Voraussetzungen kultureller Kontinuität – Jüdische Erfahrungen (Teil 3): Pflege von Identität und Tradition

Karl Friedrich Lessing - Die tausendjährige Eiche (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Historiker Shalom Salomon Wald hat für das „Jewish People Police Institute“ (JPPI) der „Jewish Agency for Israel“ unter dem Titel „Rise and Decline of Civilizations – Lessons for the Jewish People“ eine Studie über die Voraussetzungen langfristiger kultureller Kontinuität erstellt. Einige seiner Erkenntnisse sind auch in Zusammenhang mit der Betrachtung strategischer Herausforderungen für das Christentum in Europa relevant. Der aktuelle Teil unserer Serie über die Gedanken Walds stellt seine Überlegungen zur Bedeutung der Pflege von Identität und Tradition vor. Die früheren Teile der Serie behandelten die Themen Qualität der Eliten und Demographie.

Im Judentum ist allgemein das Bewusstsein dafür, dass die langfristige Kontinuität von Kulturen eine seltene historische Ausnahme darstellt, stärker ausgeprägt als im Christentum. Zudem ist im Judentum ein stärkeres Bewusstsein dafür vorhanden, dass mit dem Ende der eigenen Kultur auch das unter großen Opfern erbrachte Werk vieler Generationen dauerhaft zerstört wäre, weshalb im Judentum allgemein sorgsamer mit dem eigenen Erbe umgegangen wird. Dies äußert sich auch darin, dass die strategische Auseinandersetzung mit Herausforderungen für den Fortbestand der eigenen Kultur im jüdischen Kontext intensiver und meist kompetenter stattfindet als etwa im christlichen und postchristlichen Europa. Ebenso ist das Bewusstsein für die Bedeutung der Religion als Identitätskern einer Kultur hier besonders ausgeprägt.

Unter den von Wald identifizierten Faktoren, die für die Kontinuität einer Kultur ausschlaggebend seien, sei die Pflege von Identität und Tradition der wichtigste. Durch die Globalisierung würden jedoch Identität und Tradition vieler Kulturen herausgefordert. Dies beträfe auch das Judentum. Da jede Hochkultur einen religiösen Kern habe und die Bindung jüdischer Kultur an ihren religiösen Kern besonders ausgeprägt sei, verfüge das Judentum jedoch über vergleichsweise günstige Voraussetzungen für kulturellen Erfolg auch unter den Bedingungen der Moderne. Dennoch stelle es auch für das Judentum eine Herausforderung dar, den Erhalt und die Pflege des religiösen Identitätskerns mit den Anforderungen des Lebens in modernen Gesellschaften zu vereinbaren.

Was das Judentum als Kultur angehe, würden dessen religiöse Besonderheiten auf die folgende Weise zu dessen Kontinuität beitragen:

  • Die spezifisch jüdische Verbindung aus religiöser Praxis, geteilter Geschichte und Betonung von historischer Erinnerung sowie Glaube schaffe starke Bindungen und errichte zudem Grenzen, die der Assimilation von Juden in andere Kulturen entgegenwirkten. Je ausgeprägter diese Grenzen seien, desto höher seien die Hürden für eine Anpassung an eine umgebende fremde Kultur und somit für eine Auflösung der eigenen Kultur. Dies beträfe auch säkulare Kultur moderner Gesellschaften. Druck von außen könne solche Bindungen noch weiter stärken.
  • Das Judentum habe zudem starke Bindungen durch seine Funktion als Solidargemeinschaft geschaffen, die insbesondere in schwierigen Zeiten zuverlässig funktioniere und der Auflösung von Bindungen entgegenwirke.
  • Weiterhin sei es im Vergleich zu anderen Religionen eine Stärke des Judentums gerade unter den Bedingungen der Moderne, dass es Zugehörigkeit stark über kulturelle Praxis definiere und weniger stark über Glauben. Bindungen an das Judentum könnten so auch dann aufrechterhalten werden, wenn eine Person nicht oder nur schwach gläubig sei. So könne man sich auch aus der rationalen Einsicht heraus, dass die eigene Zukunft davon abhänge, zum Judentum bekennen. Wald betont dabei, dass Eliten im Judentum häufig über eine starke Glaubensbindung verfügen würden und nicht nur aus rationalen Erwägungen daran festhielten.
  • Das Judentum stärke zudem Bindungen durch die Vermittlung eines besonderen Sendungsbewusstseins bzw. eines historischen Auftrags. Dies gebe der eigenen Kultur einen Sinn, der über ihren bloßen biologischen Fortbestand hinausreiche. Eine Stärke des Judentums sei zudem seine ausgeprägte Betonung von historischer Erinnerung. Die in der Gegenwart ggf. geforderten Opfer fielen leichter, wenn man sich der Tatsache bewusst sei, dass man Teil einer Kette von Generationen sei, die häufig noch größere Opfer gebracht und größere Herausforderungen zu bewältigen gehabt hätten.

Progressive religiöse Strömungen, die eigene Besonderheiten weniger stark betonen, seien als Träger kultureller Kontinuität Wald zufolge ungeeignet, da sie sich langfristig an ihre Umfelder anpassen und dadurch auflösen würden. (FG3)