Metropolit Hilarion: Der kulturelle Selbstmord Europas

Alfons Mucha - Die Einführung der slawischen Liturgie (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Hilarion Alfejew ist russisch-orthodoxer Metropolit und Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats. In einem in London gehaltenen Vortrag äußerte er sich vor einigen Tagen zur Krise des Christentums in Westeuropa und sprach in diesem Zusammenhang von einem kulturellen „Selbstmord“ Europas.

Das Christentum in Westeuropa stehe existenziellen Herausforderungen gegenüber, die ihre Ursache in der Abwendung seiner Eliten von der Europa begründenden Religion und der dadurch verursachten Trennung der Region von ihren geistig-kulturellen Wurzeln hätten:

  • Die gegenwärtige Lage des Christentums in Westeuropa erinnere ihn an die Situation des vorrevolutionären Russlands, wo sich große Teile des Adels und der Intellektuellen und ihnen folgend große Teile des Volkes vom Christentum abgewandt hätten.
  • Unter der geistigen Führung der katholischen Kirche und der politischen Führung von christlich-konservativen Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer, Robert Schuman und Alcide de Gasperi sei es nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge von geistig-kulturellen Anstrengungen zur Abwehr der Bedrohung durch den Kommunismus vorübergehend gelungen, die christliche Identität Westeuropas zu stärken.
  • Später hätten sich westeuropäische Eliten jedoch weitestgehend von diesem Erbe abwendet, und die von ihnen propagierte laizistische Politik würde das Christentum zunehmend aus dem öffentlichen Leben verdrängen.

Die Krise des Christentums ziehe nicht nur demographische und sozioökonomische Krisen nach sich, sondern führe vor allem zum kulturellen Selbstmord Europas. Vor diesem Hintergrund habe Migration nach Europa problematische Auswirkungen, was die Kontinuität des Christentums in Europa angehe:

„Andere Völker werden künftig in Europa leben, mit anderen Religionen, anderen Kulturen und anderen Wertevorstellungen.“

Metropolit Hilarion rief vor diesem Hintergrund zu einem vereinten Vorgehen von Christen zum Erhalt des christlichen Erbes in Europa auf.

Hintergrund

Hilarion unterstützt in außen- und sicherheitspolitischen Fragen die Position der russischen Regierung. Er gilt als potenzieller Kandidat für höchste Ämter in der russisch-orthodoxen Kirche und tritt für eine strategische Allianz zwischen der katholischen Kirche und der Orthodoxie ein.

Dem Protestantismus in Europa steht er hingegen kritisch gegenüber. Dieser habe sich zu einer „light Version des Christentums“ entwickelt, die sich im Zuge ihrer Versuche, die christliche Lehre moderner und „politisch korrekter“ zu gestalten, auf dem „Weg zum geistlichen Tod“ befände.

„Ein […] Salz, das die Kraft des eigenen Geschmacks verloren hat, werden in dieser unserer Zeit einige protestantische Gemeinschaften, die sich christlich nennen, aber moralische Ideale predigen, die mit dem Christentum unvereinbar sind. Wenn eine Gemeinschaft von dieser Art, den Ritus der Segnung homosexueller Verbindungen einführt, und eine lesbische Frau, die sich selbst als „Bischof“ bezeichnet, dazu auffordert, aus den Hafenkirchen die Kreuze zu entfernen und sie durch islamische Halbmonde zu ersetzen, kann eine solche Gemeinschaft als „Kirche“ bezeichnet werden? Vor unseren Augen wird das Christentum verraten von jenen, die bereit sind, das Spiel der säkularisierten, entklerikalisierten und gottlosen Gesellschaft zu spielen.“

Vor Kurzem war eine Sammlung mit Aufsätzen Hilarions unter dem Titel „Die Zukunft der Tradition: Gesellschaft, Familie, Christentum“ im Landt-Verlag erschienen. (FG3)