Rolf Dobelli: Krisenerwartung als Voraussetzung wirklichkeitsgerechten Denkens

Michelangelo - Die delphische Sibylle (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Christliche Weltanschauung rechnet grundsätzlich mit der Möglichkeit krisenhafter Verläufe des Weltgeschehens. Sie unterscheidet sich dabei deutlich vom Fortschrittsoptimismus säkularer Weltanschauungen. In einem Beitrag in der „Neuen Zürcher Zeitung“ erklärt der Philosoph Rolf Dobelli, der vor allem durch sein Werk „Die Kunst des klaren Denkens“ bekannt geworden ist, warum solche Krisenerwartung eine Voraussetzung wirklichkeitsgerechten Denkens und guter Entscheidungen ist.

  • Nur wer Gefahren und Risiken im Voraus erkenne, könne diesen präventiv begegnen. Er sei dadurch in der Lage, sie zu vermeiden oder auf ein Minimum zu reduzieren.
  • In modernen Gesellschaften fände die erfolgreiche präventive Reduzierung von Risiken nur wenig Anerkennung und bleibe häufig unsichtbar. Zudem könne man mit erfolgreicher Prävention und Vermeidung sowie mit risiko- und krisenorientiertem Denken nicht angeben, weshalb dieses vielen Menschen als unattraktiv erscheine.
  • Außerdem werde solches Denken häufig als Ausdruck einer negativen Grundeinstellung abgelehnt.

Es sei jedoch ein Ausdruck von Weisheit und eine Voraussetzung wirklichkeitsgerechten Handelns, regelmäßig und intensiv über katastrophale Risiken nachzudenken, denen man in der Zukunft begegnen könnte.

Hintergrund und Bewertung

Die Klugheit ist die höchste der vier christlichen Kardinaltugenden. Dem katholischen Philosophen Josef Pieper zufolge sei sie die Tugend, die es durch ihren von nüchterner Härte geprägten Blick auf die Welt ermögliche, die Lage zu erkennen und ihr gemäße Entscheidungen zu treffen.

  • Pieper sah die Quelle des Realismus des christlichen Denkens darin, dass es auf ein „innerzeitlich katastrophistisches Ende der Geschichte gefasst“ sei. In diesem Punkt sei es wesentlich realistischer als der naive Fortschrittsglaube der Moderne, „den das Auftreten eines ganze Völker terrorisierenden Gewaltverbrechers (‚mitten im zwanzigsten Jahrhundert!‘) unvermeidlich in einen Abgrund von Fassungslosigkeit stürzen musste.“
  • Christen hätten zudem ein „wacheres Witterungsvermögen“ für krisenhafte Verlaufsmöglichkeiten des Geschehens sowie für den „endzeitlichen Geruch“ bestimmter geschichtlicher Erscheinungen. Christlicher Realismus erkenne darin „eine geheime Signatur, die der bloß positivistischen Bestandsaufnahme mit Notwendigkeit entgeht.“

Der katholische Theologe Romano Guardini sprach diesbezüglich von einem guten Pessimismus, ohne den nichts Großes entstehen könne: „Er ist die bittere Kraft, die das tapfere Herz und den schaffensfähigen Geist zum dauernden Werk befähigt.“

Ein ausgesprochener Mangel an Klugheit läge in diesem Sinne etwa dann vor, wenn bei politischen Entscheidungen im Rahmen einer „Wir schaffen das“-Mentalität Risiken vollständig ausgeblendet und ihre Ansprache ohne weitere Prüfung als Ausdruck irrationaler Ängste oder eines Mangels an Nächstenliebe abgetan wird. (FG1)