Talent und seine Intelligenz – im Dienst an einem Auftrag, der größer und wichtiger ist als das Ego und jedes triebhafte Streben.

Dies ist der Grund dafür, warum das Rittertum […] die Herzen und die Vorstellung von Männern immer noch fesselt. Als Männer liegt es in unserer durch das Wort Gottes bestätigten Natur, drei Aufträge zu erfüllen: Zu versorgen, zu schützen und zu führen – nicht um unserer selbst willen, nicht für unsere leeren Eitelkeiten und Lüste, sondern im Dienst an anderen.“

Die Genderideologie, die den Menschen als fluides, nach materiellen Dingen und nach Befriedigung seiner Triebe strebendes Wesen betrachtete, wirke destruktiv, weil sie die Berufung des Mannes zu großen Taten leugne. Jeder Mann müsse sich entscheiden, ob er sich von solchen Ideologien in ein kleines Leben herabziehen lassen oder Jesus Christus nachfolgen und ein Leben im Dienst am Nächsten führen wolle.

Der westlichen Welt würden schwere Zeiten bevorstehen. Sie werde künftig in noch stärkerem Maße den Dienst christlicher Männer brauchen, die den Kampf um die Seele der Welt aufzunehmen bereit seien. Jeder Mann sei zu diesem Dienst berufen und dieser Dienst beginne damit, selbst zu einem Vorbild traditioneller christlicher männlicher Lebensführung zu werden und korrupte und vulgäre Elemente modernen Lebens aus dem eigenen Leben auszuscheiden. Dieser Dienst setze sich fort mit dem Dienst als Ehemann und Vater, der kommende Generationen präge. Darüber hinaus könne dieser Dienst bis zur vollständigen Hingabe ausgeweitet werden.

Die „neue Ritterschaft“, die der hl. Bernhard von Clairvaux im Templerorden verwirklicht sah, sei mit der Vernichtung des Templerordens nicht aus der Welt verschwunden. Das Christentum habe mit ihr ein zeitloses Ideal und eine Tradition geschaffen, zu deren Fortsetzung durch Verwirklichung im eigenen Leben jeder Mann berufen sei.

Hintergrund

Im Juli 2017 hatte Erzbischof Chaput vor dem drohenden demographischen Erlöschen Europas und einer möglichen islamischen Zukunft des Kontinents gewarnt. Zuvor hatte erklärt, dass es der Auftrag des Christentums in der gegenwärtigen Lage sein müsse, Zellen intakten Lebens in den sich ausweitenden Verfallsumfeldern zu bilden, die als Identitätskern einer späteren Erneuerungsbewegung wirken könnten.

In seinem Buch „Strangers in a Strange Land“ hatte er sich mit kulturellen Auflösungserscheinungen in westlichen Gesellschaften und christlichen Antworten darauf auseinandergesetzt. Christen müssten sich darauf einstellen, dem biblischen Bild entsprechend in diesen Gesellschaften „Fremde in einem fremden Land“ zu werden. Dies stelle für das Christentum jedoch keine neue Herausforderung dar. Wo Christen diese erfolgreich bewältigt hätten, sei ihnen dies nicht durch Rückzug gelungen, sondern durch die Transformation ihres Umfelds. (FG1)