Patrick Deneen: Christliche Antworten auf die Krise westlicher Gesellschaften

Kreuzdarstellung in der Kirche Sant'Apollinare in Classe in Ravenna (gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Patrick Deneen lehrt an der katholischen University of Notre Dame in den USA. In einem aktuellen Beitrag bewertet er die sich abzeichnende Krise westlicher Gesellschaften als Krise des Liberalismus, der in eine Spätphase eingetreten sei. In diesem Zusammenhang seien künftig größere Verwerfungen zu erwarten, für die Christen Vorkehrungen treffen sollten, um unter den zu erwartenden Bedingungen die erforderliche Erneuerung westlicher Gesellschaften leisten zu können.

  • Ein Indikator für die Krise des Liberalismus sei, dass liberale und progressive Eliten sich zunehmend nicht mehr auf die Überzeugungskraft ihrer Ideologie stützen, sondern auf staatliche Zwangsmittel zurückgreifen würden, um ihre immer extremer werdenden gesellschaftspolitischen Vorstellungen durchzusetzen.
  • Solche Tendenzen seien in der Vergangenheit stets ein Kennzeichen dafür gewesen, dass eine Ideologie und die auf ihr beruhende Ordnung in eine Spätphase eingetreten sei.

Es sei noch offen, was an die Stelle der zerfallenden liberalen Ordnung treten werde. Es bestehe die Möglichkeit, dass die gegenwärtigen Auflösungsprozesse spätliberaler Gesellschaften von größeren, vor allem kulturellen Verwerfungen begleitet sein könnten.

Christen sollten daher Vorkehrungen treffen, um unter den Bedingungen der von Deneen erwarteten Krisen für die kulturelle und sonstige Erneuerung der davon betroffenen Gesellschaften bereit zu sein:

„In der Wildnis der liberalen Antikultur wird eine Hauptaufgabe darin bestehen, echte Kultur zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Dies ist natürlich eine Aufgabe für Familien, aber auch für größere Gemeinschaften, wo diese vorhanden sind oder ins Leben gerufen werden können. Das ist vor allem ein Auftrag für religiöse Gemeinschaften […] in bewusster Abgrenzung und auch im Widerspruch zur vorherrschenden Antikultur. Diese Arbeit muss auf Grundlage der Erkenntnis geleistet werden, dass es dabei nicht um eine Annäherung an die liberale Gesellschaft geht, sondern um die Entwicklung einer widerstandsfähiger Kultur, die das Scheitern dieser Gesellschaft überdauern können. Darauf beruhend – und nicht alleine auf einer Theorie – können wir dann echte Alternativen entwickeln, die inmitten der Trümmer der liberalen Ordnung wegen ihrer Lebensfähigkeit umso attraktiver sein werden.“

Hintergrund

Der von Deneen verwendete Begriff der „Antikultur“ geht auf den Soziologen Philip Rieff zurück, der damit das auf die Auflösung gewachsener Kultur und Tradition gerichteten Wirken moderner Ideologien beschrieben hatte.

  • In modernen Ideologien und Bewegungen, darunter auch den vorherrschenden Strömungen des Liberalismus, sei das Wirken eines kollektiven Todestriebes im Freudschen Sinne zu erkennen. Diese würden ihre Selbstauslöschung anstreben und sich in ihrem Wirken gegen die kulturellen Wurzeln der Gesellschaften richten, in denen sie aktiv sind.
  • Entsprechenden Bewegungen würden in ihrer Eigenwahrnehmung davon ausgehen, das gute Ziel der Schaffung eines neuen Menschen zu verfolgen. Dies sei jedoch stets mit destruktiven Akten wie dem revolutionären Bruch mit der vorhandenen Tradition und Kultur sowie der Zerstörung menschlicher Bindungen verbunden.
  • Antikultur beruhe auf Negation der gewachsenen Kultur und könne keine kulturelle Substanz erzeugen. Sie müsse zwangsläufig scheitern, wenn die Substanz der von ihr bekämpften Kultur verbraucht sei.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) sah offenbar in den kulturrevolutionären Tendenzen der späten 60er Jahre den endgültigen Durchbruch entsprechender Ideologien. 1970 beschrieb er die Aufgaben, die sich für Christen aus den deshalb bevorstehenden Verwerfungen ergeben würden, ähnlich wie Deneen:

„Aus der Krise von heute wird auch dieses Mal eine Kirche morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. […] Aber nach der Prüfung dieser Trennungen wird aus einer verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen. Denn die Menschen […] werden unsagbar einsam sein. Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, ihre volle, schreckliche Armut erfahren. Und sie werden dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken.“

Die entsprechenden Gedanken bilden die Grundlage unseres in Arbeit befindlichen Entwurfs für eine Strategie zur Sicherstellung der Kontinuität des Christentums in Westeuropa.

Der 2015 verstorbene amerikanische Kardinal Francis George erwartete in diesem Zusammenhang, dass die kommenden Generationen von Christen in westlichen Gesellschaften immer stärkerem Druck ausgesetzt bis hin zur aktiven Verfolgung ausgesetzt sein könnten. Die Kirche müsse darauf vorbereitet sein, auch in westlichen Gesellschaften Opfer zu bringen. Eine spätere Generation von Christen werde dann den Auftrag haben, die Trümmer zerstörter Gesellschaften aufzulesen und in ihnen die auf dem Christentum gründende Kultur wieder aufzubauen, wie es die Kirche in der Geschichte schon so oft getan habe. (FG4)