Alexander Grau: Hypermoral und Humanitarismus als säkulare Ersatzreligion

Pieter Bruegel - Der Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Philosoph Alexander Grau hat heute in einem ausführlichen Gespräch mit dem Deutschlandfunk die wichtigsten Thesen und Argumente seines neuen Buches “Hypermoral – Die neue Lust an der Empörung” vorgestellt. Hypermoral und Humanitarismus seien Teil einer säkularen Ersatzreligion, die totalitäre Ansätze zeige, zunehmend auch in die Kirche eindringe und dort christliche Theologie und Weltanschauung verdränge.

  • Grau bezieht sich dabei auf Gedanken des Sozialphilosophen Arnold Gehlen, der die Phänomene Hypermoral und Humanitarismus in den 1960er Jahren vor dem Hintergrund des Wirkens der neomarxistischen Frankfurter Schule und der 68er-Bewegung beschrieben hatte. Es sei diesen Akteuren ursprünglich darum gegangen, ihre konservativen Gegner durch gezielte Entsachlichung und Emotionalisierung von Debatten moralisch zu delegitimieren und dadurch aus diesen Debatten auszuschließen.
  • Darüber hinaus sei die Moral zur „letzten Religion“ moderner Gesellschaften geworden. Durch den Abriss der religiösen Tradition sei ein geistiges Vakuum entstanden, indem die früher aus dem Glauben heraus entstandenen Ordnungsimpulse durch zunehmend willkürlich definierte moralische Regelsysteme ersetzt würden.
  • Vor allem im Protestantismus, aber auch in der katholischen Kirche in Europa mangele es im Zuge der allgemeinen Säkularisierung westlicher Gesellschaften an echten religiösen und spirituellen Impulsen. Die entstandene Leere werde auch hier durch die Übernahme humanitaristischer Ideologie ausgefüllt.

Die davon betroffenen Teile der Kirche würden in immer stärkerem Ausmaß als verlängerter Arm dieser Ideologien agieren. Dadurch würde sich die Kirche schrittweise von ihren Wurzeln entfremden und zu einer „Politkirche“ werden.

Hintergrund

Die Schriftstellerin Sophie Dannenberg hatte in einer Analyse geistiger Auflösungserscheinungen in der Kirche in Deutschland ähnlich argumentiert wie Grau und darauf verwiesen, dass hier„neue Götter“ an die Stelle des ewigen Gottes treten würden, etwa ein „Gender-Gott“ und ein „Antirassismus-Gott“ als höchste geistige Bezugspunkte. Geistliche Fragen und alles, was die Seele des Menschen betreffe, werde kaum noch thematisiert, auch weil es nicht verstanden werde und als fremd erscheine.

Der Soziologe Wolfgang Streeck hatte in diesem Zusammenhang das Phänomen der „Willkommenskultur“ als Ausdruck ersatzreligiöser Tendenzen bewertet. Inhalt dieser Form von Ersatz- bzw. Zivilreligion sei die Hoffnung auf Erlösung von der als schuldhaft betrachteten eigenen Existenz durch das Fremde.

Im englischen Sprachraum findet seit längerem eine Auseinandersetzung mit entsprechenden geistigen und kulturellen Auflösungstendenzen unter den Stichworten „Virtue Signalling“ und „Social Justice Warriors“ statt. (FG2)