Douglas Murray: Europa braucht geistige Führung durch ein starkes Christentum

Das christliche Europa - Detail des Genter Altars (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der britische Publizist Douglas Murray war unter anderem Gründer des mittlerweile in der Henry Jackson Society aufgegangenen Centre for Social Cohesion und ist zuletzt mit einem Buch über den „Selbstmord Europas“ in Erscheinung getreten. In einem Gespräch mit der Basler Zeitung betont der Autor, der sich selbst als „kultureller Christ“ und „christlicher Atheist“ versteht, dass Europa nur mit geistiger Führung durch ein starkes Christentum eine Zukunft haben könne.

Die vorherrschenden säkular-utopischen Ideologien würden die Krise Europas laufend weiter verschärfen, während die meisten sonstigen gesellschaftlichen Akteure und insbesondere die politischen Führungen Europas sich entweder daran beteiligen oder der Ansprache der damit verbundenen Herausforderungen ausweichen und diese ausblenden würden. Es sei ein Führungsvakuum entstanden, wobei die fehlende geistig-moralische Führung nur von einem starken Christentum ausgehen könne und nicht von jenen, die für die sich entwickelnden Krisen verantwortlich seien.

„Zumindest haben wir es mit einem Vakuum zu tun: Wem hören Sie zu, wenn es um moralische Fragen geht? Solche Stimmen fehlen heute in Europa. Die Kirche hat vor Langem aufgehört, irgendeinen Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu nehmen. […] Uns fehlt in der Tat eine Kirche, die auf der Wahrheit ihrer eigenen Behauptungen beharrt. […] Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder werden anglikanische Vikare mehr wie Imame oder Imame mehr wie anglikanische Vikare. Aber ich sehe nicht, wie das Christentum bestehen soll, wenn der Islam die einzige geschützte Religion ist und die einzige, die ihre Prinzipien verteidigt, während alle anderen eine Art Greenpeace mit Gebeten werden.“

Bewertung und Folgerungen

Wie das Beispiel Murrays zeigt, ist christlicher Glaube nicht erforderlich, um die Bedeutung des Christentums als geistig-kultureller Wurzel Europas zu erkennen und zu verstehen, dass Europa nur aus dieser Wurzel heraus eine Zukunft haben kann.

  • Eine Aufgabe von Christen ist es in diesem Zusammenhang, den noch kirchenfernen oder nicht gläubigen Europäern diese Bedeutung zu vermitteln. In diesem Zusammenhang gilt es auch dem Glaubwürdigkeitsverlust entgegenzuwirken, den progressiv-utopischen Ideologien folgende Aktivisten innerhalb der Kirche erzeugt haben, indem sie den Eindruck erzeugten, dass das Christentum die Durchsetzung dieser Ideologien fordere oder deren Grundlage sei.
  • Murray sieht die Kirche dabei in der Rolle, die Papst Benedikt XVI. ihr angeraten hat. Sie solle demnach konsequent jeglichem weltlichen Machtanspruch entsagen, damit sie aus einer gesunden Spannung gegenüber Staat und Politik heraus und unabhängig von diesen geistige Führung durch christliche Impulse ausüben könne. Ein stärkeres Christentum ist in diesem Zusammenhang ein weniger als bisher Staat und Politik unterworfenes Christentum.

Bereits vor einigen Jahrzehnten hatte Benedikt XVI. (noch als Joseph Ratzinger) die Krisen der Gegenwart vorausgesagt. Europa werde in Zukunft von ideologischen Moden innerlich unabhängige Christen mit „tiefen Wurzeln“ brauchen, die bereitstehen müssten, wenn die utopischen Ideologien der Moderne sich ausgebrannt hätten und die sich von ihnen abwenden Menschen aus der damit verbundenen Not heraus nach Hilfe und Orientierung suchen würden.

„Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, ihre volle, schreckliche Armut erfahren. Und sie werden dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken. Als eine Hoffnung, die sie angeht als eine Antwort, nach der sie im verborgenen immer gefragt haben.  So scheint mir gewiss zu sein, dass für die Kirche sehr schwere Zeiten bevorstehen. Ihre eigentliche Krise hat noch kaum begonnen. Man muss mit erheblichen Erschütterungen rechnen. Aber ich bin auch ganz sicher darüber, was am Ende bleiben wird: Nicht die Kirche des politischen Kultes […] sondern die Kirche des Glaubens.“

Die von Ratzinger beschriebene Lage ist noch nicht vollständig eingetreten, aber die von ihm beschriebenen Entwicklungen sind auch fast 50 Jahre nach seiner Prognose weiterhin aktuell. Um die Strukturen zu schaffen, die er beschreibt, bleibt jedoch nicht mehr viel Zeit. (FG3)