Christliches Leben im post-christlichen Deutschland: Ein Erfahrungsbericht aus Berlin

Giuseppe Mancinelli - Gottesdienst in den Katakomben von Rom (gemeinfrei)

Eine katholische Mutter beschrieb kürzlich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Herausforderungen, die mit christlicher Lebensführung in Berlin verbunden seien. Sie betonte dabei, dass vor allem Kinder christlicher Familien in einem zunehmend von kulturellen und sozialen Auflösungserscheinungen geprägten Umfeld in immer stärkerem Maße Anpassungsdruck ausgesetzt seien.

  • Herausforderungen für christliches Leben würden vor allem in Form von Unverständnis auftreten, das von abfälligem Verhalten begleitet sei. Dieses gehe auch von Nominalchristen aus, die ihre Fortschrittlichkeit demonstrieren wollten, indem sie sichtbar christliche Lebensführung als „uncool“, „hinterwäldlerisch“ oder „weltfremd“ angriffen.
  • Staatlicherseits werde christliches Leben unter dem Verweis auf „weltanschauliche Neutralität“ zunehmend erschwert, etwa an Schulen. Die anderen Religionen gegenüber geforderte Toleranz werde dem Christentum teilweise verweigert.

Der zunehmende Anpassungsdruck erfordere von Christen vor allem innere Stärke:

„Wir sind ein christlich geprägtes Land. Ich bin so aufgewachsen, und ich möchte nicht, dass das eingeht. Ich möchte meinen Glauben und die damit verbundenen Traditionen ausleben und an meine Kinder weitergeben. Diese Haltung ist in Berlin sogar stärker geworden. Weil ich hier auf diese gefühlte Intoleranz gestoßen bin, sage ich: Jetzt erst recht. Man könnte fast von Radikalisierung sprechen. Bei mir entsteht ein Bedürfnis, sich das nicht wegnehmen und kaputtmachen zu lassen. […] Aber wie schwer wird das in Berlin? Wie stark muss ein Kind sein mit acht oder neun Jahren, um sich bei so viel Gegenwind durchzusetzen in der Schule?“

Bewertung und Folgerungen

Die Herausforderungen, denen christliches Leben in Europa gegenwärtig gegenübersteht, sind derzeit noch relativ gering, wenn man sie mit denen vergleicht, denen Christen in anderen Regionen der Welt ausgesetzt sind.

Dennoch ist das Christentum in westlichen Gesellschaften durch die von der Autorin beschriebenen Herausforderungen in besonderem Maße gefährdet, weil es hier in Folge von Jahrzehnten der Anpassung an kulturelle Auflösungstendenzen oft nicht mehr über die geistigen und kulturellen Ressourcen verfügt, die erforderlich wären, um den wachsenden sozialen Druck postchristlicher Umfelder zu bewältigen.

  • Progressive Strömungen in der Kirche reagieren darauf mit noch weitergehender Anpassung an die erwähnten Auflösungstendenzen. Da diese sich jedoch ebenfalls laufend weiterentwickeln, führt diese Anpassungsbewegung zur fortschreitenden Schwächung religiöser Bindungen und der Auflösung der verbliebenen Ressourcen. Bei vielen Anhängern dieser Strömungen führt dies zur schrittweisen Abwendung vom Christentum und zur Assimilation in nicht- oder postchristliche Umfelder.
  • Religionswissenschaftliche Studien zeigen, dass diese Assimilation meist im Jugendalter vollzogen wird, wenn Menschen in besonderem Maße für Einflüsse der Umgebung empfänglich sind und den Wunsch nach Bestätigung und Zugehörigkeit empfinden. Viele Kinder aus Elternhäusern, die von schwachen religiösen Bindungen geprägt sind, würden sich dann für die Assimilation entscheiden.

In Umfeldern, in denen Christen aktiver Verfolgung ausgesetzt sind, gibt es keine relevanten progressiven Tendenzen unter Christen, weil diese zu schwach wären, um dem Verfolgungsdruck standzuhalten. Auch in westlichen Gesellschaften werden progressive Tendenzen in der Kirche im Zuge der sich abzeichnenden erschwerten Bedingungen für Christen in den kommenden Jahrzehnten zunehmend schwächer werden:

  • Entsprechende Strömungen entfalten in der Regel nur wenig Anziehungskraft auf ihr nichtchristliches Umfeld und ziehen in der Regel Christen mit schwachen religiösen Bindungen an, für welche die Identifikation mit einer progressiven Strömung nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur vollständigen Abwendung vom Christentum ist.
  • Eine Weitergabe des Christentums an kommende Generationen erfolgt hier zudem in immer geringerem Maße, weil entsprechende Familien oft nur wenige Kinder haben, die darüber hinaus oft spätestens im Jugendalter nicht über die innere Stärke verfügen, um dem Assimilationsdruck ihres Umfelds zu begegnen.

Der rapide Schrumpfungsprozess, dem das Christentum derzeit in fast allen westlichen Gesellschaften unterliegt, ist eine Folge davon. Da dieser jedoch im Wesentlichen auf progressive Strömungen beschränkt ist, wird das Christentum in Europa mittelfristig theologisch und in Fragen der Lebensführung wieder deutlich konservativer werden.

Wie Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) bereits 1970 prognostiziert hatte, wird die Kirche in Europa voraussichtlich deutlich kleiner werden, aber im Zuge des Ausscheidens progressiver Strömungen auch an Kraft gewinnen und auf dieser Grundlage ihren Dienst an den Menschen Europas gestärkt fortsetzen können. (FG2)