Neue strategische Ansätze für die Kontinuität des Christentums in Europa: Ein Überblick

Caspar David Friedrich - Mondaufgang am Meer (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Das amerikanische „Claremont Review of Books“ stellt in seiner aktuellen Ausgabe neue strategische Ansätze zur Sicherstellung der Kontinuität des Christentums in westlichen Gesellschaften vor.

Die Prognose Benedikts XVI., der bereits vor Jahrzehnten „erhebliche Verwerfungen“ für das Christentum in Europa vorausgesehen hatte, würde in der ganzen westlichen Welt zunehmend eintreten. Aus den damit verbundenen Krisen könne jedoch ein innerlich gestärktes Christentum hervorgehen, das „einer sterbenden Welt neues Leben bringt“, wie der Rezensent John Daniel Davidson schreibt.

Vier christlich-konservative amerikanische Autoren hatten dazu in den vergangenen Monaten Strategieansätze vorgelegt, die auch aus europäischer Perspektive relevant und auf hiesige Bedingungen übertragbar sind.

  • Rod Dreher: The Benedict Option. Die kulturelle Auflösung westlicher Gesellschaften sei bereits zu weit fortgeschritten, so dass politische Ansätze kultureller Erneuerung aussichtslos geworden seien. Seine Strategie sieht die Bildung von Gemeinschaften vor, die zunächst christliches Leben unter den Bedingungen der von kultureller Auflösung geprägten Umfeldern westlicher Gesellschaften ermöglichen sollen. Der Autor stellt entsprechende Ansätze aus Europa und den USA vor und untersucht zudem Möglichkeiten, wie solche Gemeinschaften mit dem Ziel kultureller Erneuerung in ihrem Umfeld wirken können. Sein Ansatz erinnert an Strategien, die Christen in Osteuropa in den Jahrzehnten kommunistischer Diktatur verfolgten.
  • Anthony Esolen: Out of the Ashes. Der katholische Kulturwissenschaftler analysiert in seinem Buch zunächst die geistig-kulturelle Lage mit Schwerpunkt auf den USA und ergründet die geistigen Ursachen kultureller Auflösungsprozesse. Diese Prozesse seien so dominant geworden, dass eine Erneuerung der von ihnen betroffenen Gesellschaften mittelfristig aussichtslos sei. Das Christentum könne in ihm gegenüber zunehmend feindseliger werdenden Umfeldern jedoch in Form von Isolaten fortbestehen, die an seiner Tradition und seinem Erbe festhielten.
  • R .R. Reno: Resurrecting the Idea of a Christian Society. Der katholische Theologe hält kulturelle Verfallstendenzen, die er in Anlehnung an Erkenntnisse der Soziologen Robert Putnam (an dessen Arbeit der Historiker Rolf Peter Sieferle angeknüpft hatte) und Charles Murray analysiert, für weniger mächtig als Esolen. Seine Darstellungen ähneln dabei denen des Sozialgeographen Christophe Guilluy. Reno geht davon aus, dass diese Tendenzen mittelfristig an sich selbst scheitern würden. Wie Benedikt XVI. geht er zudem davon aus, dass dem eine Phase kultureller Erneuerung folgen könnte, in der sich Gesellschaften unter dem Eindruck des Scheiterns moderner Ideologien wieder verstärkt den Impulsen der katholischen Soziallehre und vielleicht auch dem Christentum zuwenden würden. Die Aufgabe der Christen der Gegenwart sei es, christliche Alternativen für den Fall bereitzuhalten, dass sie gebraucht würden.
  • Charles Chaput: Strangers in a Strange Land. Der Erzbischof, der sich in der Vergangenheit auch zur Krise Europas geäußert hatte, setzt sich ebenfalls mit kulturellen Auflösungserscheinungen auseinander. Dies werde dazu führen, dass Christen, dem biblischen Bild entsprechend, in westlichen Gesellschaften „Fremde in einem fremden Land“ würden. Dies stelle für das Christentum jedoch keine neue Herausforderung dar. Wo Christen diese erfolgreich bewältigt hätten, sei ihnen dies nicht durch Rückzug gelungen, sondern durch die Transformation ihres Umfelds, wobei sie dessen gute Bestandteile integriert und mit christlichen Impulsen veredelt hätten.

Die vor dem Hintergrund der Lage in den USA schreibenden Autoren betrachten aggressive Säkularisierungstendenzen und den Verlust religiöser Bindungen als die größte Herausforderung für das Christentum. Dreher hat sich darüber hinaus auch wiederholt mit den islambezogenen Herausforderungen auseinandergesetzt, denen das Christentum in Europa stärker ausgesetzt ist als in den USA.

  • Die Autoren sind sich dabei jedoch einig, dass die Stärke dieser Herausforderungen nicht in ihnen selbst liege, sondern eine Folge der inneren Schwäche des Christentums sei, das sich innerlich modernen Ideologien angepasst und dabei seinen Wesenskern teilweise verloren habe. Die Bewältigung der erwähnten Herausforderungen setze daher in jedem Fall voraus, dass sich das Christentum von solcher Anpassung befreie.
  • Einig sind sich die Autoren auch darin, dass dem Christentum in westlichen Gesellschaften schwierige Zeiten bevorstehen würden. Dies sei aber nicht nur negativ zu bewerten, weil dadurch die inneren Reinigungsprozesse, die das Christentum benötige um wieder wirken zu können, erzwungen würden.

Hintergrund: Katholische Theologen und Historiker über Krisen und ihre Bewältigung

Dem Historiker Christopher Dawson zufolge sei eine Abfolge von Krise und Erneuerung kennzeichnend für die abendländische Geschichte. Das Christentum sei aus jeder dieser Krisen gestärkt hervorgegangen, weil die Krisen vorwiegend die schwachen Elemente in der Kirche zerstört hätten, während das, was stark in ihr war, überlebt habe.

Über die Zeit der heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Wikingerinvasionen, die das Christentum in Europa im 9. Jahrhundert an den Rand der Vernichtung gebracht hatten, schrieb Dawson:

„Der Krieg unterwarf die im Aufbau begriffene Ordnung des abendländischen Christentums einer furchtbaren Probe. Alles Schwache und Überflüssige wurde ausgemerzt, und nur die härtesten und widerstandsfähigsten Elemente, die sich als gegen Unsicherheit und Gewalt gewappnet erwiesen hatten, blieben übrig.“

Krisen hätten stets Erneuerungsbewegungen hervorgebracht, die innerlich von den Verfallserscheinungen ihrer Zeit unabhängig geblieben seien und deshalb die Kraft gehabt hätten, „neue Organe geistiger Wiedergeburt auszubilden“. So hätten etwa die erwähnten Wikingerinvasionen dazu geführt, dass das Christentum ein eigenes Kriegerethos entwickelt habe.

Der Theologe Romano Guardini, der in seinem Werk „Das Ende der Neuzeit“ bereits in den 1950er Jahren auf die bevorstehenden Verwerfungen einging, sprach zudem davon, dass diese eine „furchtbare, aber heilende Klarheit“ schaffen würden, wenn die „radikale Unchristlichkeit“ in ihnen ihre Wirkung ganz entfalte.

Erst wenn die Folgen des Wirkens entsprechender Ideologien nicht mehr durch noch verbliebene christliche kulturelle Substanz abgemildert würden, werde das Wesen dieser Ideologien für alle Menschen erkennbar werden, was eine Umkehr ermögliche. (FG3)