Katholischer Neo-Traditionalismus: Eine Antwort auf die Krise Europas

Carl Blechen - Stürmische See mit Leuchtturm (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Kirchenhistoriker Massimo Faggioli lehrt an der Villanova University in den USA. In einem aktuellen Beitrag beschreibt er den katholischen Neo-Traditionalismus, der gegenwärtig in westlichen Gesellschaften entstehe. Dieser stelle eine Antwort auf krisenhafte Entwicklungen in diesen Gesellschaften sowie das zunehmend sichtbar werdende Unvermögen liberaler und progressiver Strömungen in der Kirche dar, diesen wirksam zu begegnen.

Liberale und progressive Strömungen hätten sich in der Kirche soweit durchgesetzt, dass sie von der Öffentlichkeit als Repräsentanten des Wesenskerns des Katholizismus wahrgenommen würden. Diese Strömungen würden sich selbst zudem als „Torwächter“ wahrnehmen und versuchen, andere Strömungen als Randphänomene darzustellen, die von der Norm abwichen. In westlichen Gesellschaften bilde sich jedoch zunehmend eine von Faggioli als „neo-traditionalistisch“ bezeichnete Gegenbewegung heraus.

  • Neo-Traditionalisten würden die Verfallserscheinungen in der Kirche seit den 1960er Jahren mit Sorge betrachten und für eine post-liberale Theologie und Weltanschauung eintreten. Diese werde auch von konservativen Strömungen in der evangelischen Kirche geteilt, weshalb es hier eine Annäherung zwischen den Konfessionen gebe.
  • Diese Strömung würden von der Sorge darüber getragen, dass die derzeit noch dominanten, nach neo-traditionalistischer Wahrnehmung durch liberale Ideologie kompromittierten Ansätze fundamentale Schwächen im Umgang u.a. mit kulturellen Auflösungserscheinungen sowie islambezogenen Herausforderungen gezeigt hätten und zu deren Bewältigung zunehmend unfähig zu sein schienen.
  • Diese Strömungen würden sich zudem auf eine betont selbstbewusste Weise mit der europäischen Tradition des Christentums identifizieren, seien tendenziell globalisierungskritisch und würden die von ihnen als „globalistisch“ bezeichnete liberale Ideologie, auf der die Globalisierung beruhe, zurückweisen.
  • Theologisch würde diese Strömung sich vor allem auf den hl. Johannes Paul II. und auf Benedikt XIV. beziehen. Außerdem gebe es in ihr eine betont spirituelle Richtung, welche die Wiederentdeckung traditioneller Liturgie, Glaubenspraxis und Ästhetik zum Schwerpunkt habe.

Neo-Traditionalisten wollten die Kirche und das Christentum bewahren, seien aber nicht konservativ, weil diese Bewahrung aus ihrer Sicht umfassende Korrekturen des gegenwärtigen Kurses der Kirche erfordern würden.

Entsprechende Strömungen würden auch deshalb stärker werden, weil sie verstärkt jüngere Christen anzögen, während die Vertreter liberaler und progressiver Strömungen, die seit den 1960er in der Kirche aktiv gewesen seien, aufgrund von Überalterung zunehmend aus dem aktiven Leben ausscheiden würden, ohne ausreichend Nachwuchs hervorgebracht zu haben.

Hintergrund und Bewertung

Die Prognose Benedikts XVI., der bereits vor einigen Jahrzehnten „erhebliche Verwerfungen“ für das Christentum in Europa vorausgesehen hatte, erweist sich angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen in der westlichen Welt zunehmend als zutreffend.

Zwei Autoren, die Faggioli in seinem Aufsatz erwähnt, hatten in den vergangenen Monaten Strategieansätze für eine Erneuerung des Christentums in westlichen Gesellschaften sowie eine Erneuerung dieser Gesellschaften im Geist des Christentums vorgelegt:

  • Rod Dreher: The Benedict Option. Die kulturelle Auflösung westlicher Gesellschaften sei bereits zu weit fortgeschritten, so dass politische Ansätze kultureller Erneuerung aussichtslos geworden seien. Seine Strategie sieht die Bildung von Gemeinschaften vor, die zunächst christliches Leben unter den Bedingungen der von kultureller Auflösung geprägten Umfeldern westlicher Gesellschaften ermöglichen sollen. Der Autor stellt entsprechende Ansätze aus Europa und den USA vor und untersucht zudem Möglichkeiten, wie solche Gemeinschaften mit dem Ziel kultureller Erneuerung in ihrem Umfeld wirken können. Sein Ansatz erinnert an Strategien, die Christen in Osteuropa in den Jahrzehnten kommunistischer Diktatur verfolgten.
  • R. R. Reno: Resurrecting the Idea of a Christian Society. Der katholische Theologe hält kulturelle Verfallstendenzen, die er in Anknüpfung an Erkenntnisse v.a. des Soziologen Robert Putnam (auf dessen Arbeit sich auch der Historiker Rolf Peter Sieferle bezogen hatte) analysiert, für weniger stark als Dreher. Seine Analyse ähnelt dabei der des Sozialgeographen Christophe Guilluy. Reno geht davon aus, dass diese Tendenzen mittelfristig an sich selbst scheitern würden. Wie Benedikt XVI. geht er zudem davon aus, dass dem eine Phase kultureller Erneuerung folgen könnte, in der sich Gesellschaften unter dem Eindruck des Scheiterns moderner Ideologien wieder verstärkt den Impulsen der katholischen Soziallehre sowie dem Christentum zuwenden würden. Die Aufgabe der Christen der Gegenwart sei es, christliche Alternativen für den Fall bereitzuhalten, dass diese gebraucht würden.

Es gibt zahlreiche weitere Stimmen, die an der Entwicklung eines derzeit nur in der Fremdzuschreibung so bezeichneten neo-traditionalistischen Ansatzes mitwirken. In Deutschland hatte zuletzt unter anderem Gabriele Kuby ähnliche Ansätze vertreten. Der Schriftsteller Michel Houellebecq hatte sich über das Wirken entsprechender Strömungen in Frankreich positiv geäußert, deren Gedanken auch den Text der u.a. durch die Philosophen Robert Spaemann und Roger Scruton unterzeichneten „Pariser Erklärung“ wiederfinden.

Dem Historiker Christopher Dawson zufolge sei eine Abfolge von Krise und Erneuerung kennzeichnend für die abendländische Geschichte. Das Christentum sei aus jeder dieser Krisen gestärkt hervorgegangen, weil die Krisen vorwiegend die zur ihrer Bewältigung unfähigen Elemente in der Kirche zum Verschwinden gebracht hätten, während die kompetenteren und stärkeren Teile diese Krisen überstanden und sie bewältigt hätten.

Solche Krisen hätten stets Erneuerungsbewegungen hervorgebracht, die innerlich von den Verfallserscheinungen ihrer Zeit unabhängig geblieben seien und deshalb die Kraft gehabt hätten, „neue Organe geistiger Wiedergeburt auszubilden“. Die von Faggioli als neo-traditionalistisch bezeichneten Ansätze stellen einen Versuch dar, eine solche Erneuerungsbewegung zu bilden. (FG3)