Jonathan Sacks: „Kultureller Klimawandel“ und Antworten auf die Krise westlicher Gesellschaften

Francesco Hayez - Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Philosoph und jüdisch-orthodoxe Rabbiner Jonathan Sacks lehrt unter anderem am King’s College in London und ist Träger des Templeton-Preises, der als Äquivalent des Nobelpreises auf dem Gebiet der Religion gilt. In einem vor einigen Wochen erschienenen Aufsatz analysierte er kulturrevolutionäre Entwicklungen in westlichen Gesellschaften sowie deren absehbares Scheitern und beschrieb mögliche Antworten darauf.

  • In Europa und der gesamten westlichen Welt sei eine Kulturrevolution im Gange, die er als „kulturellen Klimawandel“ bezeichnet. Diese Entwicklung werde nicht nur gravierende Auswirkungen auf die Religionen haben, aus denen die westliche Welt ursprünglich hervorgegangen sei, sondern auch zu größeren Verwerfungen und Krisen führen.
  • Die Narrative der säkularen Moderne, die sich seit dem 17. Jahrhundert durchgesetzt hätten, seien gegenwärtig im Scheitern begriffen. Die immer weitere Bereiche westlicher Gesellschaften erfassenden Säkularisierungsprozesse sowie die globale Durchsetzung der westlichen Moderne seien an ihr Ende gelangt. Die früher für selbstverständlich gehaltene Annahme, dass die Zukunft der Welt oder auch nur Europas westlich geprägt sein werde, gelte nicht mehr.

Ursachen und Folgen der säkularen Kulturrevolution

Es sei der Moderne nicht gelungen, die vor allem durch das Christentum geschaffene kulturelle Substanz auf einem nicht-religiösen, vorgeblich rational begründeten Fundament aufrechtzuerhalten und fortzusetzen. Es zeige sich zunehmend, dass die in England im 17. Jahrhundert und in den USA im 18. Jahrhundert entstandene liberale Ordnung kulturell auf einer jüdisch-christlichen Grundlage beruhe, bei deren Verlust sie zusammenbreche.

Der im Zuge von Säkularisierungsprozessen eingetretene Verlust religiöser Bindungen setze Prozesse in Gang, die destruktive Wirkungen für die betroffenen Gesellschaften hätten:

  • Säkulare Gesellschaften würden auf „spektakuläre“ Weise an der Aufgabe scheitern, ihre demographischen Grundlagen aufrechtzuerhalten. Ursache dafür sei, dass im modernen Denken die Opfer und der Verzicht, die mit Kindern verbunden seien, als irrational erscheinen würden. Zudem würden religiös begründete, das Gemeinwesen tragende Institutionen wie Ehe und Familie in säkularen Gesellschaften zunehmend delegitimiert oder entlang hedonistischer Vorstellungen umdefiniert.
  • Säkulare Gesellschaften könnten ohne den Beitrag einer sie stützenden Religion zudem nicht ausreichend starke Bindungen, eine gemeinsame Identität sowie Altruismus bzw. Bereitschaft zum Dienst am Gemeinwesen und zur Unterordnung privater Interessen unter das Gemeinwohl erzeugen. Sacks knüpft hier u.a. an Analysen der Soziologen Robert Putnam und Charles Murray über das schwindende Sozialkapital säkularer Gesellschaften an.
  • Belastbare Gesellschaften würden auf dem Gedanken des Bundes beruhen, der das Gemeinwohl sowie Pflicht und Verantwortung gegenüber diesem betone. Moderne Gesellschaften hingegen würden im Rahmen des Konzepts des Gesellschaftsvertrags individuelle Ansprüche gegenüber dem Gemeinwesen betonen und Bindung an dieses davon abhängig machen, ob dies mit einem Vorteil verbunden sei. In dieser Vorstellung erscheine die Vorstellung des  Dienstes an anderen als irrational. In solchen Gesellschaften müsse der Staat immer mehr Aufgaben übernehmen, die früher von Familien und freiwilligen Zusammenschlüssen der Bürger geleistet worden seien. Auch hier würden moderne Gesellschaften ihre eigenen Grundlagen zunehmend zerstören.

Eine belastbare Gesellschaft entstehe auf der Grundlage geteilter, religiös fundierter Kultur. Mit der Auflösung dieser Grundlage würde auch der Bestand einer Gesellschaft in Frage gestellt. In modernen Gesellschaften wiederhole sich gegenwärtig ein Muster, das seit der Antike zu beobachten sei. Wohlstand erzeuge in gesellschaftlichen Eliten Individualismus und Hedonismus, die wiederum die Abwendung von der Religion nach sich zögen, was die oben beschriebenen Prozesse auslöse und zum Zerfall von Gesellschaften führen. Im damit verbundenen Chaos seien in der Vergangenheit stets neue religiöse Akteure hervortreten und hätten neue Kulturen und Gesellschaften begründet.

Antworten auf die Krise westlicher Gesellschaften

Die geeignete Antwort auf die Krise der Moderne seien weder revolutionäre, auf Machtgewinn zielende Bestrebungen im Sinne von Tradition und Religion, noch der Rückzug in Parallelgesellschaften. Laut Sacks habe der katholische Philosoph Alasdair MacIntyre in seinem Werk „Der Verlust der Tugend“ eine bessere Antwort entworfen, die auf dem Gedanken der religiösen Erneuerung und des Wirkens kreativer Minderheiten beruhe:

„Es ist immer gefährlich, zu enge Parallelen zwischen einer historischen Periode und einer anderen zu ziehen; und zu den irreführendsten dieser Parallelen gehören jene, die zwischen unserer eigenen Zeit in Europa und Nordamerika und der Epoche vom Niedergang des Römischen Reichs bis ins frühe Mittelalter gezogen worden sind. Dennoch gibt es gewisse Parallelen. […] Was in diesem Stadium zählt, ist die Schaffung lokaler Formen von Gemeinschaft, in denen die Zivilisation und das intellektuelle und moralische Leben über das neue finstere Zeitalter hinaus aufrechterhalten werden können, das bereits über uns gekommen ist. Und da die Tradition der Tugenden die Schrecken der letzten Finsternis überstanden hat, sind wir nicht ganz ohne Grund zur Hoffnung. Diesmal warten die Barbaren allerdings nicht jenseits der Grenzen; sie beherrschen uns schon seit einiger ganzen Weile. Und gerade das mangelnde Bewußtsein dessen macht einen Teil unserer mißlichen Lage aus. Wir warten nicht auf einen Godot, sondern auf einen anderen, zweifelohne völlig anderen Benedikt.“

Gestützt auf noch zu schaffende religiöse Erneuerungsbewegungen könne es vielleicht gelingen, das zerstörte Gewebe moderner Gesellschaften wieder zu reparieren und ein neues dunkles Zeitalter abzuwenden. (FG3)