Christophe Guilluy: Migration, kulturelle Verunsicherung und gesellschaftliche Konflikte in Europa

Louis Janmot - Der Weg ins Unheil (gemeinfrei)

Der französische Sozialgeograph Christophe Guilluy ist vor allem durch seinen Ansatz zur Erklärung der allgemeinen Krisentendenzen in westlichen Gesellschaften bekannt geworden. In einem Gespräch mit der Tageszeitung „Die Welt“ hat er seine Thesen jetzt präzisiert. Er sagt Deutschland und anderen europäischen Gesellschaften dabei langfristig weiter zunehmende gesellschaftliche Polarisierung und Konflikte in Folge von Migration und Globalisierung voraus.

Die Globalisierung würde eine „gigantische kulturelle Umwälzung“ in westlichen Gesellschaften“ erzeugen und die Mittelschichten dieser Gesellschaften zunehmend dem Risiko sozialen Abstiegs aussetzen sowie mit negativen Begleiterscheinungen von Migration konfrontieren.

Laut Guilluy führe dabei vor die durch Migration erzeugte „kulturelle Verunsicherung“ zur zunehmenden Abwendung der Mittelschichten von konventionellen Parteien und der bestehenden politischen Ordnung:

„Kulturelle Verunsicherung entsteht, wenn die Menschen das Gefühl haben, eine unsichtbare Grenze nicht mehr aufrechterhalten zu können und die Kontrolle über ihr Umfeld verlieren. Wenn ich in einem Pariser Migrantenviertel wie Belleville eine Wohnung für 600.000 Euro kaufe, dann weiß ich, wer meine Nachbarn sind. Ich kann es also cool finden, in einem Multikultiviertel zu wohnen, weiß aber, dass in meinem Wohnhaus nur Gleichgesinnte leben. Alles ist unter Kontrolle. Als Arbeiter oder Arbeitsloser verliert man die Kontrolle über die unsichtbare Grenze. Man kann nicht beeinflussen, wer sein Nachbar sein wird. Auch in Frankreich gibt es in bestimmten ländlichen Gegenden keinen einzigen Einwanderer, aber starke Wahlerfolge des FN, weil die Leute wissen: Wenn morgen Einwanderer kommen, können sie nicht weggehen. Diese soziale Fragilität überdeckt eine kulturelle Fragilität. Die Leute fürchten, zur Minderheit zu werden.“

Die vorwiegend linksliberal eingestellten Globalisierungsgewinner und konventionelle Parteien würden darauf vorwiegend mit Realitätsverweigerung reagieren und versuchen, solche Abwendungsprozesse mit psychischen oder charakterlichen Defiziten der Globalisierungsverlierer zu erklären. Die tatsächlichen Ursachen blieben dabei unerkannt und seien auch nicht Gegenstand politischen Handelns, was Ohnmachtsgefühle bei Globalisierungsverlierern und die damit verbundene Abwendung weiter verstärke.

Insbesondere die Entscheidung der Regierung Merkel zur Öffnung der Grenzen Deutschlands für irreguläre Migranten 2015 habe die gesellschaftliche Polarisierung in Deutschland und die Abwendung vieler Menschen von der bestehenden politischen Landschaft gefördert.

„Merkel hat etwas gemacht, was hochgradig brutal war. Es war, als hätte sie gesagt „Ihr werdet das schon schaffen. Es hängt von euch ab.“ Das ist eine bourgeoise Gewalt von oben. […] Auf dem Papier sieht es sehr schön aus, was sie gemacht hat: Deutschland hat endlich den Nationalsozialismus hinter sich gelassen. Aber das ist reine Theorie von Intellektuellen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die populistischen Parteien wie die AfD oder der FN werden von den 30-, 40-Jährigen gewählt […]. Denen geht es nur um ihre Lebenswirklichkeit. Die fragen sich nur: Wie geht es mir und meinen Kindern? Hat Frau Merkel nicht gesehen, dass die kulturelle und wirtschaftliche Basis dieser Kategorien düster ist? Die westliche Mittelschicht ist verurteilt. Die Globalisierung bedeutet für sie, dass die Welt ohne sie, ohne Arbeiter, ohne Angestellte funktioniert. Gleichzeitig verlangt man von genau diesen Personen, dass sie den Multikulti-Traum der „United Colors of Benetton“ träumen. Das ist ungeheuer hart und von großer Arroganz. […] Damit eine Gesellschaft als Gemeinschaft funktioniert, müssen die Eliten das Interesse der unteren Schichten vertreten.“

Laut Guilluy würden die Folgen von Globalisierung, Migration und islambezogenen Herausforderungen sowie die damit verbundenen Konflikte und sonstigen gesellschaftlichen Entwicklungen Europa langfristig prägen. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer bevorstehenden „historischen Zäsur“ und einer „politischen Neukomposition“ europäischer Gesellschaften.

Hintergrund

Mitarbeiter von Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt, Bundesnachrichtendienst und Bundespolizei hatten nach der Entscheidung der Bundesregierung zur Öffnung der Grenzen 2015 in einem informellen Diskussionspapier eine ähnliche Warnung ausgesprochen wir Guilluy.

„Der hohe Zuzug von Menschen aus anderen Weltteilen wird zur Instabilität unseres Landes führen“, warnt demnach ein mit Sicherheitsfragen vertrauter Spitzenbeamter. „Wir produzieren durch diese Zuwanderung Extremisten, die bürgerliche Mitte radikalisiert sich, weil sie diese Zuwanderung mehrheitlich nicht will und ihr dies von der politischen Elite aufgezwungen wird“, befürchtet er weiter. Seine Prognose ist düster: „Wir werden eine Abkehr vieler Menschen von diesem Verfassungsstaat erleben.“

Globalisierungsgetriebene Krisentendenzen und ihre Auswirkungen auf Europa in Form eines steigenden Risikos ethnischer, sozialer und kultureller Konflikte hatten zuletzt unter anderem auch der Soziologe Wolfgang Streeck, der Soziologe Thomas A. Becker, der Historiker David Engels, der Historiker Caspar Hirschi, der Historiker Michael Lind, der Politikwissenschaftler Fareed Zakaria und der Publizist Pankraj Mishra beschrieben. (FG2)