Weltanschauliche Bekämpfung des politischen Islam: Eine militärische Perspektive

Leander Russ - Sturm der Türken auf die Löwelbastei (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Militärhistoriker Michael Anderson war als amerikanischer Offizier vor allem im Bereich Militärisches Nachrichtenwesen eingesetzt, unter anderem im für die globale Bekämpfung militanter Islamisten zuständigen „Special Operations Command“ (SOCOM). In einem aktuellen Beitrag analysiert er Defizite in der weltanschaulichen Auseinandersetzung westlicher Gesellschaften mit dem politischen Islam.

Westliche Gesellschaften seien im Kampf gegen den politischen Islam bzw. gegen islamistische Akteure zwar auf taktisch-operativer Ebene, nicht jedoch auf der entscheidenden strategischen Ebene erfolgreich. Dies habe die folgenden Ursachen:

  • Der Konflikt mit dem politischen Islam sei ähnlich wie der mit dem Kommunismus seinem Wesen nach eine „existenzielle weltanschauliche Auseinandersetzung“. Viele westliche Regierungen würden ihn jedoch nur verkürzt als rein taktisch-militärische oder polizeiliche Herausforderung wahrnehmen. Andere Regierungen würden aus Sorge vor weiterer Vertiefung ethnisch-religiöser Bruchlinien in den jeweiligen Gesellschaften die Herausforderung durch den politischen Islam verharmlosend darstellen und erforderliche Maßnahmen bei dessen Bekämpfung unterlassen.
  • Viele Muslime würden den Unwillen westlichen Gesellschaften, den gegen sie gerichteten Herausforderungen mit der angemessenen Entschlossenheit zu begegnen, als Zeichen von Schwäche wahrnehmen. Dies stärke das islamistische Narrativ und die Glaubwürdigkeit islamistischer Propaganda, die den Westen als schwach darstelle, und führe dazu, dass der politische Islam auch in westlichen Gesellschaften in immer größerem Umfang Anhänger mobilisieren könne.

Um sich im Konflikt mit dem politischen Islam durchzusetzen, müssten westliche Gesellschaften die Dimensionen dieses Konflikts richtig erkennen und die Auseinandersetzung mit entsprechenden Gegnern vor allem auch als „Krieg der Ideen“ auf weltanschaulicher Ebene führen.

  • Dazu sei vor allem eine mobilisierende Weltanschauung erforderlich, welche eine umfassendere und aggressivere Bekämpfung des politischen Islams legitimiere, die Bevölkerungen westlicher Staaten von der Richtigkeit dieses Kampfes überzeuge und zu dessen Unterstützung motiviere. Gleichzeitig müssten diese Weltanschauung und die mit ihr verbundenen Botschaften dazu geeignet sein, Islamisten zu demoralisieren und unentschlossenen Muslimen zu vermitteln, dass die Unterstützung des politischen Islams für sie nachteilig wäre und dessen Kampf gegen westliche Gesellschaften aussichtslos sei.
  • Westlichen Regierungen und Bevölkerungen müssten zudem erkennen, dass existenzielle Herausforderungen angemessene Maßnahmen zur Bekämpfung des Gegners erfordern würden. Man könne einen Krieg nicht gewinnen, wenn man dessen Realitäten und ihre Erfordernisse nicht zur Kenntnis nehmen wolle. Die weltanschauliche Bekämpfung des politischen Islams müsse daher im Rahmen einer umfassenden Strategie von einem erweiterten kinetischen und nicht-kinetischen Vorgehen gegen entsprechende Akteure auch über das terroristische Spektrum hinaus begleitet werden.

Eine umfassendere, integrierte Bekämpfung des politischen Islam erfordere nicht nur den Aufbau zusätzlicher behördlicher Kapazitäten, sondern auch die Einbindung der Zivilgesellschaft westlicher Staaten, um wirksam sein zu können.

Bewertung und Folgerungen

Der politische Islam ist einer der Hauptakteure, was weltweite Christenverfolgung angeht, und tritt auch in Europa zunehmend als Herausforderung für das Christentum in Erscheinung. Da kirchliche Akteure Maßnahmen zur Abwehr und Bewältigung dieser Herausforderungen nur in sehr begrenztem Maße selbst durchführen können, sind sie auf die Unterstützung von Staaten angewiesen. Dabei wurden zuletzt unterschiedliche Interessen der Kirche und Staaten wie den USA sichtbar, deren Vorgehen im Irak und in Syrien negative Auswirkungen auf die Lage der christlichen Bevölkerungen dort hatte.

Wie Anderson in seinem Beitrag andeutet, sind säkulare westliche Gesellschaften zu ihrer Selbstbehauptung gegen die Herausforderung durch den politischen Islam gleichzeitig auf christliche Beiträge angewiesen, so wie es auch bei der weltanschaulichen Bewältigung der Herausforderung durch den Kommunismus der Fall war.

Auch der damalige Bundespräsident Joachim Gauck hatte vor einiger Zeit einen Mangel an konfliktfähigen Narrativen im Identitätsverständnis säkularer westlicher Gesellschaften kritisiert:

„Wir Europäer haben bis heute keinen Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht, in der Europa einem Feind gegenübertreten, siegen oder verlieren, aber jedenfalls seine Identität bewahren konnte.“

Das Christentum könnte die von Anderson und Gauck eingeforderten kulturellen Ressourcen bzw. jene Selbstbehauptung und Durchsetzungsfähigkeit begünstigenden Narrative zur Verfügung stellen, die auf der christlichen Geschichte von 1400 Jahren der beinahe ununterbrochenen Konfrontation mit verschiedenen Formen des politischen Islams beruhen.

Damit der Bezug auf diese Narrative jedoch glaubwürdig ist und nicht nur eine Instrumentalisierung des Christentums für säkulare Zwecke darstellt, wäre es erforderlich, dass die sich darauf beziehenden Staaten und Gesellschaften auch dazu bereit sind, sich auch in anderen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens mit ihrem christlichen Erbe zu identifizieren.

Die christliche Auseinandersetzung mit dem politischen Islam kann sich darüber hinaus nicht darauf beschränken, dessen Angriffe abzuwehren, sondern muss dem Gebot der Feindesliebe folgend dessen Anhänger als Menschen behandeln, deren geistig-kulturelles Notlage es erforderlich macht, ihnen religiöse Alternativen zu der Religion aufzuzeigen, die für ihre Notlage verantwortlich ist. (FG1)