Herfried Münkler: Europa fehlt eine Kultur des Heldentums

Darstellung der neun Helden im Kölner Rathaus (Elke Wetzig/CC BY-SA 3.0)

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler lehrt an der Humboldt-Universität zu Berlin und gehört zu den wenigen in seinem Fach in Deutschland, die sich mit Fragen im Bereich Strategie und Sicherheit auseinandersetzen. In einem aktuellen Aufsatz in der „Neuen Zürcher Zeitung“ schreibt er über die Verwundbarkeit der postheroischen Gesellschaften Europas und kritisiert, dass diesen „Heldenerzählungen“ und ein Konzept des Heldentums fehlen würden.

In den Nationen Westeuropas habe sich nach den Erfahrungen der Weltkriege eine postheroische Kultur durchgesetzt. Diese lehne die Vorstellung, dass es Ideale gebe, die es wert seien, Opfer zu bringen, grundsätzlich ab. Man brauche jedoch weiterhin zum Dienst und zum Opfer bereite Menschen, weil auch postheroische Gesellschaften Feinde hätten:

„Das Phantasma des Heldischen als Bedeutsamkeitsversprechen aus der Bahn geratener junger Männer motiviert auch die Terroristen und Selbstmordattentäter, die unsere Gesellschaften immer wieder in Angst und Schrecken versetzen. Sie lassen die Frage aufkommen, ob das Land womöglich doch Helden nötig habe, um sich dieser Bedrohung zu erwehren. Postheroische Gesellschaften sind extrem verwundbar; einige wenige können in ihnen das Selbstbewusstsein von Millionen infrage stellen.“

Helden würden in den Kulturen Westeuropas jedoch nur als fiktive Gestalten in amerikanischen Filmen oder als ironisierte „Helden des Alltags“ akzeptiert werden.  Europa würde dadurch versuchen, sich vom Problem des Mangels an echtem Heldentum und Heldenerzählungen abzulenken. Dies sei jedoch Ausdruck von „kollektiver Schizophrenie.“

Bewertung und Folgerungen

Münkler zufolge sei Europas “mürrische Indifferenz” gegenüber islamischem Terrorismus ein Ausdruck von Stärke, der europäische Gesellschaften krisenfester mache, was er jedoch nicht näher begründet. Tatsächlich jedoch scheint auch die nach Anschlägen zu beobachtende allgemeine Passivität eher ein Ausdruck jener postheroischen Einstellung zu sein, die sich Herausforderungen nicht stellen will und zu ihrer wirksamen Bekämpfung nicht fähig ist.

Der damalige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hatte vor einiger Zeit zudem ähnlich wie Münkler einen Mangel an großen Erzählungen im europäischen Identitätsverständnis der Gegenwart kritisiert. In diesem Zusammenhang forderte er ein „Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht“:

„Wir Europäer haben bis heute keinen Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht, in der Europa einem Feind gegenübertreten, siegen oder verlieren, aber jedenfalls seine Identität bewahren konnte.“

Dabei übersehen sowohl Münkler als auch Gauck, dass das Christentum in Europa in den Jahrhunderten seines Wirkens ein Konzept des Heldentums sowie „Heldenerzählungen“ geschaffen hat, die Europa über lange Zeit getragen haben und auf die man jederzeit wieder zurückgreifen könnte:

  • Der katholische Theologe Romano Guardini beschrieb das Christentum als in seinem Kern heroische Religion bzw. als „die große Lehre von der Selbst-Hingabe und Selbst-Überwindung“. Der Kardinalpatron des Malteserordens, Kardinal Raymond Burke, hatte kürzlich diesen heroischen Charakter des Christentums unterstrichen und betont, dass Christen immer wieder im Dienst am Nächsten auch im Kampf gegen die Herausforderungen dieser Welt hervorgetreten seien.
  • Keine andere Religion betont die Themen Dienst und Opfer, also heroische Aspekte des Glaubens, auch nur annähernd so stark wie das Christentum. Der katholische Theologe Hans Urs von Balthasar bezeichnete diese Aspekte daher als die entscheidenden Glaubenskriterien des Christentums: „Was soll der Christ sein? Einer, der sein Leben einsetzt für seine Brüder, weil er selbst sein Leben dem Gekreuzigten verdankt.“ Postheroische Christen kann es nicht geben, weil diese aufhören würden, Christen zu sein.
  • Der katholische Philosoph Robert Spaemann hatte die „heiligen Erzählungen“ beschrieben, die das Christentum in Europa geschaffen habe. Dazu gehöre auch der „tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus“. Ansätze zur „Aneignung der großen heiligen Erzählung“ durch das Europa der Gegenwart bewertet Spaemann positiv. Dies „könnte Zeichen für eine Wende sein, in der die Christenheit ihre Identität zurückgewinnt“.

Da die postheroischen Gesellschaften Europas vor allem durch radikale Strömungen im Islam herausgefordert werden, würde sich eine Anknüpfung an die große christliche Tradition der Abwehr solcher Strömungen in besonderem Maße anbieten. Das Christentum kann hier durch die Bereitstellung kultureller Ressourcen erneut einen wichtigen Dienst an Europa leisten. Mit zunehmender Verbreitung säkularer postheroischer Tendenzen benötigen entsprechende Gesellschaften zudem in immer größerem Maße den Dienst von Christen, die zu Opfern im Dienst an den Menschen dieser Gesellschaften bereit sind. (FG1)